Ärzte Zeitung, 07.02.2014

Krankenhaus-Report: Auf die Erfahrung kommt es an

Transparenz und Erfahrung: Wenn es um die Sicherheit von Patienten geht, spielen diese beiden Faktoren eine herausragende Rolle. Das ist eine Erkenntnis, die der Krankenhaus-Report 2014 untermauert.

Von Taina Ebert-Rall

aok-pd-grafik-hueft-tep-A.jpg

BERLIN. Am Beispiel der Hüftendoprothetik zeigt der diesjährige Krankenhaus-Report unter anderem deutliche Unterschiede bei der Ergebnisqualität in deutschen Krankenhäusern. Basis für die Analyse ist das Verfahren "Qualitätssicherung mit Routinedaten" (QSR) des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Neben der externen gesetzlichen Qualitätssicherung bietet das QSR-Verfahren eine ergänzende Methode zur Schaffung von mehr Qualitätstransparenz für Patienten und Ärzte, betont Jürgen Klauber, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Krankenhaus-Reports.

Das QSR-Verfahren, das mit Experten aus Klinik und Wissenschaft kontinuierlich weiterentwickelt wird, setzt auf die Analyse von Langzeitergebnissen. Der ansonsten auf den Krankenhausaufenthalt begrenzte Blick wird substanziell ergänzt und das Krankenhaus erhält Qualitätsinformationen, die es sonst nicht hat.

Der Krankenhaus-Report erläutert das am Beispiel des planbaren Hüftgelenkersatzes bei Arthrose, für den Daten von AOK-Patienten aus den Jahren 2009 bis 2011 ausgewertet wurden. Es stellte sich heraus, dass die Patienten in erheblichem Umfang von Komplikationen betroffen waren.

Bis zu einem Jahr nach dem Eingriff kam es bei 7,4 Prozent der Patienten zu mindestens einem solchen Ereignis. Bei vier Prozent der Patienten wurde eine Revision vorgenommen.

Außerdem zeigten sich deutliche Unterschiede bei der Ergebnisqualität zwischen den einzelnen Kliniken. Für das Viertel der Kliniken mit den niedrigsten Revisionsraten betrug diese maximal 2,6 Prozent. Beim Viertel der Kliniken mit den höchsten Revisionsraten lag sie bei mindestens 5,7 Prozent, also mehr als doppelt so hoch.

Diese Unterschiede blieben auch dann bestehen, wenn die unterschiedliche Fallschwere der einbezogenen Patienten berücksichtigt wurde. Das Zehntel der Kliniken mit dem schlechtesten Ergebnis lag die beobachtete Revisionsrate nach der Risikoadjustierung um mindestens 93 Prozent über dem zu erwartenden Wert.

Viele Operationen - weniger Revisionen

In der Spitzengruppe unterschritt dagegen das Zehntel der besten Kliniken die für das jeweilige Haus erwartete Revisionsrate um mindestens 56 Prozent. Klauber: "Beim Gelenkersatz hängen derartige Qualitätsunterschiede stark damit zusammen, wie häufig eine Operation an einer Klinik durchgeführt wird. Vieles spricht dafür, dass mit steigender Erfahrung und Routine bessere Ergebnisse erzielt werden."

Nach der aktuellen Analyse im Krankenhaus-Report gibt es große Unterschiede darin, wie häufig ein planbarer Hüftgelenkersatz in den einzelnen Häusern vorgenommen wird. Sortiert man die Kliniken nach der Fallzahl und unterteilt sie in fünf gleich große Klassen, so zeigt sich: Während im Fünftel der Häuser mit den wenigsten Eingriffen ein Haus auf maximal 44 Operationen pro Jahr kommt, führt das Fünftel der Krankenhäuser mit den meisten Operationen mindestens 201 Operationen jährlich aus.

Auf Basis einer risikoadjustierten Analyse, die den Fallschweremix der Häuser berücksichtigt, zeigt sich weiter: Das Fünftel der Kliniken mit den wenigsten Eingriffen weist im Vergleich zum Fünftel mit den meisten Behandlungen eine um 37 Prozent höhere Revisionsrate auf.

Vergleicht man entsprechend das zweite und dritte Fünftel mit dem Fünftel mit den meisten Behandlungen, so betragen die Risikoerhöhungen 23 beziehungsweise 17 Prozent. Für planbare Hüftgelenk-Operationen kann der Krankhaus-Report 2014 den Zusammenhang zwischen Menge und Ergebnis also deutlich belegen.

Viele Kliniken nutzen die QSR-Indikatoren bereits, um ihre Behandlungsqualität im Rahmen des klinikinternen QM zu verbessern. Das gilt etwa für die rund 200 deutschen Kliniken der Initiative Qualitätsmedizin (IQM).

"Nur wenn Qualitätsprobleme bekannt sind, können im Klinikbetrieb Initiativen ergriffen werden, um Fehler zu vermeiden", sagt Klauber. Würden Auffälligkeiten wie beispielsweise ein gehäuftes Auftreten von Komplikationen festgestellt, könne das Krankenhaus diesen mit eigenen Analysen nachgehen und im Rahmen des klinikinternen QM gegensteuern.

>Die Patienten stehen im Mittelpunkt

Der Krankenhaus-Report liefert nicht nur Qualitätsdaten zur Behandlung in Kliniken. Er zeigt auch auf, wo Berichtssysteme in Klinik und Praxis ansetzen könnten.

Ob Hygiene, Infektionsvermeidung, Checklisten im OP oder Seitenmarkierungen - mit dem Thema "Patientensicherheit" steht ein vielfältiger Komplex im Mittelpunkt des aktuellen Krankenhaus-Reports.

Der im Schattauer-Verlag erscheinende Report zeigt unter anderem Spielräume für Verbesserungen auf, informiert über Möglichkeiten von Berichts- und Lernsystemen und über Trainingsprogramme für Notfallsituationen ebenso wie über Haftungsfragen und statistische Krankenhausdaten.

Denn Qualitätstransparenz, ein offener Umgang mit Fehlern und eine Krankenhausplanung, die sich am Bedarf der Patienten orientiert, sind entscheidende Voraussetzungen für die Patientensicherheit.

Von "Arzneimitteltherapiesicherheit im Krankenhaus" über "Der Regress von Medizinprodukteschäden" und "Sicherheitskultur und Berichts- und Lernsysteme" bis zu "Fehlermanagement durch Notfallsimulationstraining für geburtshilfliche Teams" lauten die Überschriften für die Beiträge namhafter Autoren.

Sie zeigen darin unter anderem auf, wie Abläufe optimiert werden und was Krankenhausverantwortliche auch aus anderen Branchen lernen können. Zudem informiert der Report darüber, welch wichtigen Beitrag zur Patientensicherheit das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) und das Deutsche Aortenklappenregister leisten können und wie wichtig es ist, dass Patienten und ihre Ärzte die Behandlungsqualität einer Klinik kennen.

Der Krankenhaus-Report wird jährlich vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) gemeinsam mit Max Geraeds von der Universität Witten/Herdecke und Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen herausgegeben. (Taina Ebert-Rall)

Krankenhaus-Report 2014: Klauber/Geraeds/Friedrich/Wasen (Hersg.); ISBN 978-3-7945-2972-8

[07.02.2014, 15:03:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Binsenweisheiten ?
Ist es nicht eine Binsenweisheit, die seit Jahren auch den chirurgisch/orthopädischen Fachgesellschaften bekannt ist, dass eine höhere Anzahl durchgeführter, planbarer Hüftgelenk-Implantationen eine inverse Korrelation zur Häufigkeit von Früh- und Spät-Komplikationen aufweist. Vom Qualitäts- und Fehlermanagement der HELIOS-Kliniken ist mir z. B. persönlich bekannt, dass diese Erkenntnisse allgemein auch auf einzelne Operateure, interventionelle und konservativ arbeitende Fachabteilungen je nach Erfahrung und Eingriffshäufigkeit heruntergebrochen werden können.

Vergleichbares gilt für den gesamten Bereich der Humanmedizin von der Appendektomie-"Performance" bis zur Zöliakie-Detektion: Mit zunehmender professioneller, durch Aus- und Weiterbildung bzw. Qualitätssicherung augmentierter Erfahrung u n d dem notwendigen "feed-back" sinkt die Fehler- und Ausfallquote im gesamten "Medizinbetrieb": Vom hausärztlich orientierten weiblichen oder männlichen Allgemeinmediziner über die Pathologie bis zur Männer-Domäne Transplantationschirurgie. Forensisch relevantes Fehlverhalten und entwickelte kriminelle Energie natürlich ausgenommen.

Aber auch der/die "Case-" bzw. "Disease-Manager" am Schreibtisch einer x-beliebigen AOK-"Gesundheitskasse" gedeihen und wachsen mit ihren Aufgaben. In dem Maße wie Sozialversicherungsfachangestellte im GKV-System erkennen, dass es in Klinik und Praxis g e n e r e l l eher um Krankheit als um Gesundheit, um oft lebenslange Therapie, Linderung und Unterstützung und vermehrt um "Disease"-Management, als um virtuelle "Gesundheitssystem"-Versorgungsrealität geht, desto eher werden sie begreifen können, dass die Akteure in der Krankenversorgung in Stadt und Land nicht g e g e n e i n a n d e r polemisieren und konterkarieren, sondern m i t e i n a n d e r agieren sollten.

Doch was soll ein "Krankhaus-Report 2014" bewirken, der den Zusammenhang zwischen Menge und Ergebnis belegt, die Nutzung klinikinterner QM über QSR-Indikatoren bestätigt und die Messung von Behandlungsqualität in rund 200 deutschen Kliniken als Initiative Qualitätsmedizin (IQM) und „state-of-the-art“ mit berücksichtigt muss?

Wer wie Jürgen Klauber, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des "Krankenhaus-Report 2014", zu Recht und zutreffend fordert: "Nur wenn Qualitätsprobleme bekannt sind, können im Klinikbetrieb Initiativen ergriffen werden, um Fehler zu vermeiden", muss sich doch fragen lassen, wie es bei der Presse-Präsentation der von ihm mit zu verantwortenden Publikation zu unglaublich einfältigen Entgleisungen kommen konnte?

http://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/pressemitteilungen/archiv/2014/krankenhaus_report_2014_pressemappe_210114.pdf

Frei von jeglicher Fehlerkultur wurde konfabuliert: "Geschätzter Anteil und Anzahl Fälle mit patientensicherheitsrelevanten Ereignissen (PSRE) in Krankenhäusern Deutschlands (Bezugsjahr 2011) - Berechnung auf der Basis der Angaben des Sachverständigenrats-Gutachtens 2007". Auf der Basis von ‚Schätzungen‘, drei bzw. sieben Jahre alt, die rein zeitlich nicht miteinander korrelieren, wurde fiktiv auf ein Jahr 2014 hochgerechnet ("geschätzte Häufigkeit bezogen auf 18,8 Millionen Behandlungsfälle 2011"). Das darauf folgende ‚Statement‘ vom 21.1.2014 lautete: "Fehler kommen mit einer Häufigkeit von rund einem Prozent aller Krankenhausfälle vor und tödliche Fehler mit einer Häufigkeit von rund einem Promille. Ein Fall von 1.000 bedeutet auf dem heutigen Versorgungsniveau rund 19.000 Todesfälle in deutschen Krankenhäusern pro Jahr auf der Basis von Fehlern - das sind fünfmal so viele Todesfälle wie im Straßenverkehr."

Es ist völlig unlogisch und u n w i s s e n s c h a f t l i c h, Tote und Sterben in Krankenhäusern mit Verkehrstoten vergleichen zu wollen. Unterschlagen wird, dass es sich bei Krankenhauspatienten i. d. R. um kritisch K r a n k e mit klinischen Befunden und Behandlungsnotwendigkeit handelt. Für "Gesundheitssystemforschung" und "Gesundheitsökonomie" eine interventionell eher ungeeignete Zielgruppe. Aber auch nach einer lt. "Krankenhausreport 2014" äußerst unwahrscheinlichen, völligen Genesung bleiben Ex-Klinikpatienten eine gegenüber gesunden Straßenverkehrs-Teilnehmern überalterte Klientel mit vitalen körperlichen, mentalen, kognitiven und perzeptiven Defiziten bzw. Risikofaktoren: Akut und/oder chronisch multimorbide Patienten mit erhöhter Dekompensations-, Sturz- und Mortalitätsgefahr. Palliativ, präfinal oder terminal Kranke werden mit hohem Mortalitätsrisiko stationär aufgenommen, deren Teilhabe am Straßenverkehr a priori ausgeschlossen ist.

Straßenverkehrsteilnehmer sind dagegen im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte unterwegs. Sie bewegen sich mit einem verschwindend geringen Prozentsatz auf Klinik- und Hospital-Parkplätzen (um eine minimale Schnittmenge nicht außer Acht zu lassen). Die meisten Verkehrsunfälle mit möglicherweise tödlichem Ausgang ereignen sich nach kriminellem, vorsätzlichem, grob fahrlässigem oder nachlässigem Fehlverhalten bzw. nachweisbaren Regelverstößen. Schwerpunktmäßig bei jüngeren, männlichen, oft grundsätzlich mit höherem Risikoverhalten (u. a. Alkohol) agierenden Verkehrsteilnehmern.

Dank intelligenter Notfall- und Rettungssysteme, kardiopulmonaler Reanimation (CPR) und einer hochentwickelten Traumatologie/Unfallchirurgie ist die Zahl der Verkehrstoten von jährlich 19.000 in 1970 auf etwa 4.000/Jahr (2011) zurückgegangen. Rettungs-Verbundsysteme, Rund-um-die-Uhr-Bereitschaften, erfolgreiches Qualitäts- und Fehlermanagement, Notfall-Anästhesie und differenzierte interdisziplinäre Traumatologie haben die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2012 auf 3.600 reduzieren können. www.destatis.de berichtet: "Die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr wird im Jahr 2013 einen weiteren Tiefstand erreichen. Nach Schätzungen, die auf vorliegenden Daten von Januar bis September 2013 basieren, dürfte die Zahl der Todesopfer voraussichtlich um etwa 10 % auf unter 3 300 sinken. Bei den Verletzten ist im Jahr 2013 eine Abnahme um annähernd 5 % auf 366 000 zu erwarten.“

D a s sind Binsenweisheiten, die o h n e jeglichen Krankenhaus-Report zu Stande gekommen sind und der aktuellen Versorgungsrealität in Klinik und Praxis entsprechen. Aber diese kommt in der „Gesundheitssystemforschung“ und „Gesundheitsökonomie“ nicht vor. Weil der Krankenhaus-Report 2014 derart „abweichende“ Meinungen gar nicht erst zulassen wollte?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »

Rettungsgasse blockieren kostet 320 Euro

Länderkammer verschärft die Bußgeldhöhe, wenn Rettungsgassen nicht beachtet werden. mehr »

Palliativmedizin erfordert Zusatzqualifikation

Die Debatte um die Verpflichtung von Hausärzten zur Zusatzausbildung in Palliativmedizin schlägt hohe Wellen. In der KBV-Vertreterversammlung am Freitag wurde KBV-Vize Hofmeister nun grundsätzlich. mehr »