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BUCHTIP

Leidensgeschichten mit einem Hang zur Übertreibung

Von Wenzel Müller Veröffentlicht:

"Eine Famulatur besteht ja nicht nur aus dem Zuschauen bei komplizierten Darmoperationen, aus Bauchfellaufschneiden, Lungenflügelzuklammern und Fußabsägen, sie besteht wirklich nicht nur aus Totenaugenzudrücken und aus Kinderherausziehen in die Welt. Eine Famulatur ist nicht nur das: abgesägte ganze und halbe Beine über die Schulter in den Emailkübel werfen."

Das sind die ersten Sätze in Thomas Bernhards erstem Roman "Frost" aus dem Jahr 1963. Hier finden sich schon jene Stilmerkmale, die signifikant für den österreichischen Autor werden sollten: das Spiel mit dem Entsetzen, die verspielt-umständliche Konstruktion, das apodiktische Urteil, der Hang zur Übertreibung. Hier schlägt er auch bereits jenes Thema an, das sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen wird: die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod.

"Die Krankheit ist mein Kapital", sagte einmal der Autor, der gerade in seinen autobiografischen Werken "Der Atem" und "Die Kälte" von seiner eigenen Leidensgeschichte erzählt. Als Jugendlicher war er in die Lungenheilanstalt eingeliefert worden, galt als hoffnungsloser Fall und hatte bereits die letzte Ölung erhalten.

Doch dann rettete Bernhard sich selber, so berichtet er selbst in "Der Atem": "Ich wollte leben, und alles andere bedeutete nichts. Leben, und zwar mein Leben, wie und solange ich es will..." Als Lungenkranker sollte er allerdings ein Leben lang Medikamente nehmen müssen, bis er dann vor 15 Jahren, am 12. Februar 1989, im oberösterreichischen Gmunden gestorben ist. Medizinisch betreut wurde er von seinem Halbbruder Dr. Peter Fabjan, praktischer Arzt in Gmunden.

Fabjan kümmert sich heute um Bernhards literarischem Nachlaß - etwa 20 000 Blätter, die Fabjan in Schachteln und Schubladen gefunden hatte. Fabjan gründete damit das Thomas-Bernhard-Archiv in der Villa Stonborough-Wittgenstein am Traunsee. Ein Juwelierladen kann kaum aufwendiger geschützt werden als diese Bernhard-Forschungsstelle. Türen und Fenster sind gegen Einbruch gesichert, und eine Feuermeldeanlage wacht über das Depot mit Tresor.

Alle diese Sicherungsmaßnahmen dienen nicht allein der Bewahrung eines kulturellen Erbes, sondern auch eines materiellen Wertes. Bernhards Arbeiten erzielen auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise. So hat ein Antiquariat erst zuletzt Bernhards Abschlußarbeit, eine szenische Bearbeitung von Thomas Wolfes "Herrenhaus", für 400 000 Euro angeboten.

Über den Nachlaß - veröffentlichte und unveröffentlichte Werke, Lyrik, Dramen, Romane und des Dichters Korrespondenz mit Theatern und Verlagen - wacht der Germanist Martin Huber. Er hat einiges nachzuholen, denn der Autor hatte sein Werk nicht systematisch geordnet. Doch obwohl Bernhard oft wütete und schimpfte - so etwas wie eine Zerstörungswut gegenüber seinem eigenen Werk ist nicht bekannt.

Der Suhrkamp Verlag gibt derzeit eine neue Werkausgabe heraus. 22 Bände sind vorgesehen. Erschienen sind bereits Werk 1 ("Frost", ISBN 3518415018, 34,90 Euro), Werk 2 ("Verstörung",ISBN 3518415026, 29,90 Euro) und Werk 14 ("Kurzprosa").

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