Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

1. Deutscher Präventionsgipfel

Wissenschaftler und Politiker fordern: Mehr Prävention wagen!

In Berlin diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Selbstverwaltung auf Einladung der AOK Strategien gegen die hohe Krankheitslast durch nichtübertragbare Erkrankungen. Ein Thema dabei: Was bringen eine Zuckersteuer und höhere Abgaben auf Alkohol und Tabak?

Von Frank Brunner Veröffentlicht:
Podiumsdiskussion beim Präventionsgipfel in Berlin

Wie lässt sich eine nachhaltige Präventionsstrategie erarbeiten? Darüber diskutierten auf dem 1. Präventionsgipfel (v.l.) Sabine Dittmar (SPD), Simone Borchardt (CDU), Dr. Tanja Busse, Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen) und AOK-Vorständin Dr. Carola Reimann.

© AOK / Stefan Melchior

Hintergrund des 1. Deutschen Präventionsgipfels des AOK-Bundesverbandes sind steigende Gesundheitsausgaben, demografischer Wandel und ein schwaches Abschneiden der Bundesrepublik im europäischen Public-Health-Index.

AOK-Vorständin Dr. Carola Reimann forderte deshalb eine gesundheitspolitische Gesamtstrategie: „Wenn wir das Thema politisch priorisieren und jetzt eine echte Präventionswende einleiten, gibt es die Chance auf mehr gesunde Lebensjahre, weniger Behandlungskosten und ein stabileres Gesundheitssystem.“

Fünf Risikofaktoren

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht ungenutzte Potenziale. WHO-Europa-Direktor Dr. Gundo Aurel Weiler verwies darauf, dass jedes Jahr rund eine Million Menschen in Europa vorzeitig sterben, obwohl viele dieser Todesfälle durch Prävention vermeidbar wären. Zentral seien fünf Risikofaktoren: Alkohol, Tabak, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Luftverschmutzung.

Rund 80 Prozent der vorzeitigen Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen hingen unmittelbar mit solchen Faktoren zusammen. Eine konsequentere Präventionspolitik könne hierzulande beispielsweise jährlich rund 63.000 Krebserkrankungen vermeiden und Einsparungen von etwa elf Milliarden Euro im Gesundheitssystem ermöglichen.

Nicht nur hohe Behandlungskosten

Der Gesundheitsökonom Prof. Michael Laxy (Technische Universität München) unterstrich die ökonomische Dimension. Nichtübertragbare Krankheiten verursachten sowohl hohe direkte Behandlungskosten als auch indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle, Frühverrentung oder Pflegebedarf.

Gleichzeitig zeige die Evidenz, dass strukturelle Maßnahmen – etwa Steuern auf Tabak, Alkohol oder stark zuckerhaltige Produkte sowie Werbebeschränkungen – häufig kosteneffizienter seien als reine Verhaltensprogramme. Solche Maßnahmen hätten zwar pro Person oft nur moderate Effekte, erreichten aber große Bevölkerungsgruppen und könnten damit erhebliche gesundheitliche Gewinne erzielen.

Prof. Martin Scherer (Universitätsmedizin Hamburg-Eppendorf) warnte zugleich vor einer übermäßigen Medikalisierung von Prävention. Früherkennung und medikamentöse Risikobehandlung seien wichtig, dürften jedoch nicht mit Prävention gleichgesetzt werden. „Die großen Hebel liegen vor der Praxis- und Kliniktür“, sagte der Allgemeinmediziner. Maßnahmen im Gesundheitswesen allein könnten die gesellschaftlichen Ursachen von Risikofaktoren nicht lösen.

Politische Perspektive

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) betonte in ihrer Eröffnungsrede die Bedeutung von Prävention für die langfristige Stabilität des Gesundheitssystems. Viele der häufigsten Krankheiten – etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten – würden maßgeblich durch vermeidbare Risikofaktoren beeinflusst. Prävention könne Leid verhindern, Ressourcen schonen und die Folgen des demografischen Wandels abmildern. Gleichzeitig kündigte sie an, eine nationale Präventionsstrategie entwickeln zu wollen, um die bislang zersplitterten Aktivitäten besser zu bündeln.

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In der anschließenden Podiumsdiskussion zeigten sich parteiübergreifend große Schnittmengen – aber auch unterschiedliche politische Akzente. Simone Borchardt (CDU) sprach sich für eine stärkere Ausrichtung des Systems auf Gesunderhaltung aus. Das derzeitige Gesundheitswesen sei stark auf Behandlung ausgerichtet. „Wir müssen das System wieder vom Kopf auf die Füße stellen“, sagte sie mit Blick auf Prävention und Gesundheitskompetenz.

Versäumnisse der Vergangenheit

Sabine Dittmar (SPD) verwies dagegen auf politische Versäumnisse der Vergangenheit. Viele Maßnahmen – etwa Reduktionsstrategien für Zucker oder Ernährungsempfehlungen – seien zu lange auf freiwilliger Basis umgesetzt worden. Für wirksame Prävention brauche es „regulatorische und verpflichtende Elemente“.

Die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther machte vor allem wirtschaftliche Interessen für das bisher zögerliche Vorgehen verantwortlich. „Die Zuckerlobby ist enorm stark, die Alkohollobby ist enorm stark, die Tabaklobby ist enorm stark“, sagte sie. Gleichzeitig plädierte sie für konkrete Schritte wie höhere Verbrauchsteuern, Werbebeschränkungen und eine geringere Verfügbarkeit gesundheitsschädlicher Produkte.

AOK-Vorständin Reimann betonte zum Abschluss: Prävention dürfe nicht allein auf individuelles Verhalten abzielen. „Langsam setzt sich auch hierzulande die Einsicht durch, dass Prävention nicht nur eine Frage des Lebensstils ist.“ Entscheidend seien Rahmenbedingungen, die das gesunde Verhalten im Alltag erleichtern.

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