Schulsport

„Wir brauchen Köpfe mit Herz“

Bewegung gehört zum Natürlichsten, was Kinder mögen. Gleichwohl sind immer mehr Kinder motorisch gestört und Krankheiten des Muskel- und Skelettapparats programmiert. Pädiater rufen dringend nach mehr Investitionen.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 02.12.2019, 07:01 Uhr
„Wir brauchen Köpfe mit Herz“

Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang – aber oft vergrault der Schulsport ihnen die Lust daran.

© Peter Enzinger / mauritius images

„Kinder sind unsere Zukunft. Darum müssen alle politischen Entscheidungen darauf abgeklopft werden, ob sie Kindern nützen. Für das Bildungssystem brauchen wir mehr Köpfe, und die besten von ihnen für die Kleinen – aber das Gegenteil ist heute der Fall.“

Der Neuropädiater Dr. Andreas Sprinz aus Kempten ist sichtlich erbost, wenn man ihn auf den Zustand und Stellenwert des Schulsports und die gesundheitlichen Fehlentwicklungen anspricht, mit denen er als Kinderarzt konfrontiert wird.

Aber er gesteht zu, dass fundierte wissenschaftliche Untersuchungen, wie sie beispielsweise in KiGGS dokumentiert sind, für Probleme des Bewegungsapparats in Deutschland nicht existieren. Aber alle seine Kollegen hätten das sichere Gefühl, dass sich die Problemlage seit Jahren verschärft.

Soziale Benachteiligung

Die Symptome erscheinen zunächst banal: Ein zunehmender Teil von Kindern, deren Feinmotorik sich langsamer entwickelt als es die Norm wäre. Das äußerst sich etwa daran, dass diese Kinder, wenn sie in die Schule kommen, keinen Knoten binden können.

Oder immer mehr Kinder, die tapsig sind, natürliche Bewegungen schlechter oder langsamer koordinieren können. Im Sport sind sie die Letzten, stehen abseits, werden gehänselt, demotiviert. Kinder aus unteren Gesellschaftsmilieus seien fünfmal häufiger betroffen als im Durchschnitt.

Das betrifft Fähigkeiten von Kindern, die geübt werden müssen. Das kostet Zeit, die etwa Eltern oder Erzieher in Kitas und Grundschulen investieren müssten. Eltern hätten jedoch oft keine Zeit, weil sie in mehreren prekären Arbeitsverhältnissen jobben oder die Energie zum Training nicht aufbrächten.

Oder die einfach nicht wissen, was zu tun ist, die nie erlernt haben, gesunde Mahlzeiten zuzubereiten. Resultat: Fehlernährung, Fast Food, zu viel Süßes, Übergewicht.

Dabei, so Pädiater Sprinz, sei Bewegung für Kinder das Natürlichste überhaupt: Durch Bewegung werden Endorphine ausgeschüttet, die Freude erzeugen und somit die Bewegungslust befeuern. Dazu bedarf es auch der Erziehungsleistung im Elternhaus, in der Kita und in den Schulen – aber dort ist der Mangel zu Hause.

„Das ist sehr personalintensiv, und es erfordert Köpfe mit Herz“, sagt Sprinz. Notwendig seien Kleingruppen von Kindern mit individueller Betreuung, nicht jedoch, wie heute oft üblich Gruppen von 20 Kindern.

Gebraucht würden Erzieher mit Empathie und nicht unbedingt hoher Formalkompetenz, um Kindern Freude zu vermitteln. Aber Ehrenamtliche könnten professionelle Pädagogen nur ergänzen, keinesfalls ersetzen.

Bayern kein Vorbild

Richtig sauer ist Sprinz auf das Bildungssystem in Bayern, das er für alles andere als vorbildlich hält. Der bayerische Traditionalismus habe dazu geführt, dass es viel zu wenig Kitas gebe.

Die Folge: Die Kinder werden mit fünf Euro auf die Straße geschickt. In der Schule würden die Kinder in ein erbarmungsloses Leistungssystem gesteckt: „Da vergeht den Schülern durch bulimisches Lernen die Lust am Lernen.“

Eine ähnliche Fehlentwicklung sieht der Kinderarzt auch im Schulsport – abgesehen davon, dass näherungsweise jede dritte Sportstunde ausfällt. Das System sei auf Leistung, Druck und Aussonderung ausgerichtet, wer nicht mithalten könne, werde gehänselt.

Außerdem gebe es gravierende Gender-Phänomene: Grundsätzlich seien Jungen und Mädchen körperlich und sportlich gleich leistungsfähig, allerdings mit unterschiedlichen Präferenzen für die verschiedenen Sportarten.

Die „absolute Dominanz“ von Fußball führe zu einer Fokussierung des Schulsports auf Jungen und damit zu einer systematischen Benachteiligung von Mädchen. Es mangele einfach daran, die natürliche Bewegungsfreude aller Kinder zu nutzen und daraus Kompetenz für Bewegungsvielfalt zu entwickeln.

Milliardenhoher Investitionsstau

Es ist ein dickes Brett, das Kinderärzte, die von allen Medizinern in der Prävention wohl am engagiertesten sind, politisch bohren müssen. Immerhin: Zwischen den Pädiatern, ihrem Berufsverband und den Bildungspolitikern vor allem in den Kultusministern herrsche durchaus keine Sprachlosigkeit.

Aber von dieser Überzeugungsarbeit ist bislang wenig in Realpolitik umgesetzt worden. Lehrermangel, Unterbewertung der erzieherischen Leistung von Grundschullehrern und fehlende Pädagogen an Kitas gehören zum Alltagsbild.

Dazu gehört auch ein Sanierungs- und Modernisierungsstau bei Sportstätten und Schwimmbädern. In den 1960er und 1970er Jahren war Deutschland vorbildlich mit modernen Sportanlagen ausgerüstet.

Hier wurde kaputtgespart, manche Turnhallen sind sogar gesundheitsgefährdend. Auf 20 Milliarden Euro schätzen Experten den Modernisierungsbedarf für die rund 220.000 Sportstätten.

Der Bund – verantwortlich dort ist Innenminister Horst Seehofer (CSU) – fördert im Vier-Jahres-Zeitraum 2019 bis 2022 – 160 Projekte mit einem Bundeszuschuss von 276 Millionen Euro. Weiter können Wunsch und Wirklichkeit nicht auseinanderklaffen.

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