Professor Michael Baumann
„Prävention ins Bewusstsein rücken!“
Bis zu drei von vier krebsbedingten Todesfällen ließen sich vermeiden, sagt Professor Michael Baumann. Das nationale Krebspräventionszentrum soll dazu Pionierarbeit leisten.
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Vision: Keine Todesfälle durch Krebs mehr. Die Arbeit des nationalen Krebspräventionszentrums soll hier einen wichtigen Beitrag leisten. Elnur / stock.adobe.com
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Ärzte Zeitung: Herr Professor Bau-mann, die Vision-Zero Initiative zielt darauf ab, die Zahl der krebsbedingten Todesfälle gegen null zu bringen. Welche Rolle spielt dabei die Prävention?
Prof. Michael Baumann: Eine ganz wesentliche! Wir wissen heute, dass Rauchen, Ernährungsfehler, Bewegungsmangel, Übergewicht, Alkoholkonsum, Viren und Sonnenexposition wichtige Risikofaktoren für Krebs sind.
Würden wir sie meiden, würden rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen gar nicht erst entstehen. Einen weiteren großen Beitrag kann die Früherkennung leisten. Zusammengenommen ließen sich durch Maßnahmen der Primär- und Sekundärprävention 50 bis 75 Prozent aller krebsbedingten Todesfälle vermeiden – ein riesiges Potenzial. Wir müssen dies stärker als bisher ins Bewusstsein rücken und den Zugang zu Maßnahmen vereinfachen.

Professor Michael Baumann ist Vorstandsvorsitzender und Stiftungsvorstand des DKFZ in Heidelberg und Ko-Vorsitzender des Strategiekreises der Nationalen Dekade gegen Krebs
© NCT-Dresden / Philip Benjamin
2021 wird das nationale Krebspräventionszentrum – zumindest teilweise – seine Arbeit aufnehmen. Was ist die Mission dieser Einrichtung?
Das Zentrum wird unter einem Dach das gesamte Leistungsspektrum von der Grundlagenforschung bis hin zur individuellen Risikoanalyse und der Beratung der Bürger in Sachen Prävention abdecken. Wir werden den Einfluss der bereits erwähnten Risikofaktoren, der Genetik, der chronischen Entzündung und Infektionen sowie des Mikrobioms auf die Krebsentstehung untersuchen, Vorsorgemaßnahmen daraus ableiten und nach Wegen suchen, wie man die Öffentlichkeit am besten darüber informiert und sie zur Vorsorge motivieren kann. Wir werden die Digitalisierung vorantreiben, Apps anbieten, telemedizinische Angebote entwickeln und die Öffentlichkeitsarbeit aufbauen.
Deswegen arbeiten am Zentrum nicht nur Wissenschaftler und Mediziner, sondern beispielsweise auch PR-Spezialisten und Pädagogen. Und schließlich werden wir auch Veranstaltungen anbieten, darunter einen internationalen Krebspräventionskongress für Fachkreise und – gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe – die Nationale Krebspräventionswoche.
Das Ganze wird von Anfang an durch ein Outreach-Programm begleitet, das auf Jahrzehnte angelegt ist und sicherstellen soll, dass die Ergebnisse unserer Arbeit deutschlandweit und gerne auch darüber hinaus zur Verfügung stehen. Dieses Konzept ist weltweit nahezu einmalig und soll bis 2025 vollumfänglich umgesetzt werden.
Eine weitere groß angelegte Initiative ist die Nationale Dekade gegen Krebs. Wie lautet Ihr Fazit zur bisherigen Arbeit, Herr Professor Baumann?
Zunächst einmal ist es schon ein großer Erfolg, dass wir in der Dekade alle Stakeholder in der Krebsmedizin zusammengebracht haben. Dann sind mehrere Arbeitsgruppen ins Leben gerufen worden. Eine beschäftigt sich mit der Entwicklung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen NCT und wird neben Heidelberg und Dresden vier weitere Standorte aufbauen. Eine weitere Arbeitsgruppe widmet sich der Prävention, eine dritte wird ungelöste Fragen in der Krebsmedizin identifizieren, deren Beantwortung für den Fortschritt essenziell ist.
Und schließlich haben wir noch eine Arbeitsgruppe implementiert, die sich um die Vernetzung von Forschung und Versorgung kümmert. Es ist aber davon auszugehen, dass es noch weitere Arbeitsgruppen geben wird. Beispielsweise planen wir, im nächsten Jahr Wissenschaftler mit Vertretern der Industrie und mit Patienten zusammenzubringen – stets mit dem Ziel, die Krebsmedizin voranzubringen. Bedauerlicherweise hat die COVID-19-Pandemie dieses Jahr sehr viel an Aufmerksamkeit und Ressourcen beansprucht. Das war anfangs verständlich, aber wir müssen jetzt sicherstellen, dass andere Patientengruppen nicht benachteiligt werden.
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