Turnen unter Hochhausdächern

Waren Turnfeste früher politisch verboten, sind sie heutzutage Großereignisse - zum Beispiel Ende Mai in Frankfurt.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
80 000 Turner wollen ab Ende Mai in Frankfurt am Main Brücken schlagen.

80 000 Turner wollen ab Ende Mai in Frankfurt am Main Brücken schlagen.

© Foto: OK Turnfest

"Erstaunlich war es unter allen Umständen, die Gelenkigkeit so weit ausgebildet zu sehen wie hier", berichtete ein Zeitgenosse im Juli 1880 vom fünften Deutschen Turnfest in Frankfurt am Main. "Unmittelbar nach so und so viel Umschwüngen plötzlich mit den Füßen auf dem Reck zu stehen und elegant abzuspringen und dergleichen mehr, ist zum Mindesten keine Kleinigkeit und noch viel weniger leicht nachzuahmen."

Damals, so hat es der Frankfurter Sporthistoriker Dr. Thomas Bauer recherchiert, nahmen an der Veranstaltung rund 10  000 Aktive teil - zum Internationalen Deutschen Turnfest vom 30. Mai bis 5. Juni 2009 in Frankfurt am Main, der weltweit größten Wettkampf- und Breitensportveranstaltung, werden etwa 80  000 Teilnehmer erwartet.

Das diesjährige Motto lautet "Wir schlagen Brücken", ganz im Sinne des ersten Frankfurter "Turnvaters" August Ravenstein, der, im Unterschied zu Friedrich Ludwig Jahn, das Turnen nicht von der Politik vereinnahmt sehen wollte, was er in seinem "Turnerischen Glaubensbekenntnis" dokumentierte.

Jahn (1778-1852) gilt als der eigentliche Turnvater und Begründer der deutschen Turnbewegung. Anfangs war sie eng mit der deutschen Nationalbewegung und dem Kampf gegen die napoleonische Besetzung verknüpft. In Berlin eröffnete Jahn am 19. Juni 1811 den ersten deutschen Turnplatz. Schon sechs Jahre später gab es allein in Preußen mehr als 100 ähnliche Einrichtungen. Zum Leitspruch der Turner wurde das Motto "Frisch, fromm, fröhlich, frei", das auf eine ähnliche Formulierung Jahns in seinem Buch "Die deutsche Turnkunst" aus dem Jahre 1816 zurückgeführt wird.

Aufgrund seiner politischen Betätigung wurde der "Turnvater" 1819 verhaftet und verbrachte danach mehr als fünf Jahre in Haft. Zur gleichen Zeit wurde über ganz Preußen ein Turnverbot verhängt. Auch wenn sich jenes bald lockerte, verzögerte die politische Betätigung vieler Turner auch in den nächsten Jahren die Weiterentwicklung des Sports zu einer wirklichen Massenbewegung. So wurden in Folge der gescheiterten Revolution von 1848 alle Turnvereine aufgelöst. Erst im Juni 1860 konnten sich die Turner beim offiziell ersten Deutschen Turnfest in Coburg wieder sammeln.

Seither ist das Turnfest zu einer internationalen Großveranstaltung herangereift. Frankfurt am Main ist nach den Jahren 1880, 1908, 1948 und 1983 bereits zum fünften Mal Ausrichter des Fests und will in diesem Jahr neue Maßstäbe setzen. Im Mittelpunkt steht dabei der Auftakt der "Champions Trophy", eine hochkarätig besetzte Gerätturner-Turnierserie, an der auch Reck-Weltmeister Fabian Hambüchen teilnehmen will. Darüber hinaus wird es zum Abschluss der Veranstaltung am 5. Juni erstmals auch eine Stadiongala geben, die in der Commerzbank-Arena stattfinden wird.

www.turnfest.de

Der Turner-Bund

1848 in Hanau gegründet, ist der Deutsche Turner-Bund (DTB) mit fünf Millionen Mitgliedern und mehr als 20 000 Vereinen der zweitgrößte deutsche Sportverband. Der DTB ist der bundesweit größte Kinder- und Jugendverband, Deutschlands größter Frauenverband und der größte Seniorenverband. (Smi)

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