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Robert Koch prägte den Denkstil einer Forschergeneration

Von Ursula Gräfen Veröffentlicht:

Heute vor 100 Jahren hat Robert Koch den Nobelpreis für Medizin erhalten - "für seine Untersuchungen und Entdeckungen auf dem Gebiet der Tuberkulose", wie die offizielle Begründung lautet. Die Entdeckung des Tuberkel-Bazillus’ begründete Robert Kochs internationalen wissenschaftlichen Ruhm. Koch gilt zusammen mit dem Franzosen Louis Pasteur als Vater der Bakteriologie.

Was macht krank? Das beschäftigte die Forscher Ende des 19. Jahrhunderts auf ganz neue Art. Nicht mehr Ausdünstungen aus dem Boden oder Verunreinigungen der Luft - Malaria bedeutet wörtlich bekanntlich "schlechte Luft" -, sondern winzig kleine Keime wurden nun als Ursache ansteckender Krankheiten vermutet.

Mikroorganismus als Ursache einer Krankheit nachgewiesen

Um diese Hypothese zu beweisen, züchtete Robert Koch (1843 bis 1910) Mikroben auf speziellen, von ihm entwickelten Nährböden und nutzte besondere Färbetechniken. Er führte die Mikro-Fotografie in die Bakteriologie ein, um das Wissen über die Mikroben objektiv sichern und vermitteln zu können.

Als Amtsarzt in Wollstein (heute Wolstyn in Polen) gelang es ihm 1876, Milzbrand experimentell auf Versuchstiere zu übertragen und den Erreger aus diesen wieder zu isolieren. Er entdeckte die Milzbrandsporen, die Ruheform des Erregers, und erklärte so die bis dahin unverstandene Infektionskette und die hohe Widerstandsfähigkeit des Bakteriums gegen Umweltfaktoren. Damit hatte Robert Koch als erster einen Mikroorganismus als Ursache einer Infektionskrankheit nachgewiesen.

Im Jahre 1880 wechselte er nach Berlin an das Kaiserliche Gesundheitsamt. Dort entdeckte er 1882 den Tuberkel-Bazillus. Diese Entdeckung, die er am 24. März 1882 in Berlin präsentierte, machte ihn berühmt. Er konnte nachweisen, daß die in "tuberkulösen Substanzen vorkommenden Bazillen nicht nur die Begleiter des tuberkulösen Prozesses, sondern die Ursache desselben sind".

Die Entdeckung war bahnbrechend in einer Zeit, in der noch etwa ein Siebentel aller Menschen in Deutschland an der Infektionskrankheit starben. Von 1883 an widmete sich Koch der Erforschung weiterer Krankheiten, vor allem der Cholera, aber auch der Rinderpest, der Malaria und der Schlafkrankheit.

Robert Kochs Reputation als Wissenschaftler litt dann stark durch sein Verhalten in der Tuberkulin-Affäre. Das im August 1890 angekündigte und ab Mitte November vermarktete Mittel habe sogleich eine Euphorie ausgelöst, die den früheren Erfolgen Kochs in nichts nachgestanden habe, schreibt der Heidelberger Medizinhistoriker und Mitarbeiter der "Ärzte Zeitung" Christoph Gradmann in seinem neuen Buch "Krankheit im Labor. Robert Koch und die medizinische Bakteriologie".

Allerdings seien schon nach wenigen Wochen Zweifel laut geworden: Immer mehr der mit Tuberkulin behandelten Tuberkulose-Patienten starben. Kochs Tuberkulin war ein in Glyzerin gelöster Extrakt aus Tuberkel-Bazillen, das er zunächst als Geheimmittel vorgestellt hatte und über dessen Zusammensetzung und Herstellung nichts bekannt war.

Anfang 1891 mußte Koch eine Beschreibung des Mittels veröffentlichen, da die Behandlungserfolge immer seltener wurden. Es habe sich herausgestellt, daß die Theorie der kurativen Wirkung habe offenbar nur spekulativen Charakter gehabt habe, so Gradmann.

Doch als sich während der Hamburger Cholera-Epidemie von 1892/93 die Methoden der Seuchenbekämpfung, die von der Kochschen Schule der Hygiene propagiert wurden, bestens bewährten, war der Ruf des Wissenschaftlers wiederhergestellt. Schon 1884 war Robert Koch in Indien geglückt, den Cholera-Erreger, den "Komma-Bazillus", zu identifizieren. Er propagierte Methoden wie Desinfektion und Reinhaltung des Trinkwassers gegen Cholera.

Robert Koch war weniger ein Theoretiker als ein Praktiker. Die medizinische Bakteriologie sei eher als erfolgreiche Praktik zu begreifen denn als eine theoretische Innovation, schreibt Gradmann. "Seine Innovationen bestanden eher in der Entwicklung von Untersuchungsmethoden wie der Mikro-Fotografie oder der Reinkultur sowie der Formulierung von Modellen der bakteriellen Ätiologie einer Reihe von Infektionskrankheiten."

Die Begriffe, die Techniken und die Methoden, die Robert Koch entwickelt hatte, hätten sich zu einem bakteriologischen Denkstil verbunden, "der die Wahrnehmungsgewohnheiten einer ganzen Generation von Labormedizinern prägte, bestimmte Wirklichkeiten schuf und den Blick auf andere verstellte", so der Medizinhistoriker in seinem interessanten, aber auch kritischen Buch. Wie kein anderer Mediziner verkörperte Robert Koch die deutsche Wissenschaft des späten 19. Jahrhunderts.

Christoph Gradmann: "Krankheit im Labor. Robert Koch und die medizinische Bakteriologie". Wallstein Verlag, Göttingen. 376 Seiten. Euro 38. ISBN 3-89244-922-8

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