Ärzte Zeitung online, 15.12.2017

Erneut bestätigt

Vitamin-D-Mangel erhöht das MS-Risiko deutlich

Frauen mit einem Vitamin-D-Mangel erkranken bis zu 60 Prozent häufiger an Multipler Sklerose (MS ) als solche mit ausreichend hohem Vitamin-D-Spiegel. Darauf deuten Analysen von Blutproben schwangerer Frauen in Finnland hin.

Von Thomas Müller

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Möglicherweise kann die Supplementierung mit VitaminD helfen, das MS-Risiko zu reduzieren.

© diego cervo/stock.adobe.com

BOSTON. Inzwischen spricht recht viel dafür, dass ein Vitamin-D-Mangel das Risiko deutlich erhöht, an Multipler Sklerose zu erkranken. So gingen auch in großen Kohortenstudien niedrige Vitamin-D-Werte mit einer erhöhten MS-Inzidenz einher, was jedoch noch keinen kausalen Zusammenhang belegt, da ein Vitamin-D-Mangel vielleicht nur einen bestimmten Lebensstil markiert, der seinerseits das MS-Risiko erhöht.

Allerdings konnten genomweite Assoziationsstudien ebenfalls zeigen, dass auch Menschen mit genetisch bedingt erniedrigten Vitamin-D-Werten häufiger an MS erkranken, was doch sehr auf einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Vitamin und der MS-Inzidenz hindeutet.

Proben von 3000 Frauen analysiert

Solche Resultate haben Forscher auf der ganzen Welt animiert, in geeigneten Datenbanken weiter nach Zusammenhängen zu suchen. Jetzt wurden Wissenschaftler um Dr. Kassandra Munger von der Harvard Medical School in Boston auch in einem finnischen Schwangerschaftsregister fündig – nach ihren Angaben ist es die bislang größte Untersuchung dieser Art. Für dieses Register wird seit 1983 praktisch allen Schwangeren in Finnland eine Blutprobe entnommen. Auf diese Weise kamen rund 1,8 Millionen Proben von 800.000 Frauen zusammen. Anhand der umfangreichen finnischen Gesundheitsdatenbanken lässt sich ermitteln, wie viele der Frauen später an MS erkrankten.

Forscher können anhand eingefrorener Blutproben nun also schauen, wie hoch die Vitamin-D-Werte der Frauen waren, bevor sie an MS erkrankten. Dann können sie die Werte mit denen von Frauen vergleichen, die bislang von der Immunerkrankung verschont wurden.

Genau das haben die US-Neurologen getan. Sie identifizierten 1092 Frauen, bei denen nach der Schwangerschaft eine MS festgestellt worden war und Blutproben aus der Zeit vor der MS-Diagnose vorlagen. Im Schnitt war die MS etwa 9,5 Jahre nach Abgabe der ersten Blutproben aufgetreten. Von einer MS gingen die Forscher aus, wenn entweder eine Diagnose in den Datenbanken vermerkt worden war oder die Frauen typische MS-Medikamente erhielten.

Jeder einzelnen MS-Kranken stellten sie im Schnitt zwei Schwangere ohne spätere MS mit ähnlichem Geburtsjahr und einem Wohnsitz in derselben Region gegenüber (Kontrollgruppe). Insgesamt analysierten die Forscher rund 6200 Blutproben von 3200 Teilnehmerinnen.

Die Vitamin-D-Spiegel waren sowohl bei den späteren MS-Kranken, als auch bei den gesund gebliebenen Frauen ausgesprochen niedrig. Mehr als der Hälfte in beiden Gruppen wurde ein Vitamin-D-Mangel (unter 30 nmol / l) attestiert, ein weiteres Drittel hatte mit 30-50 nmol / l zu niedrige Werte, nur ein Bruchteil zeigte ausreichend hohe Vitamin-D-Spiegel. Dies änderte sich erst ab dem Jahr 2004 –, seither wird Schwangeren in Finnland eine Vitamin-D-Supplementierung empfohlen.

Im Schnitt hatten die späteren MS-Kranken um 1,3 nmol / l niedrigere Vitamin-D-Spiegel als die Frauen in der Kontrollgruppe – kein relevanter Unterschied. Allerdings fanden die Forscher bei den späteren MS-Kranken häufiger einen ausgeprägten Vitamin-D-Mangel (bei 58 Prozent versus 52 Prozent) und seltener ausreichend hohe Spiegel (bei 6 Prozent versus 7,5 Prozent).

Supplementierung sinnvoll?

Werden nun verschiedene Faktoren wie Alter, Geburtsjahr, Zahl der Schwangerschaften und Monat der Blutprobenentnahme berücksichtigt, ergibt sich rechnerisch für eine Erhöhung der Vitamin-D-Spiegel um 50 nmol / l eine Reduktion der MS-Gefahr um 39 Prozent. Frauen mit Vitamin-D-Spiegeln unter 30 nmol / l erkranken nach diesen Daten zudem 43 Prozent häufiger an MS als solche mit Werten über 50 nmol / l. Frauen in den unteren beiden Quintilen (unter 27 nmol / l) tragen ein rund 60 Prozent höheres MS-Risiko als solche im oberen Quintil (über 41 nmol / l).

Natürlich kann eine solche Analyse ebenfalls keine Kausalität belegen, ferner lässt die geringe Zahl der Frauen mit ausreichend hohen Vitamin-D-Spiegeln an der Zuverlässigkeit der Angaben zweifeln. Dennoch sieht die Neurologin Dr. Ruth Ann Marrie von der Universität in Winnipeg, Kanada, in einem Editorial zu der Publikation die Zeit gekommen, an eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D zu denken, und zwar vor allem bei Personen, die aufgrund von Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht oder wegen einer familiären Belastung ein erhöhtes MS-Risiko tragen. "Die Vitamin-D-Supplementierung ist eine einfache Intervention, die sehr kosteneffektiv wäre, könnte sie auch nur einen Bruchteil der MS-Erkrankungen verhindern."

Vitamin-D-Spiegel und MS-Risiko:

» unter 30 nmol / l ist das Erkrankungsrisiko um 43 Prozent erhöht und

» unter 27 nmol / l um 60 Prozent.

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