GKV versus PKV

AOK-Graalmann denkt an "Netzgebühr" für die PKV

Ist die GKV die Telekom der Gesundheitsinfrastruktur? Ja, findet AOK-Chef Jürgen Graalmann und schlägt eine "Netzgebühr" für die privaten Versicherer vor.

Veröffentlicht: 30.07.2013, 08:24 Uhr

BERLIN. Vom Gesundheitsminister bis zum Chef eines Krankenkassenverbandes - alle wollen etwas von der privaten Krankenversicherung.

Mit Blick auf den Ärztemangel in ländlichen Gebieten und sozialen Brennpunkten in Städten hat der Vorstandsvorsitzende des AOK-Spitzenverbandes eine Art "Netzgebühr" für die Private Krankenversicherung vorgeschlagen.

Wörtlich sagte Jürgen Graalmann im Interview mit der Passauer Neuen Presse: "Die Privaten Kassen unterstützen unser Gesundheitssystem nicht, sie blockieren derzeit eher eine sinnvolle regionale Verteilung der Ärzte."

AOK-Graalmann denkt an 'Netzgebühr' für die PKV

Jürgen Graalmann ist Chef des AOK-Budnesverbandes.

© Stephanie Pilick

Fachärzte siedelten sich überdurchschnittlich häufig dort an, wo es besonders viele Privatversicherte leben, sagte Graalmann. Die Versicherungsunternehmen böten ihre Policen aber auch in ländlich strukturierten Gebieten an, wo sie nur wenige Kunden hätten und es nur wenige Fachärzte gebe.

Dort stelle die gesetzliche Krankenversicherung die Versorgung sicher. Deshalb könne man über eine Netzgebühr nachdenken.

Graalmann habe nur seine Meinung als Chef des AOK-Bundesverbandes wiedergegeben, stellte eine Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes gegenüber der "Ärzte Zeitung" klar. Im Verband werde eine Versorgungsabgabe nicht diskutiert.

Rundweg abgelehnt wird Graalmanns Vorstoß in Kassenkreisen damit nicht. Im status quo, in dem die privaten Versicherer lediglich zehn Prozent der Bevölkerung verträten, sei die PKV nicht in der Lage, eine medizinische Infrastruktur bundesweit zu finanzieren, hieß es am Montag in Berlin.

Bahr fordert Wechselfreiheit

Eine durchlässige PKV-Welt wünscht sich Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Bei mehreren Gelegenheiten in der jüngeren Vergangenheit nahm er die weitgehend fehlende Mitnahmemöglichkeit der Alterungsrückstellungen von einer zur anderen Gesellschaft in den Blick.

Bislang funktioniere die private Krankenversicherung eher nach dem Motto "Einmal mitgegangen, für immer eingefangen", sagte er dem "Focus". Für die Zeit nach den Wahlen plane Bahr völlige Wechselfreiheit.

Privatpatienten sollten die zur Beitragsdämpfung im Alter angesparten Beträge zu 100 Prozent von einem Unternehmen zum anderen mitnehmen können, lautet die Forderung. Bislang verlieren Versicherte, die zu einem anderen Versicherer oder zur gesetzlichen Krankenkasse wechseln, einen Großteil oder sogar alles.

Die Unternehmen der privaten Assekuranz pochen dagegen auf die Vertragsfreiheit und die Sicherheit ihrer Rechengrundlagen. "Für alle rund 900.000 neu geschlossenen Verträge nach der Gesetzesänderung ab 2009 ist einkalkuliert, dass beim Wechsel ein Übertragungswert in Höhe des Basistarifs mitgenommen werden kann", sagte Stefan Reker, der Sprecher des Verbandes der Privaten Krankenversicherung.

Für den Versichertenbestand gelte: Vertrag ist Vertrag. Man könne nicht rückwirkend in die Kalkulationsgrundlagen bestehender Tarife eingreifen.

"Es gibt bis heute kein praktikables Konzept für eine Portabilität von Alterungsrückstellungen in der PKV, sondern allenfalls akademische Modelltheorien", sagte Reker der "Ärzte Zeitung". (af)

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

„Netzgebühr“ für die hilflose GKV-Kassenbürokratie?

Wer bewältigt denn derzeit den (Fach-)Ärztemangel in ländlichen Gebieten, sozialen Brennpunkten und unterversorgten Randzonen? Es sind doch unsere niedergelassenen h a u s ä r z t l i c h e n Kolleginnen und Kollegen, die unter Aufbietung aller ihrer Kräfte fehlende fachärztliche Präsenz und Kompetenz durch unbezahlte, weil budgetierte und n i c h t abrechnungsfähige Mehrfach-Konsultationen ausgleichen. Sich zusätzliches Fachwissen in Onkologie, Orthopädie, Dermatologie, HNO, Chirurgie, Augenheilkunde, Gynäkologie und z. T. auch Geburtshilfe aneignen, weil weit und breit k e i n e Facharztniederlassung in Sicht ist. Es sind die Banken, die keinen Praxisgründungskredit in sozial schwachen Gegenden nach BASEL 1+2-Kriterien gewähren. Es sind die mangelnde Infrastruktur, die geringen sozialen, familiären Entfaltungs- und kulturellen Reflexionsmöglichkeiten bzw. die progrediente vertragsärztliche Selbstausbeutung, die gutwillige Haus- und Fachärzte zurückschrecken lassen.

Aber es sind auch und besonders die AOK-Gesundheitskassen-Filialen, die gemeinsam mit allen anderen GKV-Kassen in attraktiven Zentrums-, Innenstadt- und Metropolenlagen ihre teuren Glaspaläste und Bürotürme hochziehen. Während Bevölkerungsgruppen in wenig attraktiven Wohngegenden mit unverbindlichen Kassen-Hotlines und anonymen Telefonberatungen abgespeist werden. Was den Sicherstellungsauftrag zur ambulanten ärztlichen Versorgung angeht, wäre mir neu, dass ausgerechnet Jürgen Graalmann als Chef des AOK-Bundesverbandes und Gesundheitsökonom sozusagen als heimliches Hobby noch eine Kassenpraxis betreibt, wo er massenhaft gute Rezepte für seine Versicherten verteilt. Denn rote Rezeptvordrucke dürften es in Ermangelung von Ausbildung, Weiterbildung, Fachkunde, Kompetenz und Heilkundeerlaubnis wohl nicht sein.

Den Sicherstellungsauftrag in Stadt und Land bzw. in sozialen Brennpunkten haben die Kassenärztlichen Vereinigungen und die KBV für 89,9 Prozent der Gesamtbevölkerung zu gewährleisten. Das ist der Anteil der GKV-Versicherten. 10,1 Prozent sind privat versichert. Dass die PKV für 10,1 Prozent der Bevölkerung keine umfassende Infrastruktur und flächendeckende Versorgung sicherstellen kann, liegt doch an der privatrechtlichen Vertragsstruktur und dem Gewinnstreben der Krankenversicherungs-Konzerne. Deshalb müssen die PKV-Prämien ständig steigen, weil das zu versichernde Risiko gar nicht abgetreten, sondern in einer Art volatiler Umlagekasse unter den PKV-Versicherten umverteilt und sozialisiert wird. Wenn es überhaupt eine Art „N e t z g e b ü h r“ für das Vorhalten von Untersuchungs-, Diagnose-, Therapie- Präventions- und Palliationsmaßnahmen geben würde, stünde diese a l l e i n privat- u n d kassenärztlich Tätigen und aktiven medizinischen Versorgern zu. Und wahrlich n i c h t der GKV-Kassenbürokratie als „hilflosen Kassen-Heilern“.

Es trifft sich gut, dass der GKV-Spitzenverband (SpiBu) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung gerade einen zum wiederholten Maße „neuen“ Hausarzt-EBM aus der Taufe gehoben haben. Danach ist nämlich für die Vorhaltung von hausärztlichen Praxisstrukturen („versorgungsbereichsspezifische Grundpauschale“) ein Quartals-U m s a t z von 14 Euro vorgesehen. Das sind großzügig aufgerundet ganze 16 Cent pro Patient pro Tag für das Vorhalten einer tatsächlichen Inanspruchnahme hausärztlicher Praxis-Einrichtungs- und -Versorgungsstrukturen einschließlich 24-Stunden Notfall- und Bereitschaftsdienst. Wohlgemerkt, n u r für Patienten, die tatsächlich ihre Versichertenkarte abgeben. N i c h t für Patienten, die jederzeit unmittelbar ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen könnten, es aber gerade nochmal bleiben ließen. Für die qualifizierte medizinische 3-monatige Rundum-Betreuung für E r k r a n k u n g e n der GKV-Versicherten von ihrem 19. bis zum 54. Lebensjahr gibt es dann z u s ä t z l i c h einen Praxis-U m s a t z von sage und schreibe 12,20 Euro. Das sind dann nur noch 13,5 Cent

Carsten Windt

Verdrehung von Tatsachen

Fachärzte lassen sich dort nieder, wo sie die Chance auf adäquate Bezahlung haben und wo sie ihre Niederlassung auch finanzieren können. Das gelingt eben nicht mit den Pauschalsätzen der GKV sondern nur dort wo es auch Privatpatienten gibt.
Oder umgekehrt gebe es keine Privatpatienten, gebe es auch in Ballungszentren zuwenig Fachärzte.


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