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Antibiotika

„Die Wunderwaffe ist stumpf geworden“

Antibiotika werden noch immer zu großzügig verordnet, mahnt der Freiburger Infektiologe Professor Winfried Kern. Es passiere immer öfter, dass Kliniker bei schweren Infektionen aufgeben müssten.

Von Äbne Töpfer Veröffentlicht: 18.09.2020, 11:23 Uhr
„Die rationale Indikationsstellung muss gestärkt werden“, sagt Professor Winfried Kern, Leiter der Infektiologie am Uniklinikum Freiburg

„Die rationale Indikationsstellung muss gestärkt werden“, sagt Professor Winfried Kern, Leiter der Infektiologie am Uniklinikum Freiburg

© (c) Uniklinikum Freiburg

Bei einer zunehmenden Zahl von Infektionen und speziell auch Infektionen durch mehrfach resistente Bakterien steht kaum noch ein wirksames Antibiotikum zur Verfügung. Wird die Wunderwaffe der Medizin bald ganz versagen?

Professor Winfried Kern: Forschung und Entwicklung von neuen Antibiotika sind im Vergleich zu früheren Jahren auf einem Tiefpunkt angekommen. Große Firmen investieren in der Forschung inzwischen in andere Bereiche. Dabei nimmt die Antibiotika-Resistenz zu, und wir haben viele problematische und komplexe Infektionen. Es passiert heute öfter als früher, dass wir als Kliniker aufgeben müssen: Patient schwerkrank, resistenter Erreger, die verfügbaren Substanzen wirken nicht. Die Wunderwaffe versagt nicht komplett, aber sie ist stumpf, und nur wenige bemühen sich, sie wieder zu schärfen.

Worauf sollten Ärzte achten, damit wir auch in Zukunft Infektionen mithilfe von Antibiotika in den Griff bekommen?

Es fängt mit der zu großzügigen Verordnung an. Dies betrifft Beginn und Dauer der Behandlung. Manchmal braucht man gar nicht beginnen, zum Beispiel bei Bronchitis oder Erkältung. In anderen Fällen kann man viel früher aufhören. Unnötig breit, also gegen viele verschiedene Erreger wirkende Therapien dürfen in der Praxis und in der Klinik nicht überhand nehmen. Harmlose und nützliche Bakterien auf Haut und Schleimhaut werden mitbehandelt und versuchen sich zu wehren – sie werden resistent. Bei der Verordnung spielen medizinische Gesichtspunkte nicht immer die Hauptrolle. Die rationale Indikationsstellung muss gestärkt werden, was medizinisch notwendig ist, zählt.

Warum verordnen manche Ärzte Antibiotika nicht nach den Regeln der Kunst?

Die meisten niedergelassenen Ärzte haben für diesen Bereich keine spezielle Fortbildung. Ähnlich ist es in der Klinik. Meist wird „aus Erfahrung“ und zu oft aus Angst therapiert – oft ohne Erregerdiagnostik. Die kritische Erfahrung fehlt aber zugleich. Als Studenten haben die Ärzte Infektionsmanagement nur theoretisch, ohne Systematik und fern vom Krankenbett von einem Laborarzt und Immunologen gelernt. Experten im Bereich Infektionsmedizin sind in Deutschland rar. Es gibt Krankenhäuser der Maximalversorgung, in denen die Ärzte keine infektiologisch weitergebildeten und erfahrenen Kollegen um Rat fragen können.

Auch in der Forschung und Qualitätssicherung liegt einiges im Argen: Es gibt zu wenig Therapieoptimierungsstudien, Versorgungsforschung, Qualitätsmessung. Qualitätsmessung wird mit Budgeteinhaltung verwechselt, Verordnungsmengen mit Umsatz, Umsatz mit Verordnungsqualität. Nicht-Experten interpretieren amerikanische Zulassungsstudien für den deutschen Markt, es gibt Hochglanzprospekte mit Überlegenheit von A versus B ohne seriöse wissenschaftliche Begründung.

Welche Anreize und Hilfen brauchen Ärzte, damit sie Antibiotika sinnvoll einsetzen?

Ärzte haben die Möglichkeit, über eine Teilnahme an Qualitätszirkeln oder Pharmakotherapieberatungen durch beispielsweise die AOK ihre Kompetenzen auszubauen. Ein Anreiz könnte auch ein diagnosespezifisches Benchmarking der Verordnungsrate in einer Region sein.

Es muss eine Konsequenz haben, wenn Ärzte – wie schon seit Jahren beobachtet – in bestimmten Regionen doppelt so hohe Antibiotikamengen verordnen wie in anderen.

Hilfreich wären zudem Patientenbroschüren und -poster, gute Schnelltests auf Bakterien, eine Experten-Hotline sowie spezifische und neutrale Fortbildungen. Wir brauchen inhaltlich konsistente und vor Ort umsetzbare Leitlinien. Notfalls sollten wir über einen staatlich finanzierten Ökologie- und Forschungs-Aufschlag auf die Antibiotikapreise diskutieren, wenn solche Anreize und Hilfen nicht aus Kostengründen rasch wieder in der Schublade verschwinden sollen.

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