Ärzte und Pflege

Wie Patienten nicht zur „Last“ werden

Pflege ist ein Gesundheitsrisiko – für Pflegeberufe selbst. Spezielle Geräte, Techniken und Trainings können helfen. Doch das ist nicht trivial.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 02.12.2019, 07:05 Uhr
Wie Patienten nicht zur „Last“ werden

Die richtige Körperhaltung gegen Rückenschäden. Krankenpflegerin am Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin.

© Monique Wüstenhagen

Mit 8,6 AU-Tagen je Versicherungsjahr bei Muskel- und Skeletterkrankungen ist das Risiko für Pflegeberufe um rund 50 Prozent höher als der Schnitt aller Berufe.

Und das Risiko wächst: durch Arbeitsverdichtung aufgrund von Rationalisierungsnotwendigkeiten und Arbeitskräfteknappheit, aber auch, weil immer mehr ältere Menschen übergewichtig sind und so das Pflegepersonal vor wachsende körperliche Herausforderungen stellt.

Was für die Mitarbeiter in der Pflege individuelles Leid und Schmerz bedeutet, ist für die Arbeitgeber in Kliniken und Heimen ein Kostenrisiko durch Lohnfortzahlung und Produktivitätsausfälle – und für die noch gesunden Kollegen nicht selten eine zusätzliche Arbeitsbelastung. Denn Patientenversorgung ist in vielen Fällen nicht aufschiebbar und stürzt Personal- wie Stations-und Pflegedienstleitungen nicht selten in ein Dilemma.

Das trifft auch Berlins größten kommunalen Krankenhausbetreiber Vivantes. Allein in der Pflege sind dort 4640 beschäftigt. Betriebliches Gesundheitsmanagement hat von daher einen hohen Stellenwert, wie der leitende Betriebsarzt Dr. Peter Kohlstrung im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ sagt.

Mitarbeiter zu Multiplikatoren weiterentwickeln

Vivantes bietet als betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) das Programm „Rücken aktiv“ an, in dessen Rahmen zwei Mitarbeiter aus dem Pflegebereich und ein unter Leitung einer Betriebsärztin Physiotherapeut an den jeweiligen Standorten spezielle Kurse veranstaltet.

Im Bereich der Klinikpflege sind die Kurse inzwischen implementiert, in den nächsten Jahren sollen auch die Vivantes-eigenen Altenpflegeheime und die Reinigungskräfte der Vivantes-Tochter erreicht werden.

„Rücken aktiv“ ist modular aufgebaut: Analysiert werden bei einer Arbeitsplatzbegehung die Herausforderungen und Risiken für Muskel- und Skeletterkrankungen. Verhältnis- und Verhaltensprävention spielen dabei gleichermaßen eine Rolle: Die Mitarbeiter in der Pflege sollen alle Möglichkeiten und Instrumente nutzen und zur Verfügung haben, die ihnen die Arbeit erleichtern und Risiken reduzieren können.

Und es geht darum, dass jeder die richtigen und schonendsten Lagerungstechniken beherrscht und praktiziert. Ein Ziel von „Rücken aktiv“ ist, an den Standorten einzelne Mitarbeiter als Multiplikatoren so weiter zu qualifizieren, dass das Programm auch künftig in den Abteilungen eingesetzt wird und in der Breite wirkt.

Die Grundlagen für rückengerechtes Arbeiten würden zwar in der Ausbildung gelegt, aber nicht in jedem Fall so vertieft, dass sie in Fleisch und Blut übergehen, sagt Kohlstrung.

Manche Erleichterungen bleiben ungenutzt

Die körperlichen Belastungen seien auch je nach Abteilung unterschiedlich, besonders ausgeprägt etwa in Unfallchirurgie oder Geriatrie. Ein Wechsel in solche hoch belastenden Abteilungen erzeuge Schulungsbedarf.

Arbeitserleichterungen sind Lagerungshilfen wie Gleitfolien, auf denen Patienten mit weniger Kraftaufwand umgebettet werden können. Auch Lifter und Hebevorrichtungen gibt es.

Sie bleiben mitunter aber ungenutzt, weil sie erst aus Lagerräumen herbeigeschafft werden müssen. Sind diese nicht in nächster Nähe – gerade in verwinkelten Altbauten ist das ein Problem – wird aus Zeitgründen auf ihren Einsatz verzichtet.

Die Ursachen für risikobehaftetes Arbeiten sind komplex: veraltete Baustruktur, lange komplizierte Wege, die Zeit fressen, Personalknappheit in der Pflege – das sind die Bedingungen, unter denen Arbeit in einem gefährlichen Hauruck-Verfahren erledigt werden, sprichwörtlich auf dem Rücken der Mitarbeiter.

Modernisierung und Arbeitserleichterung erfordern zu ihrer Umsetzung auch Zeit-und Kosteneinsatz. Laut Kohlstrung sind inzwischen alle Klinikbetten höhenverstellbar, aber noch nicht alle mit Elektromotoren ausgerüstet. Dies werde allerdings angestrebt.

Bleischürze keine „Erleichterung“

Jedoch sind technische Neuerungen nicht immer eine wirkliche Erleichterung. Zum Beispiel die Bleischürze für Ärzte zum Schutz vor Röntgenstrahlung. Je nach Bleiäquivalent wiegt eine konventionelle Bleischürze sieben bis acht Kilo, die stundenlang entweder nur auf der Schulter des Arztes lasten oder die in Alternativmodellen die Last auf Schulter und Hüfte verteilen.

Je nach Arbeitsplan arbeiten beispielsweise Kardiologen und Chirurgen stundenlang mit solchen Gewichten – im Stehen.

Die aufhängbare Bleischürze sollte Ärzte davon entlasten. Im Arbeitsalltag zeigte sich allerdings, dass sie die Bewegungsmöglichkeiten der Operateure stark einschränkt und so die Einsatzmöglichkeiten sehr begrenzt sind. Kohlstrung: „Das sieht im Prospekt sehr schön aus, ist aber im Praxisalltag nicht immer tauglich.“

Ein anderer Engpassfaktor für die Umsetzung des BGM sind Arbeitsverdichtung und Personalknappheit auf den Stationen. Grundsätzlich werden Trainings während der Arbeitszeit durchgeführt.

Das führt zum zeitweiligen Entzug von Kapazitäten auf Stationen oder in Funktionseinheiten. So können BGM-Maßnahmen grundsätzlich nur in Abstimmung mit den Pflegedienst- und Stationsleitungen anberaumt werden – stets mit Konsequenzen für den Dienstplan.

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