Ärzte Zeitung, 13.06.2008

HINTERGRUND

Lärm, Dreck, Geruch, Hitze - seit 25 Jahren engagieren sich die "Ärzte für die Dritte Welt"

Von Pete Smith

Weltweit im Einsatz für die Armen der Welt: In den letzten 25 Jahren sind mehr als 2300 "German Doctors" fast 4300 Mal im Einsatz gewesen. Die "Ärzte für die Dritte Welt" sind 1983 von dem Frankfurter Jesuitenpater Dr. Bernhard Ehlen gegründet worden. Heute zählt das Komitee zu den bekanntesten Hilfsorganisationen Deutschlands. Aus Anlass seines 25-jährigen Gründungsjubiläums werden die Ärzte am Montag im Frankfurter Römer in einer Feierstunde geehrt.

Eine von ihnen ist Dr. Evelyn Seltmann. Sie wollte angesichts des Elends in den Entwicklungsländern, des weltweiten Hungers und der wiederkehrenden Katastrophen nicht länger tatenlos zusehen. Ihr ging es gut, sie wollte "etwas zurückgeben", etwas tun, was den Ärmsten wirklich zugute kommt. Das war vor sechs Jahren. Im Internet erkundigte sich die Gynäkologin aus Bad Pyrmont nach Einsatzmöglichkeiten und gelangte rasch auf die Homepage der "Ärzte für die Dritte Welt". Das Komitee bietet auch unerfahrenen Kollegen die Möglichkeit, ihr medizinisches Wissen sechs Wochen lang in den Dienst einer guten Sache zu stellen. Sie spenden ihren Urlaub, arbeiten unentgeltlich und zahlen die Hälfte der Flugkosten aus eigener Tasche. Das sollte es auch Evelyn Seltmann wert sein.

In Wochenendkursen werden Ärzte auf Einsätze vorbereitet

Also forderte sie Bewerbungsunterlagen an, schickte diese mit Angaben über ihre Vorstellungen, ihre Motivation, ihren medizinischen Hintergrund sowie ihre Wünsche zu Zeit und Ort eines möglichen Einsatzes zurück und erhielt bald darauf eine Einladung zu einem Gespräch. Dort bot man ihr einen Einsatz in einem Slum Manilas, der Hauptstadt der Philippinen, an. Während eines Wochenendkurses wurde sie auf ihren Einsatz vorbereitet. Sie sprach mit Ärzten, die schon vor ihr auf den Philippinen tätig gewesen waren, und las die Berichte ihrer direkten Vorgänger im Einsatzgebiet.

Trotz ihrer intensiven Vorbereitung war die Ankunft ein Schock. "Der Lärm, der Dreck, der Geruch, die Hitze - das hat mich regelrecht erschlagen", erinnert sich Evelyn Seltmann, die froh war, von einer Kollegin unterstützt zu werden. In der Ambulanz im Slum von Manila entdeckte sie ein Schild an einer Tür: "Dr. Evelyn". Davor saßen etliche Patienten. Da wusste sie, dass ihr Einsatz begonnen hatte…

Pro Jahr entsendet die Hilfsorganisation etwa 330 Ärzte in eines ihrer neun Projekte auf den Philippinen, in Indien, Bangladesh, Kenia und Nicaragua. Jeder von ihnen ist in der Regel sechs Wochen vor Ort. "Nach sechs Wochen wechselt das Gesicht, aber die Hilfe bleibt", formuliert es Dr. Harald Kischlat, der 2006 als Geschäftsführer die Gesamtleitung der Organisation von Pater Ehlen übernommen hat. Der Gründer von "Ärzte für die Dritte Welt" sitzt weiterhin im Vorstand, Präsidentin des Kuratoriums ist die Ärztin und Schauspielerin Dr. Maria Furtwängler.

Wer die Slums von Kalkutta oder Manila betritt, taucht in eine andere Welt ein. Hier gibt es kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine sanitären Anlagen - "hier herrscht medizinischer Notstand", so Kischlat. Seine Organisation unterhält in beiden Slums seit 25 Jahren Ambulanzen, die den Notstand wenn nicht beheben, so doch lindern können. Dem Leitgedanken Pater Ehlens folgend, setzen sich die "German Doctors" ohne konfessionelle Bindung, ohne politische Zielrichtung für den Einzelnen ein, wohl wissend, dass sie das Elend nur selten dauerhaft ändern können. Ihr humanitäres Engagement wird hoch geschätzt: von den Patienten, den einheimischen Ärzten, den Politikern, den Spendern. Und von den jungen Ärzten, für die die "alten Hasen" Vorbildcharakter haben und die für den nächsten Einsatz in ihre Fußstapfen treten.

In den Slums ist Tuberkulose ein großes Problem

Evelyn Seltmann hat inzwischen fünf Einsätze für das Komitee hinter sich. Dr. Lisa Sous war allein 25 Mal in Kalkutta. Die Kölner Allgemeinärztin ist Medizinische Leiterin von "Ärzte für die Dritte Welt" hat in der indischen Metropole Kalkutta ein Zentrum für Tuberkulose aufgebaut. Deren rasante Ausbreitung in den Slums nennt sie eine "Katastrophe". Pro Monat erkranken 500 Patienten neu an Schwindsucht. "Das muss man wörtlich nehmen: Die Menschen magern bis auf 20 Kilogramm ab, sie verschwinden wirklich." Und da man in diesem Zustand nicht mehr arbeiten kann, wird derzeit eine Reha-Einrichtung aufgebaut. Darüber hinaus initiieren Lisa Sous und ihre Kollegen Bildungsprogramme. "Der Weg aus der Armut führt über die Ausbildung", sagt die Ärztin. Junge Inderinnen lernen stricken und sticken, die Helfer kümmern sich um die Absatzmärkte. "So können sich die Menschen aus dem Elend heraus entwickeln."

Lisa Sous ist optimistisch, dass sie und ihre Mitstreiter noch vielen Menschen auf diese Weise helfen können. "Weil wir in unseren Ärzten ein Wahnsinnspotenzial haben." Evelyn Seltmann gibt ihr recht, und Harald Kischlat bekräftigt: "Man kann immer noch mehr machen. Aber dazu haben wir ja mindestens die nächsten 25 Jahre Zeit."

STICHWORT

"Ärzte für die Dritte Welt"

Das Komitee wurde 1983 von dem Jesuitenpater Bernhard Ehlen ins Leben gerufen. Sitz der Organisation ist Frankfurt/Main. In den 25 Jahren seines Bestehens hat das Komitee etwa 2300 Ärzte zu 4300 Einsätzen entsandt. Derzeit unterhält die Organisation neun Projekte auf den Philippinen, in Indien, Bangladesh, Kenia und Nicaragua, die von je zwei bis acht Ärzten an den Standorten unterstützt werden. Zudem werden 130 Partnerprojekte in 21 Ländern finanziert.

Pro Jahr entsendet das Komitee "Ärzte für die Dritte Welt" etwa 330 Ärzte in Entwicklungsländer, meist in die Slums der Großstädte. Alle Ärzte arbeiten unentgeltlich, absolvieren ihre Einsätze während ihres Urlaubs und zahlen die Hälfte ihrer Flugkosten. Die Einsätze dauern in der Regel sechs Wochen.

Die Ausgaben für die neun Projekte mit 38 Ärzten aus Deutschland, sieben einheimischen Ärzten und mehr als 360 einheimischen Krankenschwestern, Gesundheitshelfern, Übersetzern, Fahrern und weiterem Hilfspersonal betrugen im Jahr 2007 insgesamt mehr als 3,7 Millionen Euro.

(Smi)

Weitere Infos gibt es im Internet: www.aerzte-dritte-welt.de

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