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Infektionen / WIdO-Auswertung

Jeder Sechste erhält Reserve-Antibiotikum

Auch wenn die Verordnungen von Reserve-Antibiotika in den letzten Jahren leicht rückläufig waren, verschreiben Ärzte ihren Patienten immer noch viel zu viele dieser Medikamente. Deren Anteil liegt nach Berechnungen des WIdO auf dem Niveau von vor 20 Jahren. Nötig ist aber auch die Entwicklung neuer Wirkstoffe.

Von Taina Ebert-Rall Veröffentlicht: 18.09.2020, 11:44 Uhr
Etwa jede 20. ambulante Verordnung betraf 2019 ein Antibiotikum.

Etwa jede 20. ambulante Verordnung betraf 2019 ein Antibiotikum.

© pixelfokus / stock.adobe.com

Berlin. Knapp 18 Millionen Packungen von Reserve-Antibiotika haben Ärzte 2019 für gesetzlich versicherte Patienten verordnet. Damit entfiel mehr als jede zweite Antibiotikaverordnung nach Erkenntnissen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) auf ein Reserve-Antibiotikum; jeder sechste Versicherte erhielt mindestens einmal ein solches Medikament. „Die Verordnungen von Antibiotika der Reserve sind in den letzten Jahren zwar leicht rückläufig, aber ihr Anteil lag auch 2019 wieder besorgniserregend hoch“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. „Die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten werden durch ihren starken Einsatz sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierhaltung zunehmend stumpfer“, warnt er.

Die Politik hat das Problem erkannt

Zudem werde das Problem der Antibiotika-Resistenzen dadurch vergrößert, dass die pharmazeutische Industrie in den letzten Jahren nur wenige neue Antibiotika auf den Markt gebracht habe. Allerdings, so Schröder weiter, „scheint die Politik zwischenzeitlich das Marktversagen in diesem Pharmamarkt zu erkennen und fördert die Forschung und Entwicklung direkt.“

Im vorigen Jahr entfielen insgesamt 34 Millionen Verordnungen im Wert von 766 Millionen Euro auf Antibiotika. Das entspricht etwa jeder 20. ambulanten Verordnung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Auf Reserve-Antibiotika entfielen 53 Prozent dieser Verordnungen. Nach einer Berechnung des WIdO auf Basis der Alters- und Geschlechtsprofile der AOK-versicherten Patienten wurden im Berichtsjahr 12,1 Millionen GKV-Versicherte mindestens einmal mit einem Reserve-Antibiotikum therapiert.

Dieser hohe Anteil von verordneten Reserveantibiotika ist laut WIdO problematisch. Schließlich stellten diese Medikamente eigentlich nur Mittel der zweiten Wahl dar. Das WIdO hat mit Unterstützung von Professor Winfried Kern vom Zentrum für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Freiburg einen Überblick zu den antibiotischen Standard- und Reservetherapeutika erstellt. Nach den ärztlichen Behandlungsleitlinien sollen die Reserve-Antibiotika nicht zur Therapie einfacher Infektionen eingesetzt werden, sondern nur dann, wenn Standardantibiotika wie zum Beispiel die bewährten und in vielen Fällen wirksamen Penicilline nicht mehr helfen.

Zwar zeigen aktuelle Auswertungen des WIdO, dass der Anteil der Reserve-Antibiotika an allen verordneten Antibiotika seit 2012 rückläufig ist. „Im Vergleich zum Höchstwert von 66 Prozent im Jahr 2012 gab es weniger Verordnungen. Allerdings liegt der Verordnungsanteil immer noch so hoch wie zur Jahrtausendwende – und das, obwohl man davon ausgehen kann, dass im ambulanten Bereich üblicherweise vergleichsweise harmlose Infektionen behandelt werden“, so Schröder. Verstärkt werde die Problematik durch den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, da die Wirkstoffe unter anderem über den Umweg des Fleischverzehrs von Menschen aufgenommen werden. Während 2019 in Deutschland rund 339 Tonnen Antibiotika in der medizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten eingesetzt wurden, waren das in der heimischen Tierhaltung (Fleisch- und Milchproduktion sowie Fischzucht) rund 670 Tonnen. Insgesamt wurden den WIdO-Erkenntnissen zufolge damit 2019 bei Mensch und Tier über 1000 Tonnen Antibiotika eingesetzt, darunter mindestens 376 Tonnen Reserve-Antibiotika.

Deutschland liegt vorn

Ein europäischer Vergleich des Jahres 2017 zeigt zudem, dass der Antibiotikaverbrauch in Deutschland mit rund 89,9 Milligramm je Kilogramm Nutztier teilweise um ein Vielfaches höher liegt als in Ländern wie Norwegen (2,9 Milligramm je Kilogramm), Schweden (12,2 Milligramm je Kilogramm), Dänemark (40,8 Milligramm je Kilogramm) oder den Niederlanden (52,7 Milligramm je Kilogramm).

Wie die Verordnungsrate von Antibiotika bei Atemwegserkrankungen durch einen Maßnahmenmix gesenkt werden kann, haben die CHANGE-Projekte mit Beteiligung der AOKs und des WIdO seit 2005 gezeigt. Zudem weisen die Ergebnisse des RESIST-Projekts von KBV und dem Verband der Ersatzkassen (vdek) auf eine deutliche Verringerung der Verordnungsrate mit Antibiotika hin. Mehrere AOKs beteiligen sich am Projekt ARena (Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden), das unter anderem regelmäßige Fortbildungen vorsieht.

Nur acht neue Antibiotika-Wirkstoffe in zehn Jahren

Neben einer behutsameren Verordnung in der Human- und Tiermedizin werden laut Schröder auch Wirkstoffe mit neuen Wirkprinzipien benötigt, die in der Lage sind, vorhandene Resistenzen zu überwinden. Unter den 316 neuen Wirkstoffen, die die pharmazeutische Industrie in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland auf den Markt gebracht hat, waren der Untersuchung zufolge aber nur acht neue antibiotische Wirkstoffe.

„Die rasanten Fortschritte in anderen Bereichen, etwa bei der Bekämpfung von Covid-19, zeigen, dass die Kompetenz der pharmazeutischen Industrie für Forschung und Entwicklung auch für neue Antibiotikawirkstoffe vorhanden sein sollte“, so Schröder. Offenbar fehle der betriebswirtschaftliche Anreiz. Schröder: „Die Pharmaindustrie fokussiert sich lieber auf Wirkstoffe, mit denen höhere Preise und höhere Umsätze erzielt werden können.“

Als positiv wertet er, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2018 bis zu 500 Millionen Euro für zehn Jahre bereitgestellt habe, um unter anderem die Entwicklung neuer Antibiotika zu unterstützen.

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