Ärzte Zeitung online, 07.12.2018

Interview

„Das ist eine Wahnsinns-Herausforderung für Ärzte“

Oft rühren körperliche Beschwerden von Geflüchteten von einem Trauma her, so die Erfahrung von Jürgen Soyer, Geschäftsführer von Refugio München. Der Weg zur richtigen Diagnose ist aber nicht nur wegen der Sprachbarrieren schwer.

Ärzte Zeitung: Herr Soyer, was genau ist Refugio?

Jürgen Soyer: Refugio München ist ein Beratungs- und Behandlungszentrum für Geflüchtete in Südbayern. Seit über 20 Jahren kümmern sich unsere Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel Ärzte, Psychotherapeuten und Dolmetscher, jährlich um mehr als 2500 Menschen, darunter circa 700 Kinder, aus aller Welt. Hauptsächlich behandeln, beraten und betreuen wir Flüchtlinge, die gefoltert wurden, traumatisiert sind oder sich in einer psychischen Krise befinden. Außerdem geben wir unsere Expertise weiter, zum Beispiel in Seminaren, Workshops und Coachings.

Wann und mit welchen Beschwerden kommen Menschen zu Ihnen?

Jürgen Soyer: Die meisten unserer Klienten haben zwar schon eine längere Arzthistorie hinter sich, konnten aber ihr eigentliches Problem der psychischen Beschwerden und schlimmen Erinnerungen nicht ausdrücken. Wegen der sprachlichen Schwierigkeiten und der kulturellen Unterschiede ist es für Ärzte meist sehr schwierig herauszufinden, was das eigentliche Problem eines solchen Patienten ist. Die Menschen klagen über Schmerzen oder Schlafstörungen und werden entsprechend medikamentös behandelt. Manche kommen dann mit einer ganzen Tüte von Medikamenten bei uns an.

Oft rühren die Beschwerden aber von einem Trauma her, beispielsweise einer Vergewaltigung. Da spielt dann einiges zusammen. Zum einen die Scham der Patienten, das zu benennen, zum anderen mangelnde Sprachkenntnisse.

Das ist eine Wahnsinns-Herausforderung für Ärzte, das macht die Diagnose schwer. Manche unserer Klienten haben Suizidversuche hinter sich, manche waren bereits in der Psychiatrie. Nach gängigen Maßstäben kommen nur die schweren Fälle zu uns.

Und wie finden die Patienten den Weg zu Ihnen?

Jürgen Soyer: Lehrer, Ärzte, Anwälte, die schon einige Erfahrung mit Geflüchteten haben, machen auf unser Angebot aufmerksam. Auch Mitarbeiter von Behörden. Oder die Patienten erfahren von Bekannten oder von Landsleuten von uns. Ein großer Teil wird von Fachärzten zu uns geschickt.

Zunehmend bitten uns Ärzte auch um Klärung, wenn kulturelle Unterschiede die Diagnose erschweren. Ein Riesenproblem ist nämlich die Sprachlosigkeit der Patienten, wenn es um ein Gewalterlebnis geht. Das war bei uns in Deutschland nach dem Krieg auch so. Viele dieser Patienten nehmen eine Psychotherapie als bedrohlich wahr. Sie schämen sich, haben Angst, verrückt zu werden oder verrückt zu sein. Traumatische Erlebnisse werden nur vorsichtig angedeutet, einen Zusammenhang zwischen dem Erlebten und den gesundheitlichen Beschwerden sehen die Betroffenen in der Regel nicht. Das ist typisch für traumatisierte Menschen.

Wie gehen Sie bei der Betreuung vor?

Jürgen Soyer: Wir haben ein ganzes Bündel von Angeboten. Das reicht von der Diagnostik über die Psychoedukation und Psychotherapie bis hin zu praktischer Unterstützung bei der Suche nach einem Deutschkurs oder dem Antrag auf eine Arbeitserlaubnis. Wir helfen dabei, Perspektiven herzustellen. Das können wir leisten, weil wir alles gebündelt haben. Ein wichtiger Aspekt ist, dass unsere Dolmetscher alles wortwörtlich übersetzen. Das ist unabdingbar für die Diagnose. Da die Dolmetscher in der Regel Muttersprachler sind, können sie uns auch auf kulturelle Besonderheiten hinweisen, zum Beispiel, wenn „ja“ gesagt wird, aber „nein“ gemeint ist. Ganz am Anfang geht es immer darum, Vertrauen herzustellen.

Gibt ein besonderes Anliegen?

Jürgen Soyer: Ein Drittel der geflüchteten Patienten sind Kinder. Ihre Eltern sind nach den Strapazen der Flucht häufig ausschließlich damit beschäftigt, zu überleben und den Alltag für die Familie zu regeln. Das sind ganz normale Eltern, aber sie kennen sich hier noch nicht aus und haben die für uns ganz normale Vorsorge häufig nicht im Blick. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, dass Ärzte ihre erwachsenen Patienten auch nach ihren Kindern fragen und zum Beispiel auf Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen hinweisen. (Taina Ebert-Rall)

Weitere Infos zu Refugio München unter: www.refugio-muenchen.de/ ueber-uns/

Lesen Sie dazu auch:
Untersuchung: Die Versorgungshürden von Geflüchteten

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