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Corona-Pandemie

Lockdowns: Ein hoher Preis für den Nachwuchs

Die unmittelbare Krankheitslast durch COVID-19 war bei Kindern und Jugendlichen zwar gering – aber die gesundheitlichen und sozialen Schäden von Lockdowns, Kita- und Schulschließungen sind gravierend und nachhaltig.

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Auch wenn es einzelne Fälle von Kindern und Jugendlichen mit schwerem COVID-19-Verlauf gab, so blieb eine Infektion in diesen Altersgruppen doch meist ohne schwere Symptome. Da infizierte Minderjährige allerdings als ein erhebliches Risiko für Übertragungen auf Erwachsene und insbesondere Senioren angesehen wurden, verlangte man von ihnen in besonderem Maße eine Beschränkung sozialer Kontakte: durch Kita- und Schulschließungen, ja sogar Sperrungen von Kinderspielplätzen in den ersten Pandemiewellen. Das sei für den Schutz vulnerabler Gruppen auch effektiv gewesen, so Professor Christian Drosten von der Charité.

Isolationen unangemessen

Die Folgen sind allerdings gravierend, so Professor Reinhard Berner vom Uniklinikum Carl Gustav Carus in Dresden: Die fehlende Immunität durch Lockdowns hat in der Folge zu einer „massiven Zunahme von viralen und bakteriellen Infektionskrankheiten geführt. Das Ausmaß übersteigt bei weitem die Krankheitslast durch COVID-19“.

Rückblickend erscheint Berner das deutsche Vorgehen auch im EU-Vergleich als unangemessen: An 74 Tagen waren Schulen vollständig, an weiteren 109 Tagen teilweise geschlossen. Höhere oder ähnlich hohe Zahlen habe man nur in Polen und Österreich gesehen. Am unteren Ende steht Schweden, wo Schulen nur 20 Tage ganz und 11 Tage teilweise geschlossen waren. Auch der Virologe Professor Christian Drosten bewertet die deutschen Schulschließungen Ende 2020 als wahrscheinlich unnötig.

Als Folge der Beschränkung von Sozialkontakten, gerade auch unter gleichaltrigen Freunden, stieg beispielsweise bei 15- bis 17-jährigen Mädchen die Häufigkeit von Depressionen zwischen 2019 und 2021 um 23 Prozent, die von Angststörungen sogar um 24 Prozent, wie der DAK-Kinder- und Jugendreport ausweist.

Essstörungen bei Mädchen nahmen um 33 Prozent (10- bis 14-Jährige), bei 15- bis 17-Jährigen sogar um 54 Prozent zu. Zusammen mit Bewegungsmangel stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Übergewicht und Adipositas.

Analog stieg laut der COPSY-Längsschnittstudie die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten bei 7- bis 17-Jährigen vor allem in den Pandemiewellen im Frühjahr und Herbst/Winter 2020/21 sprunghaft: Von 18 Prozent 2019 auf 31 Prozent zur Jahreswende 2020/21. Dieser Effekt persistierte bis zum Frühjahr 2022; das Empfinden einer geminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität reicht darüber noch hinaus.

Der Befund deckt sich mit einer kritischen Würdigung der Belastungen von Kindern und Jugendlichen durch den Deutschen Ethikrat. Im Interesse des Schutzes vulnerabler Gruppen hätten junge Menschen die größten und wohl auch unangemessene Opfer, auch hinsichtlich ihrer Bildung und ökonomischen Chancen, erbracht.

Das Fazit, so Berner:

Die (psychische) Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wurde während der Pandemie unzureichend beachtet.

Nun müssen mittel- und langfristig dringend infrastrukturelle Unterstützungen, neue Konzepte und Finanzmittel bereitgestellt werden, um den negativen Entwicklungen bei Minderjährigen entgegenzuwirken: zum Beispiel für mehr Freizeitangebote und bessere Digitalisierung in den Schulen.

Für die Kinder- und Jugendgesundheit werden dringend nationale Surveillance- und Frühwarnsysteme benötigt. (HL)

Videoaufzeichnungen des zweitägigen Symposions sind unter www.paul-martini-stiftung.de/covid-19 abrufbar.

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