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GASTKOMMENTAR

Wunsch-Sectio: ein relevanter Trend!

Von Joachim W. Dudenhausen Veröffentlicht:

Der Kaiserschnitt ohne jede medizinische Indikation ist eine Mär der Medien. So lautet zumindest ein zentrales Ergebnis der Studie der Gmünder Ersatzkasse (GEK) unter Leitung von Professor Petra Kolip vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen.

Nach dieser retrospektiven Fragebogenaktion brachten nur 28 von insgesamt 1339 Frauen, also nur etwa zwei Prozent der Frauen, bei denen eine Sectio vorgenommen wurde, ihr Kind ohne medizinische Indikation zum Kaiserschnitt zur Welt.

Es dürfte jedoch zweifelhaft sein, ob diese retrospektive Erhebung das ganze Ausmaß zeigt: Denn von den insgesamt 2800 GEK-Mitgliedern, die für diese Studie im Sommer 2005 über ihre Schnittentbindung im Jahre 2004 befragt worden waren, hatten nur 1339 Frauen geantwortet. Nur ihre Angaben wurden bei der Auswertung berücksichtigt.

14 000 Kaiserschnitte auf Wunsch pro Jahr?

Der ärztliche Eindruck aus der täglichen Beratungspraxis ist vor allem, daß der Wunsch nach einem Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation sehr häufig vorgetragen wird. Es ist zu vermuten, daß Wunsch-Kaiserschnitte nicht bei zwei Prozent aller Schnittentbindungen, sondern eher bei zwei Prozent aller Geburten gemacht werden.

Rechnet man das auf ganz Deutschland hoch, so bedeutet dies etwa für 2004 in absoluten Zahlen: Bei einer Gesamtgeburtenzahl von rund 700 000 gab es 14 000 Schnittentbindungen ohne medizinische Indikation bei einer Gesamtsectiorate von ungefähr 190 000. Diese grobe Kalkulation scheint mir mehr als eine Medien-Mär zu sein, sondern eine gesellschaftlich relevante Tendenz.

Manche Frauen lassen sich durch Aufklärung über die möglichen Folgen einer Sectio bei weiteren Schwangerschaften, etwa Implantationsstörungen und Placenta praevia, zwar umstimmen, häufig erfolgt am Ende aber doch eine Sectio, weil relative Indikationen für den Eingriff bestehen, etwa Beckenendlage des Kindes oder Zwillingsschwangerschaft.

Anspruch der werdenden Eltern ist gewachsen

Der Wunsch nach einer Sectio ohne medizinische Indikation ist Teil des gesellschaftlichen Prozesses "Das kostbare Kind". Bei sinkender Geburtenzahl pro Paar erheben werdende Eltern zunehmend den Anspruch auf ein Kind ohne Makel. Es ist nicht allein Aufgabe des geburtshilflichen Teams, also der Geburtsmediziner und der Hebamme, auf diesen Trend ändernd und lenkend einzuwirken, sondern es muß eine Aufgabe des gesellschaftlichen Diskurses sein, diesen Anspruch zu reflektieren.

Professor Joachim W. Dudenhausen ist Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Campus Virchow-Klinikum sowie am Campus Benjamin Franklin der Berliner Charité.

Lesen Sie dazu auch: Debatte um Wunsch-Sectio

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