Ärzte Zeitung, 13.08.2015

Radiophobie

Schadet Strahlenangst mehr als Strahlung?

Gibt es ungefährliche Strahlendosen? Die Diskussion dazu ist ideologisch belastet. Und so verzichten Ärzte und Patienten mitunter aus Furcht auf wichtige Untersuchungen.

Von Thomas Müller

Strahlenangst-AH.jpg

Die Angst vor Strahlung hält so manchen Arzt und Patienten davon ab, möglicherweise lebenswichtige Untersuchungen durchführen zu lassen.

© ZTS / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Ramsar ist ein kleines persisches Städtchen am Kaspischen Meer und hat eine Besonderheit: Dort wurde die größte natürliche radioaktive Hintergrundstrahlung in bewohntem Gebiet gemessen.

Sie erreicht bis zu 260 Millisievert (mSv) pro Jahr, das ist zehnmal mehr als die maximal zulässige Jahresbelastung von Arbeitern in Kernkraftwerken und 26-mal mehr als die Belastung bei einem durchschnittlichen CT-Scan (10 mSv). Der Grund sind heiße, Radon-haltige Quellen.

Trotzdem scheint es den Menschen in Ramsar nicht schlecht zu gehen: Über erhöhte Krebsraten ist nichts bekannt, und die Lymphozyten von Bewohnern aus den besonders belasteten Stadtteilen sind offenbar auch besonders robust.

So zeigen sie nach einer In-vitro-Bestrahlung deutlich weniger Chromosomenaberrationen als die von Bewohnern in strahlungsarmen Vierteln. Es scheint, als hätten sie sich an die erhöhte Strahlenbelastung angepasst (Health Physics 2002; 82: 87).

Veraltetes Modell

Beispiele wie diese nennen die beiden Radioonkologen Dr. Jeffry Siegel und Dr. James Welsh von der Universität in Chicago, um mit einer alten Vorstellung aufzuräumen: Dass es keine ungefährliche Strahlendosis gibt und jedes einzelne Alphateilchen und jedes Gammaquant letztlich das Krebsrisiko erhöhen (Technol Cancer Res Treat 2015; online 30. März).

Diese Vorstellung, wissenschaftlich als "linear no-threshold model" (LNT) bezeichnet, hat längst Karriere gemacht und dominiert weitgehend unsere Vorstellung über ionisierende Strahlung, obwohl sie der alten Erkenntnis von Paracelsus widerspricht, dass die Dosis das Gift macht.

Auch traut dem menschlichen Körper offenbar niemand so richtig zu, dass seine Zellen, die einst im Archaikum in einer Umgebung mit zehnfach höherer natürlicher Radioaktivität entstanden sind, im Laufe der Äonen gelernt haben, mit einem gewissen Maß an Strahlung umzugehen.

Nun liefern solche Überlegungen für Radiologen keine Rechtfertigung, den Strahlenschutz zu vernachlässigen: Sie sollten Patienten nicht mehr ionisierender Strahlung auszusetzen, als unbedingt nötig ist. Doch genau bei diesem Punkt scheiden sich die Geister: Wie viel Strahlung ist denn aus medizinischer Sicht erforderlich und wie viel kann man Patienten zumuten?

Diese Frage wird dann relevant, wenn Patienten aus einer nicht zuletzt von Medienberichten geschürten "Radiophobie" auf eine Untersuchung verzichten und an einem Tumor sterben, der, rechtzeitig erkannt, noch hätte entfernt werden können.

Auch Ärzte reduzieren vielleicht aus Angst vor einer zu hohen Strahlenbelastung die Dosis und erzielen dadurch ein suboptimales diagnostisches Ergebnis, was weitere radiologische Untersuchungen nach sich ziehen kann und damit "ironischerweise die Gesamtstrahlenbelastung der Patienten sogar noch erhöht", schreiben Siegel und Welsh.

Das große Problem sei letztlich, dass sich das karzinogene Risiko niedrig dosierter Strahlung nur schwer ermitteln lässt. Für die beiden Radioonkologen hat dies einen einfachen Grund: Ein solches Risiko existiert überhaupt nicht.

Beim LNT-Modell werden die Gefahren hoher Strahlenbelastung lediglich heruntergerechnet. "Bisher gibt es aber keine eindeutigen Daten, nach denen niedrige Dosierungen (unter 100 bis 200 mSv) Tumoren induzieren", schreiben sie.

Grenzwerte für schädliche Strahlung?

Das lineare Modell, wie es Zulassungsbehörden und Sicherheitskommissionen weltweit anwenden, ist ihrer Auffassung nach schlicht falsch. Dies begründen sie auch mit Daten der Life Span Study (LSS) bei japanischen Atombomben-Überlebenden.

Je mehr Strahlung die Überlebenden abbekommen hatten, umso höher war auch die Krebsrate - allerdings galt dieser Zusammenhang nur bei relativ hohen Dosierungen.

Bei Dosen unter 0,2 Gy oder 200 mSv zeige sich jedoch keine Linearität mehr, und dies werde in einer neuen Analyse der LSS-Daten bestätigt.

Unterhalb von 0,5 Gy nehme die Kurve eher eine konkave Form an - die je nach verwendetem Berechnungs- und Bezugsmodell die Abszisse schneidet und damit in den negativen Bereich rutscht. Ein negatives Krebsrisiko hieße jedoch im Klartext: Niedrige Strahlendosen schützen eher vor Tumoren.

Die LSS-Daten unterstützten also ein hormetisches Modell (J- oder U-Kurve), wie es für viele andere Noxen bekannt ist, schreiben Siegel und Welsh: Mit steigenden Dosierungen wird zunächst ein gesundheitsfördernder Effekt beobachtet, ab einer bestimmten Dosis beginnt dann das Risiko für einen Schaden linear oder exponentiell zu steigen.

Die beiden Radioonkologen vermissen auch plausible Hinweise aus der Biologie für das lineare Modell. Zwar stimme es, dass jegliche ionisierende Strahlung die DNA schädigen und Mutationen auslösen könne, allerdings verblasse dieser Effekt bei niedrigen Dosierungen gegen die spontane Mutationsrate im Körper.

So seien durch die Hintergrundstrahlung im Schnitt bis zu 30 Mutationen pro Zelle und Jahr zu befürchten, die spontane Mutationsrate durch Faktoren wie thermische Belastung und oxidativen Stress sei jedoch rund zweieinhalbmillionenfach höher.

"Der Punkt ist: Normalerweise kann der Körper mit dieser Mutationsrate durch eine adaptive Reaktion problemlos umgehen, ein bisschen mehr Strahlung dürfte dieses System dann nicht überfordern", schreiben sie.

Zu dieser adaptiven Antwort des Körpers zählen die Experten DNA-Reparaturmechanismen, die Produktion von Antioxidantien oder die Apoptose.

Solche Mechanismen seien wohl sehr alt und in einer Zeit entstanden, in der die radioaktive Hintergrundstrahlung auf unserem Planeten noch viel höher war. Es sei unwahrscheinlich, dass die heutigen Zellen diese Mechanismen wieder vergessen hätten.

Wie reagiert Körper auf Veränderungen?

Die beiden Radioonkologen wehren sich auch gegen die Vorstellung, wonach einzelne Mutationen einen Tumor auslösen können.

Zwar seien Mutationen notwendig, um einen Tumor zu erzeugen, ebenso wichtig sei jedoch die Reaktion des Körpers auf die Veränderungen, etwa die Fähigkeit des Immunsystems, Tumorzellen zu erkennen und zu eliminieren.

Das werde etwa durch die erhöhte Krebsrate bei HIV-Patienten und immunsupprimierten Organempfängern deutlich.

Siegel und Welsh finden auch kein gutes Haar an einigen epidemiologischen Studien, die eine erhöhte Krebsrate bei Kindern mit häufigen CT-Untersuchungen nahelegen: Wahrscheinlicher sei hier, dass ein Tumor vermehrt zu CT-Untersuchungen führe, also eine umgekehrte Kausalität vorliege.

Wenn man also nun einen Grenzwert für die Schädlichkeit ionisierender Strahlung annimmt, wo sollte dieser liegen? Sowohl die LSS-Daten als auch die Untersuchungen bei relativ hoher Hintergrundstrahlung sprechen nach Auffassung der beiden Experten dafür, dass Dosen unter 100 bis 200 mSv pro Jahr ungefährlich sind.

Allerdings darf man sich auf solche Spekulationen nicht verlassen. In Ramsar ist nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung hochgradig Radon-belastet, statistisch tragfähige Aussagen zum Krebsrisiko erübrigen sich damit.

Auch hätte man die genannten Lymphozyten-Experimente gerne noch einmal bestätigt gesehen. Da sie von Forschern iranischer Atomenergiebehörden veranlasst wurden, mögen sie nicht jeden überzeugen.

Forscher müssen Fakten liefern

Genau das weist jedoch auf das eigentliche Problem: Die Diskussion um Risiken niedriger Strahlendosen bewegt sich in ideologischen Gräben. Statt sich auf mathematische Modelle zu verlassen, sollten Forscher Fakten liefern. Wir müssen endlich wissen, welche Strahlendosen gefährlich sind und welche nicht.

Und das betrifft nicht nur die Radiologie: Nach Angaben der Atomlobby-Organisation World Nuclear Association kamen als Folge der Zwangsevakuierungen um Fukushima mehr als 1000 Menschen ums Leben: Diese Angaben beziehen sich auf eine nicht weiter zu begründende Übersterblichkeit unter den 160.000 Evakuierten.

Sie dürfen zu Recht bezweifelt werden, allerdings wäre es tragisch, würden auch hier tatsächlich mehr Menschen an den Folgen der Strahlenangst als an der Strahlung selbst sterben. In Japan wurden Bereiche mit deutlich geringerer Belastung als in Ramsar evakuiert.

Da die Welt weiter auf Atomenergie setzt, werden wir auch in Zukunft mit gewisser Regelmäßigkeit explodierende Meiler sehen. Wir sollten dann wenigstens sicher wissen, wie weit weg vom Desaster es sich noch ungefährlich leben lässt.

[14.08.2015, 22:52:38]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Dr. Michael Traub a propos "Kerela",
hier steht etwas ganz anderes:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19066487

die "bis zu 260 Millisievert (mSv) pro Jahr" in Ramsar (das ist ein Leben lang alle 2 Stunden eine Rö-Aufnahme) sind keine Ausnahme und nichts neues. Es gibt mehrere HBRAs [High Background Radiation Area] auf dieser Erde,
z.B. in Brasilien, auch unsere "Radon-Bäder" in Deutschland und Österreich und vielen anderen Orten der Welt gehören dazu. Im Schwarzwald bis über 15 mSv/a (Uran im Boden) ist auch die Lebenserwartung höher als in Norddeutschland mit unter 1 mSv. Besonders eindrucksvoll war die SENKUNG der Krebsrate bei der unbeabsichtigten Kobalt60-Bestrahlung in Taiwan,
deshalb heist der Titel dieser Puliikation
im Journal of American Physicians and Surgeons, Volume 9, Number 1, Spring 2004:
Is Chronic Radiation an Effective Prophylaxis Against Cancer?

Deshalb ist die Frage dieses Beitrags von Thomas Müller

eindeutig mit JA zu beantworten.
7 sichere Kernkraftwerke in Deutschland wurden sinnlos abgeschaltet.
Viele Menschen sind durch unbegründete Angst (Evakuierung) gestorben, haben abgetrieben etc.

 zum Beitrag »
[13.08.2015, 21:03:09]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Im übrigen sagt die Statistik,
dass in USA deutlich mehr CT´s gemacht werden, als in Deutschland.
Ein Schelm, wer dahinter den Dollar vermutet;
auch in Japan wird mehr geröngt, da sollen die Zahnärzte besonders aktiv sein.
Vielleicht leben die deshalb so lang :-) zum Beitrag »
[13.08.2015, 20:22:11]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Bravo Ärztezeitung, bravo Ärztezeitung, bravo Ärztezeitung, denn das Denken wird ja heute vorgeschrieben.
Nicht die Fakten zählen.
Noch einemal, in Fukushima gab es keinen einzigen Strahlenverletzten oder Strahlentoten.
Es war zudem ein Erdbeben, das um zwei Stufen in der Richter-Skala stärker war, als für diesen Reaktor als Maximalbelastung konstruktiv vorgesehen war.

Den letzten Absatz des Beitrags sollten sie dann bitte AUCH auf alle anderen Stromlieferanten ausdehnen, einschließlich Talsperren und diese völlig unsinnigen Windräder, bei den es schon Tote gegeben hat (Nordsee) bevor diese Dinger nur ein Watt Strom geliefert haben.
Mitarbeiter von Kernkraftwerken leben bekanntlich länger als die Durchschnittsbevölkerung. zum Beitrag »
[13.08.2015, 09:10:06]
Dr. Michael Traub 
Scheuklappen
Die natürliche radioaktive Strahlung verursacht nachweisbar zB in Kerala gehäuft maligne
Proliferationen im blutbildenden System. Da darf man die Sorgfalt der Untersuchung im Iran
getrost bezweifeln, nachdem ja auch die Atomindustrie dort ein Interesse daran haben muß,
die eigene Bevölkerung nicht zu verunsichern. Zudem ist die natürliche radioaktive Strahlung
immer der Ausgangspunkt, auf den wir mit unseren radiologischen Verfahren weitere Strahlenbelastungen draufsetzen. Was hatte der Vorsitzende der Deutschen Nuklearmedizinischen
Gesellschaft auf dem Titelblatt des Deutschen Ärzteblatts zu Tschernobyl kundgetan? ' Kein
Risiko für Deutschland.' Diese Art berufsbedingter Scheuklappen unterstelle ich auch den radioonkologischen Autoren. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Zwei Gläser Wein? Das lass lieber sein!

Wer täglich mehr als zwei Gläser Wein leert, hat ein erhöhtes Risiko, an Magenkrebs zu erkranken. Ob ein Komplettverzicht ratsam ist, bereitet Forschern noch Kopfzerbrechen. mehr »

Warum der Brexit körperlich krank macht

Übelkeit und Kurzatmig: Blogger Arndt Striegler hat mit seiner Hausärztin über seinen Gesundheitszustand und den Austritt aus der EU geredet – und einen Zusammenhang am eigenen Leib festgestellt. mehr »

Nach der Wahl muss Vernetzung auf die Agenda!

Gesundheitsminister Gröhe gibt einen Ausblick auf die nächste Legislaturperiode: Die stärkere Vernetzung der Akteure müsse dann höchste Priorität haben. Der Innovationsfonds soll zur Dauereinrichtung werden. mehr »