Ärzte Zeitung online, 30.08.2019

STI

Kasse und Ärzte setzen Versorgungsprogramm auf

Sexuell übertragbare Krankheiten sind wieder auf dem Vormarsch. Nun fürchten Experten, dass durch die PrEP das Kondom außer Mode kommen könnte. AOK Nordost und dagnä haben daher in Berlin ein außergewöhnliches Beratungsprojekt gestartet.

Von Taina Ebert-Rall

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Für viele sexuell übertragbare Krankheiten bleibt das Kondom auch in Zukunft wichtigstes Mittel zur Prävention.

[M] Deagreez / stock.adobe.com | sba / AOK Nordost

BERLIN. Chlamydien, Gonorrhoe, Syphilis: Während HIV-Infektionen weltweit seit einigen Jahren zurückgehen, entwickeln sich die Zahlen bei anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) in die entgegengesetzte Richtung – nach oben. Hier setzt ein Versorgungsprogramm der AOK Nordost und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (dagnä) an, das diesem Trend entgegenwirken will.

Bei der seit Ende Mai umgesetzten „HIV & STI Prophylaxe Berlin“ geht es neben der medikamentösen HIV-Prä-Expositons-Prophylaxe, kurz PrEP, vor allem um Aufklärung und Beratung – auch über weitere sexuell übertragbare Infektionen. So soll die Betreuung der Betroffenen nach Angaben der AOK Nordost „durch eine leitliniengerechte und qualitätsgesicherte Beratung, Betreuung und Behandlung verbessert werden“.

Für dagnä-Vorstand Dr. Axel Baumgarten bietet das Programm wegen der „umfangreichen Beratung und Testung einen deutlichen Mehrwert auch gegenüber dem Bundesmantelvertrag.

Die Grenzen der PrEP

Erfahrungen aus anderen Ländern wie den USA oder Australien haben nach Angaben der AOK Nordost gezeigt, dass die Einnahme der PrEP zum Schutz vor einer Infektion mit HIV dort mit einem Anstieg von weiteren sexuell übertragbaren Infektionen einhergeht. Auslöser hierfür könnte ein verändertes und risikoreicheres Sexualverhalten, beispielsweise durch häufigeren Kondomverzicht, sein.

Das unterstreicht auch Baumgarten. „STIs wie Syphilis oder Gonorrhoe sind seit einigen Jahren in Deutschland generell stärker zu verzeichnen. Deshalb ist die Beratung, nicht nur zur Einnahme von PrEP, sondern auch darüber, was das Medikament als Präventionsmethode eben nicht leisten kann, so wichtig“, sagt Allgemeinmediziner Baumgarten, zu dessen beruflichen Schwerpunkten die Infektionsmedizin gehört.

PrEP schützt nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie zum Beispiel Gonorrhö, auch als Tripper bekannt, Chlamydien, Syphilis oder Hepatitis C.

Syphilis-Fälle steigen seit 2010

Rund 86.000 Menschen mit HIV/AIDS lebten Ende 2017 in Deutschland – 69.000 Männer und 17.000 Frauen. Die Zahl der Neuinfektionen ist 2017 im bundesweiten Durchschnitt gesunken, nachdem sie zuvor zehn Jahre lang weitgehend stabil war. Im Bereich der AOK Nordost ist HIV/AIDS vor allem in Berlin virulent. Ende 2017 lebten in der Bundeshauptstadt rund 14.900 Menschen mit HIV/AIDS, in Brandenburg etwa 380 und in Mecklenburg-Vorpommern rund 860 Betroffene.

Die Zahl der Syphilis-Fälle steigt seit 2010. Von bundesweit 7476 Patienten mit Syphilis Ende 2017, insbesondere in städtischen Ballungsgebieten, zählte das Robert Koch-Institut (RKI) allein 1333 Fälle in der Bundeshauptstadt. Die höchste Anzahl von Fällen gab es in 2017 bei Männern, die Sex mit Männern haben.

Baumgarten: „Erfolgreiche Prävention berücksichtigt immer Veränderungen im Risikoverhalten. Das Programm gibt hier durch Qualität und Beratung die richtigen Impulse und kann so Vorbild für andere Regionen und den Bund sein.“

Als eine wichtige Errungenschaft der Vorgehensweise sieht Baumgarten die Anbindung der Betroffenen an das Gesundheitssystem an. „Wir sprechen hier nicht von Patienten, sondern von gesunden Klienten, die eine Präventionsleistung möchten. Das erfordert regelmäßige Arztkontakte und Kontrollen. Somit bietet die PrEP eine Möglichkeit zur wirksamen Verhinderung von HIV-Neuinfektionen und gleichzeitig die Chance, die Betroffenen umfassend über weitere Infektionsrisiken beziehungsweise über deren Vermeidungsstrategien zu informieren.“

Im März hat auch der Bundestag beschlossen, dass PrEP Kassenleistung werden soll. Vermutlich ab Herbst können Ärzte die Prä-Expositons-Prophylaxe auf Kassenkosten verordnen.

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