Direkt zum Inhaltsbereich
Kooperation | In Kooperation mit: medizinischen Fachgesellschaften und in der Onkologie aktiven Pharmaunternehmen

Aktionsbündnis Patientensicherheit

Crashtests für Behandlungsteams

Dr. Ruth Hecker vom Aktionsbündnis Patientensicherheit plädiert dafür, Routinen zur Fehlervermeidung aus anderen Hochrisikoorganisationen in die Medizin zu übernehmen.

Von Günter Löffelmann Veröffentlicht:
Dr. Ruth Hecker ist Vorstand des Aktionsbündnis Patientensicherheit, Fachärztinfür Anästhesie und Chief Patient Safety Officer an der Universitätsklinik Essen

Dr. Ruth Hecker ist Vorstand des Aktionsbündnis Patientensicherheit, Fachärztin für Anästhesie und Chief Patient Safety Officer an der Universitätsklinik Essen

© Helen Carine

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Hecker, wie viele Behandlungsfehler ereignen sich jährlich in Deutschland?

Dr. Ruth Hecker: Das ist kaum zu sagen. In Deutschland werden nur jene Fälle systematisch erfasst, in denen Patienten rechtliche Ansprüche wegen eines echten oder vermeintlichen Behandlungsfehlers geltend machen. Studien belegen, dass auf einen solchen juristisch verfolgten Behandlungsfehler 30 andere kommen, die nicht bekannt werden. Epidemiologische Daten haben wir leider nicht.

Die Körperschaften sorgen sich nach wie vor, dass die tatsächlichen Zahlen zu einer Skandalisierung führen würden. Wir sprechen übrigens von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen und nicht von Behandlungsfehlern.

Womit haben wir es in der Onkologie zu tun?

Was überall passiert, passiert auch in der Onkologie – es werden Patienten verwechselt, es werden Körperseiten und Proben verwechselt, es werden die falschen Medikamente verabreicht, Strahlungsdosen falsch berechnet usw.

Dr. Ruth Hecker ist Vorstand des Aktionsbündnis Patientensicherheit, Fachärztin für Anästhesie und Chief Patient Safety Officer an der Universitätsklinik Essen

Und wie kommt es dazu?

In den wenigsten Fällen sind vermeidbare unerwünschte Ereignisse auf fachliche Defizite zurückzuführen. Hauptursache ist eine unzureichende Kommunikation, sie spielt bei rund 50 % aller Fälle eine wesentliche Rolle. Da werden Befunde nicht übermittelt, nicht richtig dokumentiert oder nicht richtig verstanden.

Das kann an der Fitness, der Stressresistenz und mangelnder Multitasking-Fähigkeit der einzelnen Personen liegen, aber auch an Rahmenbedingungen, die Fehler begünstigen oder geradezu herausfordern: Zeit- und Kostendruck beispielsweise, oder Systeme und Benutzeroberflächen, die schwer zu bedienen sind. Human- und Systemfaktoren können sich so gegenseitig beeinflussen.

Aber es gibt auch die Fälle, in denen eine langjährige Routine zu Fixierung, Unachtsamkeit und Überheblichkeit führt oder ein Übernahmeverschulden vorliegt.

Wie lassen sich Fehlerquellen beseitigen?

Wir müssen zunächst eine gewisse Selbstverständlichkeit dafür herstellen, dass Fehler passieren können und analysiert werden sollten. Hier herrscht deutlich mehr Offenheit als in der Vergangenheit. Patientensicherheit ist heute kein Unwort mehr, aber es ist noch viel zu tun. Dann sollten wir meiner Ansicht nach prüfen, inwiefern wir Prozesse aus der Luftfahrt, der Kernenergie oder auch dem Bankenwesen auf die Medizin übertragen können.

In diesen Bereichen wurden Standards etabliert, um sich vor Risiken zu schützen, es werden Crashtests durchgeführt, Störfälle inszeniert und Lösungsansätze durchgespielt. Meines Wissens sind derartige Routinen und Trainings in der Medizin nur in wenigen Einrichtungen etabliert. Und schließlich würde ich mir auch wünschen, dass die Politik sich bei Zielsetzungen und Entscheidungen fragt, ob diese auch der Patientensicherheit dienen.

Könnte ein höherer Digitalisierungsgrad die Sicherheit verbessern?

Davon ist auszugehen, und in diesem Bereich haben wir erheblichen Nachholbedarf, die zuständigen Institutionen haben 15 Jahre lang nichts vorangebracht. Digitale Technologien können sicherlich die Kommunikation verbessern und dafür sorgen, dass Informationen über Patienten wesentlich besser als bisher zur Verfügung stehen. Auch die Vernetzung von Krebszentren und kleineren Kliniken oder Praxen wird sich verbessern und damit auch die Verfügbarkeit einer qualitativ hochwertigen Versorgung in der Fläche.

Allerdings darf man auch keine Wunder erwarten. Auch eine elektronische Patientenakte kann man fehlerhaft ausfüllen. Und – was kaum jemand auf dem Schirm hat – durch falsche Digitalisierung können auch neue Risiken entstehen, und zwar beileibe nicht nur hinsichtlich des Datenschutzes.

Schlagworte:
Mehr zum Thema

27 Krebsarten in der Analyse

Gesund leben, Krebsrisiko senken: Studie untermauert Zusammenhang

Neue Therapieoption beim rezidivierten oder refraktären Multiplen Myelom (RRMM)

Teclistamab-Daratumumab erzielt bislang unerreichten PFS-Vorteil bei RRMM ab dem 1. Rezidiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, a Johnson & Johnson company, Neuss
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Studie MajesTEC-3: progressionsfreies Überlebenc

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neue Therapieoption beim rezidivierten oder refraktären Multiplen Myelom (RRMM)

Teclistamab-Daratumumab erzielt bislang unerreichten PFS-Vorteil bei RRMM ab dem 1. Rezidiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, a Johnson & Johnson company, Neuss
Abb. 1: MATTERHORN-Regime beim GC/GEJC: ereignisfreies Überleben (EFS)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Perioperativ behandeln – kurativ denken

Durvalumab-basierte Therapie bei drei Tumorentitäten

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg

BCMA-gerichtete CAR-T-Zelltherapie rückt nach vorn

Cilta-cel setzt Standards im ersten Rezidiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, Neuss, a Johnson & Johnson company
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

„ÄrzteTag“-Podcast

Die Impfsaison startet: Wie gehen Sie vor, Dr. Fleischhauer?

Prognose meist günstig

Schulterschmerzen in der Hausarztpraxis: Aufklären statt röntgen!

Lesetipps
 Nebenniereninsuffizienz

© Sebastian Kaulitzki / stock.adobe.com

Therapie mit Glukokortikoiden

Was beim Absetzen von Steroiden zu beachten ist