Ärzte Zeitung online, 07.07.2018

Trotz Querschnittslähmung

Tanzen als Lebenselixier

Sophie Hauenherm trotzt ihrem Schicksal: Auch mit einer Querschnittslähmung besteht sie die Bachelor-Prüfung an der Palucca-Hochschule für Tanz.

Von Jörg Schurig

128a1601_8037511-A.jpg

Leon Damm (l.), Sophie Hauenherm und Lina Meißner (r.), Studenten an der Palucca Hochschule.

© Monika Skolimowska / dpa-Zent

DRESDEN. Dem bewegenden Auftritt folgt ein Moment der Stille. Dann Standing Ovations. Als sich die 18-jährige Sophie Hauenherm bei ihrer Bachelor-Prüfung an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden verbeugt, muss sie dabei sitzen bleiben – im Rollstuhl. Das Publikum ist wie gebannt.

Sophies Tanz-Vorstellung auf einem Stuhl und am Boden ist das Gegenteil von dem, was man von einer Tänzerin auf zwei Beinen erwartet, aber auch das Gegenteil von dem, was man einem Menschen in ihrer Lage zutrauen würde.

Sophie Hauenherms Tanz gleicht einer Explosion an Stärke und Kraft. Er ist die Botschaft einer jungen Frau, die sagt: "Gebt niemals auf und verliert niemals den Mut!". Und: Sie besteht.

Wenn Sophie tanzt, sind ihre langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten. Was ihre Beine nicht können, macht der Rest des Körpers umso intensiver. Es wirkt fast so, als brauchte sie nicht mehr, um auszudrücken, was sie sagen will. Am Morgen nach der Prüfung spricht sie von einem "unglaublichen Abend".

Für eine Tänzerin oder einen Tänzer sei es emotional aufwühlend, eigene Choreographien vor Publikum zu zeigen: "Das ist, als würde man sich nackt auf die Bühne stellen. Man gibt die privatesten Gedanken und Gefühle frei und teilt sie mit den Leuten."

Abszess hat Nerven abgequetscht

Hauenherm selbst hat ihre Gefühlswelt der letzten Monate ausgedrückt. Sie stammt aus Leipzig und hat seit 2012 an Deutschlands einziger eigenständiger Tanzhochschule studiert. Im Dezember 2017 war sie das letzte Mal im Palucca Tanzstudio aufgetreten – mit starken Rückenschmerzen.

Die Ärzte vermuteten muskuläre Verspannungen. Sophie ließ sich selbst ins Krankenhaus einweisen. Ein MRT bekam sie erst, als sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Ein Abszess war immer größer geworden und hatte die Nerven abgequetscht. Seither ist sie von der Hüfte ab gelähmt.

Sophie spricht von einer inkompletten Querschnittslähmung, weil die Nerven nicht komplett durchtrennt sind: "Das ist mein Glück." Fünf Monate hat sie im Krankenhaus gelegen, seit Mai macht sie eine Reha. Ihr Tag ist ausgefüllt mit Krankengymnastik, Stromtherapie, Sport, Alltagstraining, Gangschule, Wassergymnastik, Massage und Luftsprudelbad.

Die Ärzte wissen noch nicht, ob, wann und wie viele Funktionen ihres gelähmten Körpers wiederkommen, sagt Sophie. Mittlerweile aber könne sie auf Unterarmstützen schon bis zu 200 Meter laufen.

"Die Zukunft bleibt offen. Jetzt konzentriere ich mich erst mal auf die Ziele, die ich Schritt für Schritt erreichen kann."

Das Schicksal von Sophie ist den Kommilitonen natürlich nahegegangen. "Das war ein Schock", erinnert sich Leon Damm: "Ich wusste, dass sie starke Schmerzen hatte und auch mit sehr starken Schmerzen noch getanzt hat."

Als die Nachricht kam, dass sie nun gelähmt im Krankenhaus liege, habe man das trotzdem nicht glauben wollen. Gemeinsam mit einem anderen Studenten hat Leon Sophie in einer Spezialklinik im thüringischen Bad Berka besucht. Traurig ging es dort nicht zu.

Gemeinsam haben sie Tanzvideos mit dem Handy gedreht. Das hatte Sophie auch zuvor schon getan – sehr zur Verwunderung der Putzfrau im Krankenhaus.

"Palucca-Tugenden" haben ihr geholfen

Als Sophie ans Bett gefesselt blieb, kamen auch Dozenten mit Kuchen vorbei. Eine Mitarbeiterin aus dem Kostümfundus schickte jede Woche einen Brief oder ein Päckchen – mit lieben Worten, Gummibärchen, selbstgebackenem Bananenbrot.

"Die Erfahrungen aus dem Studium haben mir geholfen, die Erkrankung zu bewältigen", erklärt Sophie rückblickend und verweist auf "Palucca-Tugenden" wie Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und eisernen Willen.

"Ich bin vom Typ her nicht jemand, der sich hängen lässt und den Kopf in den Sand steckt. Ich habe mir immer gesagt: Ich schaffe das, ziehe das durch, mache jede Therapie mit, alles, was ich kann."

Ted Meier, freier Dozent an der Palucca Tanzschule, zieht vor seiner Schülerin den Hut. Bei den Proben für die Prüfung hat er oft mit ihr gescherzt. Auch Lachen kann wie eine Medizin wirken. "Sophie ist eine echte Durchbeißerin", sagt Meier.

Sie selbst sieht es nicht viel anders: "Das bin ich, voller Energie und Ehrgeiz – und genau das war ich schon immer. Ich zeige nur meinen aktuellen Zustand und auch den Weg, auf dem ich bin."

Und in einem Jahr werde sie schon ganz anders auf der Bühne zu sehen sein, ist sich die Tänzerin sicher: "Es ist immer noch das schönste Gefühl der Welt, auf der Bühne zu stehen." (dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Viele falsche Vorstellungen, was Krebs verursacht

Stress, Handystrahlen und Trinken aus Plastikflaschen lösen Krebs aus, denken viele fälschlicherweise. Die wahren Risikofaktoren kennt nur jeder Zweite, so eine Studie. mehr »

Höherer Zuschlag für Terminvermittlung

Das Bundeskabinett will sich heute mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz beschäftigen. Am Entwurf wurde vorab noch gebastelt – er enthält wichtige Änderungen. mehr »

Die übersehene Speiseröhren-Entzündung

Lange glaubte man, die eosinophile Ösophagitis komme nur selten vor. Inzwischen zeigt sich: Es gibt immer mehr Patienten mit dieser chronischen Entzündung der Speiseröhre. mehr »