Genetiker sprechen erstmals von "schwerer Schuld" ihrer Kollegen

BERLIN (dpa). Deutsche Humangenetiker haben erstmals geschlossen eine "schwere Schuld" ihrer damaligen Fachkollegen am Massenmord von behinderten Menschen im Nationalsozialismus eingeräumt.

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Ein Propagandabild, das 1936 in der Monatsschrift "Volk und Rasse" erschienen ist. Humangenetiker lieferten damals pseudowissenschaftliche Argumente für die Diskriminierung ganzer Volksgruppen.

Ein Propagandabild, das 1936 in der Monatsschrift "Volk und Rasse" erschienen ist. Humangenetiker lieferten damals pseudowissenschaftliche Argumente für die Diskriminierung ganzer Volksgruppen.

© Foto: J.S. Lehmanns Verlag

75 Jahre nach der Verkündung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" am 14. Juli 1933 sprach die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik von einer maßgeblichen Beteiligung deutscher Ärzte und Wissenschaftler an den menschenverachtenden Paragrafen. Diese seien sowohl an der Vorbereitung und pseudowissenschaftlichen Begründung als auch an den grausamen Zwangsmaßnahmen, die das Gesetz auslöste, beteiligt gewesen.

Durch den Missbrauch ihrer wissenschaftlichen Autorität treffe die Humangenetiker von damals eine schwere Schuld, teilte die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik mit. Das Gesetz sei die Grundlage für eine systematische und gewalttätige Missachtung fundamentaler Menschenrechte gewesen: Nach 1933 wurden zunächst vermutlich 400 000 Menschen durch Zwangssterilisationen verstümmelt. Einige tausend starben an den Folgen dieser Operationen. Am Ende mündete die staatlich gesteuerte Entrechtung behinderter Menschen im Massenmord der sogenannten Euthanasieprogramme.

"Das Verhalten der Humangenetiker ist umso unverständlicher, als auch beim damaligen Kenntnisstand der Genetik die biologische Unsinnigkeit der Eugenik offenkundig war", heißt es in der Erklärung. Das Gesetz sei damit auch ein historisches Dokument des Versagens von Wissenschaftlern.

Zur Zukunft heißt es in der Erklärung::"Im Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung bekennen sich die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik zu ihrer Verpflichtung, ... für den Respekt vor allen Menschen in ihrer natürlichen genetischen Verschiedenheit einzutreten. Dies bedeutet insbesondere eine Absage an jede Form der Diskriminierung aufgrund ethnischer Merkmale oder aufgrund von genetisch bedingter Krankheit oder Behinderung."

Die Erklärung erfolgte auf dem Internationalen Kongress für Genetik in Berlin, der erstmals seit mehr als 80 Jahren in Deutschland tagt. Etwa 2000 Wissenschaftler aus aller Welt werden bis morgen die neuesten Entwicklungen der Vererbungslehre bei Menschen, Tieren und Pflanzen diskutieren.

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