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Patientenorganisation

„Wenn Lockdown, dann differenzierter“

Chronisch Kranke sind wahrscheinlich die Hauptleidtragenden des Lockdowns im Gesundheitswesen. Patientenorganisationen fordern, künftig differenzierter vorzugehen und die medizinischen Folgen genauer zu untersuchen.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 03.09.2020, 18:32 Uhr

Nicht erkannte gefährliche Krankheitssymptome, unversorgte Notfälle, Angst vor Infektionen in Krankenhausambulanzen und Arztpraxen, Unterbrechung der an sich notwendigen kontinuierlichen Versorgung. „Wir haben als eine der ersten darauf hingewiesen, dass nicht die mit dem Corona-Virus Infizierten, sondern chronisch kranke Menschen die Hauptleidtragenden des Lockdowns im März und April sind“, resümiert Dr. Ilona Köster-Steinebach vom Aktionsbündnis Patientensicherheit. Aufgrund verschleppter Diagnosen, nicht erkannter Notfälle und Therapieunterbrechungen seien gesundheitliche Auswirkungen in noch nicht bekanntem Ausmaß zu erwarten.

Ähnlich sieht Dr. Martin Danner von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Selbsthilfe die Folgen der Abwehrmaßnahmen gegen die Pandemie. Ein Grund dafür sei, dass viele chronisch Kranke sich aus Furcht vor der Infektion nicht mehr in Arztpraxen oder Krankenhäuser getraut hätten. Ursächlich seien aber auch organisatorische Defizite in Praxen und Kliniken gewesen. Kliniken hätten Krebspatienten weggeschickt, mit dem Argument, Kapazitäten für COVID-19-Patienten freihalten zu müssen. Niedergelassene Ärzte hätten Sprechstundenzeiten verkürzt. Die Einhaltung von Abstandsregeln bei begrenzten Raumkapazitäten in Wartezimmern sowie fehlende Atemschutzmasken haben das Problem verschärft.

Erneut, so kritisiert Köster-Steinebach, habe sich gezeigt, dass das deutsche Gesundheitswesen erhebliche Mängel an den Schnittstellen aufweise. Ein Beispiel sei die pflegerische Versorgung von Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt in einem Altenheim oder durch ambulante Pflegedienste. So habe es Fälle gegeben, in denen Pflegeheime Bewohner nach einer stationären Versorgung nicht zurückgenommen hätten.

Als weiteres Beispiel nennt Köster-Steinebach den Zugang zur Schmerztherapie. Hier sei die ohnehin schon unzureichende Versorgungskapazität auf ein Viertel reduziert worden. Man wisse aber, dass bereits nach sechs Wochen andauernden Schmerzes eine Chronifizierung von Schmerzzuständen eintreten kann.

Der Umgang mit der Pandemie habe Mängel offengelegt, die schon seit langem existierten, kritisiert Köster-Steinebach, womit sie ausdrücklich den Ärzten selbst keinen Vorwurf machen will: die mangelnde Ausrüstung insbesondere mit Atemschutzmasken, die unzulängliche Hygieneschulung des Personals, die Organisation der Trennung von Patienten mit und ohne Verdacht auf Infektion sowie die Schwierigkeiten beim Telefon-Management.

Sie wie auch Martin Danner plädieren dafür, mit Blick auf einen bei steigenden Infiziertenzahlen wieder möglichen Lockdown die Schwachstellen und die Defizite systematisch zu untersuchen, um künftig bei notwendigen sozialen Isolationen wesentlich differenzierter vorzugehen. Köster-Steinebach: „Wir brauchen eine Struktur mit klaren Verantwortlichkeiten und festumschriebenen Zielen, verbunden mit einem Monitoring.“

Die große Hoffnung der Patientenorganisationen richten sich auf die Entwicklung von Impfstoffen. Da diese anfänglich wahrscheinlich nicht in einer Menge zur Verfügung stehen, um die gesamte Bevölkerung zu impfen, sei ein sensibler Umgang mit einer Priorisierung notwendig, fordert Danner.

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