Ärzte Zeitung online, 10.11.2017

Kopfschmerzambulanz

Der Patient ist Teil des Teams

Eine multimodale Therapie bewirkt laut Dr. Heike Israel-Willner von der Kopfschmerzambulanz der Berliner Charité vor allem eines: Sie gibt Patienten mehr Sicherheit.

Ärzte Zeitung: KopfschmerzSPEZIAL orientiert sich am Ansatz der multimodalen Schmerztherapie. Was sind die Vorteile?

Dr. Heike Israel-Willner: Bei der multimodalen Schmerztherapie arbeiten Ärzte, Psychologen bzw. Psychotherapeuten und Physiotherapeuten Hand in Hand. Nach der Diagnosesicherung erstellen sie einen gemeinsamen Therapieplan und tauschen sich auch immer wieder zum Behandlungsverlauf aus. Dabei werden auch Begleiterkrankungen mit behandelt.

Die Patienten selbst werden in den gesamten Prozess stark eingebunden. Sie werden beispielsweise darin geschult, mit der Erkrankung richtig umzugehen. Dazu gehört eine Sensibilisierung für Faktoren, die den Schmerz auslösen oder verstärken. So können Auslöser vermieden werden. Insgesamt bekommen die Patienten so mehr Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung. Nach einer langen und leider oft auch vergeblichen Odyssee durchs Gesundheitssystem resignieren viele Patienten irgendwann und entwickeln zusätzlich starke psychische Leiden. Ganz zu schweigen davon, dass die Erkrankung selbst irgendwann chronisch wird. Das kann mit einer gut abgestimmten multimodalen Schmerztherapie vermieden werden.

Was sollte im Umgang mit Kopfschmerzpatienten auf jeden Fall beachtet werden?

Bei neu aufgetretenem Kopfschmerz immer auch an symptomatische Formen denken und diese ausschließen. Bei wiederkehrenden Kopfschmerzerkrankungen ist das Führen eines Kopfschmerzkalenders hinsichtlich der Schmerzcharakteristika und Einschätzung des Schmerzmittelverbrauches essentiell (siehe Vorlagen der DMKG).

Spricht ein Patient nicht auf die Standardtherapie an, leidet unter einer hohen Attackenfrequenz oder unter neurologischen Ausfällen, sollte er frühzeitig an einen Facharztkollegen, sprich Neurologen oder Nervenarzt beziehungsweise Schmerztherapeuten, überwiesen werden.

Wie ist es generell um die Versorgung von Kopfschmerzpatienten in Deutschland bestellt?

Die Versorgung ist leider noch unzulänglich. Patienten mit chronifizierten Kopfschmerzen sind nicht oder nur unzureichend in fachärztlicher Behandlung. Sie entwickeln häufig psychische oder arzneimittelinduzierte somatische Folgeerkrankungen. Es ist gut, dass es in Deutschland bereits spezialisierte Kopfschmerzzentren gibt und Zentren, die im Rahmen der integrierten Versorgung multimodale Behandlungsprogramme anbieten. Leider reicht das Angebot noch nicht aus, um den eigentlichen Betreuungsbedarf adäquat abzudecken.

Beteiligen sich niedergelassene Ärzte an Ihrem Programm?

Es besteht prinzipiell ein großes Interesse der niedergelassenen Kollegen an der Behandlung von Kopfschmerzpatienten, da diese aufgrund der hohen Prävalenz der Erkrankung in allen Praxiskollektiven vorkommen. Im Rahmen des IV-Programms hat die Charité über 25 Kooperationspartner im Raum Berlin / Brandenburg vertraglich gebunden, die die ambulante Weiterbehandlung der teilnehmenden Patienten gewährleisten. Natürlich steht es darüber allen ärztlichen Kollegen frei, Patienten zur Teilnahme an dem Programm in der Kopfschmerzambulanz vorzustellen.(Ebert-Rall)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Bundestag will zweite Runde für TSVG

Die erste Anhörungsrunde zum Termineservicegesetz verlief erwartungsgemäß kontrovers. Der Gesundheitsausschuss hat für den 13. Februar eine weitere Anhörung angesetzt. mehr »

Paul Ehrlich-Preis für Forschung zu Proteinfaltung

Für ihre Forschung zu Chaperonen erhalten Franz-Ulrich Hartl und Arthur L. Horwich den Paul Ehrlich-Preis 2019. Ihre Erkenntnisse könnten für neue Therapien bei neurodegenerativen Erkrankungen eingesetzt werden. mehr »

Ärzte sehr enttäuscht über Brexit-Votum

Das britische Parlament hat das von Premierministerin May ausgehandelte Brexit-Abkommen mit der EU abgeschmettert. Ärzte und Pharmabranche zeigen sich enttäuscht – und fordern endlich Klarheit. mehr »