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Erste Erfahrungen mit der elektronischen Patientenakte

Mehr Behandlungssicherheit und Zeitersparnis mit der ePA

Seit Anfang Juli muss jede Arztpraxis in der Lage sein, eine elektronische Patientenakte (ePA) zu befüllen. Basis dafür ist das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das die gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet, ihren Versicherten eine ePA nach §291a SGB V zur Verfügung zu stellen. Der Zugang zur elektronischen Patientenakte erfolgt einheitlich über das Praxisverwaltungssystem, unabhängig davon, bei welcher Krankenkasse die Patienten versichert sind. Im Interview berichtet der Allgemeinmediziner Udo Schmid über seine ersten Erfahrungen.

Von Alexander Kruse Veröffentlicht:
Alles auf einen Blick: Die elektronische Patientenakte hat für Ärzte und Patienten viele Vorteile.

Alles auf einen Blick: Die elektronische Patientenakte hat für Ärzte und Patienten viele Vorteile.

© Andrey Popov - stock.adobe.com

Ärzte Zeitung: Welche Herausforderungen sehen Sie persönlich durch die Einführung der ePA für Ihre Praxis?

Dr. Schmid: Technisch gesehen habe ich keine Angst vor der Einführung der ePA. Das Problem ist eher, wie auch hier in Östringen, einen guten und schnellen Internetanschluss zu bekommen. Die Glasfaser ist leider noch nicht der Standard. Aber auch der Faktor Mensch spielt eine große Rolle. Ich muss die Skeptiker, also jene Patienten und Kolleginnen, die nicht technikaffin sind oder Bedenken beim Datenschutz haben, überzeugen. Und das kostet viel Zeit. Die Patienten sind diejenigen, die für die Freigabe der ePA-Inhalte verantwortlich sind. Wollen sie nicht, bekommen wir die Daten nicht digital verwaltet. Da sehe ich schon auch uns Ärzte in der Pflicht.

Könnte die ePA positive Auswirkungen auf eine reduzierte Bürokratie im Praxisalltag haben?

Die Gleichung weniger Papier und mehr digitale Struktur führt in meinen Augen zu Arbeitserleichterungen, das heißt auch weniger Bürokratie. Aber, das muss man auch sagen, digitale Anwendungen werden auch von manchen Patienten ausgenutzt. Wir bieten in unserer Praxis die Möglichkeit an, mit uns per E-Mail oder per Voicemail zu kommunizieren. Es kommt vor, dass Patienten dann vier oder fünf digitale Nachrichten hinterlassen. Was ich sagen will, bei der Digitalisierung dürfen wir den Blick auf das Wesentliche nicht verlieren und nicht in eine „digitale Bürokratie“ verfallen.“

Dr. Udo Schmid

Dr. Udo Schmid

© privat

Welche Chancen und Vorteile oder konkreten Erleichterungen durch die ePA sehen Sie allgemein? Und welche beispielsweise für Ihre Angestellten in der Praxis ?

Ganz klar mehr Behandlungssicherheit und Zeitersparnis. Das Besorgen und Hinterherrennen von fehlenden Facharzt- oder Krankenhaus-Befunden kostet unsere Angestellten enorm viel Zeit. Der Datenaustausch bei komplexen Krankheitsfällen ist sehr wichtig. Es wird immer mehr untersucht, was unter anderem dem medizinischen Fortschritt geschuldet ist. Und dieses Mehr an Daten und Wissen gebündelt vorliegen zu haben, ist ein Riesenvorteil. Ich bin davon überzeugt, dass mindestens 80 Prozent meiner Patientinnen und Patienten zum Beispiel den Medikationsplan freigeben würden.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Patienten bei der ePA?

Die Patienten entscheiden, was sie wem freigeben. Das ist wichtig, weil es sich um ur-private Daten handelt. Die Patienten sollten aber auch wissen, dass die freigegebenen Inhalte der ePA Leben retten können. Denken Sie an den eben schon angesprochenen Medikationsplan. Wenn ich hier als Arzt Transparenz zu Medikamentenunverträglichkeiten und möglichen Wechselwirkungen habe, ist mir schon enorm viel geholfen.

Rechnen Sie mit vielen Anfragen seitens der Patienten? Lässt sich das quantifizieren?

Die ePA muss einfach funktionieren. Patienten und Ärzte müssen sie gut bedienen und schnell befüllen können. Ich glaube, dass chronisch oder schwer Erkrankte die ePA schnell freigeben.

Wie wird sich Ihr Wissen über den Zustand der Patienten verändern?

Ich bin sehr gespannt, ob „Problempatienten“, also jene, die öfter zu verschiedenen Ärzten gehen und für die dadurch auch wieder mehr Informationen angelegt werden, einfacher zu behandeln sein werden. Ich hoffe es natürlich. Ich erwarte mir insgesamt eine Qualitätsverbesserung und mehr Sicherheit bei der Behandlung durch mehr Wissen. Von sehr großem Vorteil wäre auch, wenn weniger Doppeluntersuchungen stattfinden.

Wie wird sich der Informationsaustausch mit anderen Niedergelassenen und Kliniken verändern?

Es wäre phantastisch, wenn der Befund meiner Kolleginnen und Kollegen da ist, wenn der Patient vor mir sitzt und alles viel schneller einsehbar ist. Das muss das Ziel sein. Es kann doch nicht sein, dass beispielsweise ein Radiologe immer noch faxt oder Bilder eintütet, um sie zur Post zu tragen.

Für welche Behandlungsfälle sehen Sie einen großen Nutzen durch ePA?

Bei schweren Fällen, das heißt Patienten, die chronisch oder mehrfach und komplex erkrankt sind und bei den oben erwähnten schwierigen Patienten, die Ärztehopping betreiben. Viele Untersuchungen bedeuten auch immer gleich viele Daten, die transportiert werden müssen. Wir müssen aber vom physischen Datentransport wegkommen.

Wie sehen Ihre Kollegen die Einführung der ePA?

Mein Eindruck ist, dass einige Kolleginnen und Kollegen keine Arbeitserleichterung durch die ePA sehen. Sie fürchten „digitalen Stress“, wie beispielsweise die Meldung von Coronaimpfungen und anschließend die extrem zeitaufwendige Abrechnung der Impfung in Einzelscheinen der Patienten. Warum kann nicht mit der Meldung der Impfungen gleichzeitig die Abrechnung erledigt sein – ich denke, es ist nicht zu viel verlangt in Zeiten massiver Überlastung von Kollegen? Hier müssen wir generell in Deutschland pragmatischer denken – effizienter Pragmatismus sollte hier über „deutscher“ Gründlichkeit stehen.

Was würden Sie sich im Zusammenhang mit der ePA wünschen?

Wir müssen die Balance zwischen Perfektionismus und Pragmatismus finden. Natürlich ist es wichtig, dass alle datenschutzrechtlichen und technischen Fragen geklärt sein müssen. Wir sind Weltmeister im Datenschutz, aber nicht im Datenaustausch. Zwischen diesen beiden Polen gilt es den Mittelweg zu finden. Ohne digitale Technik wird es nicht mehr gehen.

Dr. Udo Schmid

  • Facharzt für Allgemeinmedizin in Östringen
  • Seit 1998 in eigener Praxis niedergelassen
  • Hat eine große Leidenschaft für neue technische Anwendungen
  • Arbeitet gemeinsam mit seinem Bruder, einer Ärztin in Teilzeit und einer Weiterbildungsassistentin sowie weiteren 13 Angestellten in der Praxis
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