Impfskepsis in der Praxis
Vier Einwände von Herzpatienten im Evidenzcheck
Welche Rolle spielt die Influenzaimpfung in der kardiovaskulären Prävention? Bei Herzpatienten halten sich hartnäckige Vorbehalte – der Beitrag ordnet vier davon evidenzbasiert ein.
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Die saisonale Influenza ist für kardiovaskulär vorerkrankte Menschen kein banaler Infekt, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor für akute kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall (1, 2). Gerade bei Menschen mit Grunderkrankungen bleiben die Impfquoten jedoch hinter den Empfehlungen zurück. Nur etwa 28 % der Personen mit Grunderkrankung, statt der von WHO und EU geforderten 75 % in Risikogruppen, lassen sich impfen (3, 4) – nicht selten wegen wiederkehrender, gut vorhersehbarer Einwände. Dieser Beitrag stellt vier häufige Vorbehalte den vorliegenden Studiendaten und relevanten Empfehlungen gegenüber und liefert damit eine klar fundierte Argumentationslinie für das Sprechzimmer.
Influenzaimpfung als vierte Säule der kardiovaskulären Prävention
Zu den etablierten Bausteinen der medikamentösen kardiovaskulären Prävention zählen Antihypertensiva, Lipidsenker und Medikamente zur Behandlung von Diabetes mellitus. Zunehmend werden Impfungen wie die saisonale Influenzaimpfung als ergänzender, immunologisch-präventiver Baustein diskutiert: Ein Konsenspapier der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) bezeichnet die Impfung ausdrücklich als vierte Säule der kardiovaskulären Prävention (5). Ein wichtiger Hintergrund ist der bereits seit den 1930er-Jahren beschriebene epidemiologische Zusammenhang zwischen Influenzawellen und einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit (6).
Die pathophysiologische Brücke bildet die akute Infektion selbst: Über eine systemische Entzündungsreaktion, prothrombotische Effekte und endotheliale Dysfunktion kann eine Influenza die Destabilisierung atherosklerotischer Plaques begünstigen und so ein akutes Koronarsyndrom oder einen Schlaganfall auslösen (2, 5). Wird die Infektion verhindert, könnte sich auch das durch sie getriggerte kardiovaskuläre Risiko verringern. Meta-analytische Auswertungen randomisierter sowie beobachtender Studien zeigen, dass mit der Influenzaimpfung bei Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung ein niedrigeres Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse verbunden war (6, 7).
Die Impfung wird in der kardiologischen Betreuung als Bestandteil eines umfassenden Präventionskonzepts diskutiert (5). Die STIKO empfiehlt die jährliche Influenzaimpfung ausdrücklich für Menschen mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie für alle Personen ab 60 Jahren (8).
Warum Herzpatienten zögern
Trotz klarer Empfehlungen bleibt die Durchimpfung in der kardiovaskulären Risikogruppe lückenhaft. Die von WHO und EU angestrebte Zielimpfquote von 75 % für vulnerable Gruppen – insbesondere Menschen mit Grunderkrankung oder über 60-Jährige – wird in Deutschland in keinem Bundesland erreicht (3, 4).
Die IMPRESS-Befragung der Allgemeinbevölkerung durch das RKI zeigt, dass mit der Impfinanspruchnahme unter anderem einstellungs- und wissensbezogene Faktoren in Zusammenhang stehen. Viele Menschen überschätzen die Häufigkeit von Nebenwirkungen, zugleich bestehen ausgeprägte Unsicherheiten bei verbreiteten Impfmythen. Die impfbezogene Gesundheitskompetenz fällt im Mittel eher niedrig aus (9). Diese Befunde sprechen dafür, dass Unsicherheiten und Fehlvorstellungen Ansatzpunkte für gezielte Aufklärung bieten können.
Im Praxisalltag verdichten sich Vorbehalte erfahrungsgemäß zu einigen wenigen, immer wiederkehrenden Argumenten. Die folgenden vier Einwände begegnen Ihnen im Sprechzimmer besonders häufig – für jeden davon liegen belastbare Evidenz oder relevante Empfehlungen vor, mit der Sie ihm begegnen können.
Vier Einwände, vier Antworten
1. „Von der Impfung werde ich doch erst krank“
Die Sorge, die Impfung selbst löse eine Grippe oder eine ernsthafte Nebenwirkung – etwa am Herzen – aus, gehört zu den hartnäckigsten. Häufig werden lokale Impfreaktionen oder eine zufällig zeitgleiche Atemwegsinfektion fehlinterpretiert.
Die für Erwachsene empfohlenen Influenzaimpfstoffe können keine Influenza auslösen, da sie keine vermehrungsfähigen Viren enthalten. Die Sorge um eine mögliche Herzbeteiligung durch die Impfung kann allerdings spezifisch adressiert werden. Eine Analyse des US-amerikanischen Meldesystems VAERS für den Zeitraum 1990–2018 zeigte, dass Myoperikarditis nach Impfungen insgesamt selten berichtet wurde. Ein disproportionales Meldesignal fand sich nur für den Pockenimpfstoff, nicht für Influenzaimpfstoffe (10). Ergänzend zeigt eine große britische Datenbankanalyse bei Personen mit einem ersten Herzinfarkt oder Schlaganfall, dass nach der Influenzaimpfung kein Anstieg des Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisikos nachweisbar war – während eine echte Atemwegsinfektion das Risiko in den Tagen danach um ein Vielfaches erhöhte (2).
2.„Die Impfung wirkt bei mir sowieso nicht“
Viele Patientinnen und Patienten kennen die je nach Saison schwankende Wirksamkeit von Impfstoffen gegen eine Influenzainfektion und schließen daraus, die Impfung „bringe nichts". Dahinter steht meist ein Missverständnis darüber, worum es bei Herzpatienten eigentlich geht.
Für Herzpatientinnen und -patienten ist nicht nur relevant, ob eine Influenzainfektion verhindert wird, sondern auch, ob schwere kardiovaskuläre Folgeereignisse seltener auftreten. In einer Metaanalyse von sechs randomisierten Studien mit insgesamt 9.340 Patientinnen und Patienten mit ischämischer Herzkrankheit oder Herzinsuffizienz war die Influenzaimpfung mit einem niedrigeren Risiko für den zusammengesetzten Endpunkt schwerer kardiovaskulärer Ereignisse verbunden (6). Auch ein Schutz, der nicht in jeder Saison gleich gut greift, senkt für den einzelnen Patienten die Wahrscheinlichkeit, überhaupt an Influenza zu erkranken – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass der kardiale Trigger eintritt.
3.„So viele Impfungen überlasten mein Immunsystem“
Besonders bei mehreren empfohlenen Impfungen – etwa Influenza plus Pneumokokken oder COVID-19 – entsteht die Sorge einer „Überforderung“ des Immunsystems.
Das menschliche Immunsystem ist täglich einer Vielzahl von Antigenen ausgesetzt, die in einem Influenzaimpfstoff enthaltene Antigenmenge ist dagegen begrenzt und klar definiert. Die STIKO empfiehlt die jährliche Influenzaimpfung für Risikogruppen ausdrücklich und sieht die gleichzeitige Gabe mit anderen Totimpfstoffen als unproblematisch an (8).
4.„Ich bin noch nie ernsthaft an Grippe erkrankt“
Wer bislang schwere Verläufe nicht erlebt hat, unterschätzt leicht die Gefahr – gerade Herzpatienten. Hier ist der entscheidende Punkt, dass die eigentliche Bedrohung nicht die Grippe „an sich“ ist, sondern das durch sie ausgelöste kardiale Ereignis.
Eine laborbestätigte Influenzainfektion geht mit einem kurzfristig erhöhten Risiko eines akuten Herzinfarkts einher: In einer kanadischen Studie war die Infarktrate in der ersten Woche nach nachgewiesener Influenza rund sechsfach höher als in den Vergleichszeiträumen (1). Die bereits erwähnte britische Analyse zeigt in dieselbe Richtung – nach einer akuten Atemwegsinfektion stieg das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko in den ersten Tagen deutlich an, während die Impfung dieses Risiko nicht erhöhte (2). Mit anderen Worten: Eine „erste ernste Grippe“ kann sich bei einem Herzpatienten unmittelbar als akutes kardiales Ereignis manifestieren. Darauf zu warten, ist keine tragfähige Strategie.
Kommunikation, die wirkt – vom Einwand zum Gespräch
Fakten allein überzeugen selten. Entscheidend ist, wie sie vermittelt werden. Die Prinzipien der motivierenden Gesprächsführung haben sich bei Impfskepsis bewährt, weil sie Widerstand nicht verstärken, sondern die Eigenmotivation des Patienten in den Vordergrund stellen.
Lesen Sie hier mehr dazu, wie „Motivational Interviewing“ in der Impfberatung zum Einsatz kommen kann.
Für das konkrete Gespräch heißt das: nachfragen statt widersprechen, den Nutzen neben der Grippe im Allgemeinen am Herzen des Patienten festmachen, klar empfehlen statt nur anbieten – und das Thema dort platzieren, wo Prävention ohnehin stattfindet, etwa bei der Blutdruck- oder Lipidkontrolle.
Der rote Faden im Gespräch bleibt dabei stets derselbe: Die Influenzaimpfung ist für Herzpatientinnen und -patienten kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil der kardiovaskulären Vorsorge. Wer die häufigsten Einwände kennt und mit Evidenz beantworten kann, verwandelt Skepsis in eine informierte Entscheidung.
Literatur
1. Kwong JC, Schwartz KL, Campitelli MA, et al. Acute Myocardial Infarction after Laboratory-Confirmed Influenza Infection. N Engl J Med. 2018;378(4):345–353. doi:10.1056/NEJMoa1702090.
2. Smeeth L, Thomas SL, Hall AJ, et al. Risk of Myocardial Infarction and Stroke after Acute Infection or Vaccination. N Engl J Med. 2004;351(25):2611–2618. doi:10.1056/NEJMoa041747.
3. Robert Koch-Institut (2025). VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. https://www.rki.de/vacmap, abgerufen am 15.07.2026.
4. Robert Koch-Institut. Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Influenzaimpfung. https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/GesundheitsfoerderungPraeventionUndVersorgung/GesundheitsfoerderungundPraevention/VorsorgeUndFrueherkennung/Influenzaimpfung/influenzaimpfung_node.html, abgerufen am 15.07.2026.
5. Heidecker B, Libby P, Vassiliou VS, et al. Vaccination as a new form of cardiovascular prevention: a European Society of Cardiology clinical consensus statement. Eur Heart J. 2025;46(36):3518–3531. doi:10.1093/eurheartj/ehaf384.
6. Modin D, Lassen MCH, Claggett B, et al. Influenza vaccination and cardiovascular events in patients with ischaemic heart disease and heart failure: a meta-analysis. Eur J Heart Fail. 2023;25(9):1685–1692. doi:10.1002/ejhf.2945.
7. Yedlapati SH, Khan SU, Talluri S, et al. Effects of Influenza Vaccine on Mortality and Cardiovascular Outcomes in Patients With Cardiovascular Disease: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Am Heart Assoc. 2021;10(6):e019636. doi:10.1161/JAHA.120.019636.
8. Ständige Impfkommission (STIKO). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epid Bull. 2026;4. doi:10.25646/13540.
9. Robert Koch-Institut (2026). Warum wir uns impfen lassen und wann wir zögern. Ergebnisse des Forschungsprojekts IMPRESS: Impfverhalten verstehen, Preparedness steigern. Schwerpunkt: Allgemeinbevölkerung. Berlin: RKI; 2026. Abrufbar unter: www.rki.de, abgerufen am 15.07.2026.
10. Su JR, McNeil MM, Welsh KJ, et al. Myopericarditis after vaccination, Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS), 1990–2018. Vaccine. 2021;39(5):839–845. doi:10.1016/j.vaccine.2020.12.046.
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