Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

Netzwerk Hauptstadt Urologie

Neuer Versorgungsvertrag der AOK Nordost bei Prostata-Ca

Die AOK Nordost hat mit dem „Netzwerk Hauptstadt Urologie“ einen Versorgungsvertrag geschlossen. Ziel ist es, Patienten mit bereits metastasierendem Prostatakarzinom einen Zugang zur Präzisionsmedizin und zu laufenden Studien zu ermöglichen. Mit an Bord ist die Berliner Charité.

Von Taina Ebert-Rall Veröffentlicht:
Bevor Patienten mit Prostatakarzinom – meist jene, die als austherapiert gelten – in den Versorgungsvertrag aufgenommen werden, erfolgt ein Aufklärungsgespräch in der Praxis. Mathias Ernert / Urologische Klinik, Uniklinik Mannheim (Motiv mit Fotomodellen)

Bevor Patienten mit Prostatakarzinom – meist jene, die als austherapiert gelten – in den Versorgungsvertrag aufgenommen werden, erfolgt ein Aufklärungsgespräch in der Praxis. Mathias Ernert / Urologische Klinik, Uniklinik Mannheim (Motiv mit Fotomodellen)

© Mathias Ernert, Urologische Klinik, Universitätsklinikum Mannheim

Berlin. Damit Präzisionsmedizin möglichst vielen schulmedizinisch austherapierten Patienten mit Prostatakarzinom zugänglich gemacht werden kann, hat die AOK Nordost als erste Kasse einen Versorgungsvertrag mit dem „Netzwerk Hauptstadt Urologie“ geschlossen.

So ermöglicht sie Männern mit bereits metastasierendem Prostatakarzinom nicht nur in Berlin, sondern auch in ländlichen Gebieten Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns, einen unkomplizierten und vom Wohnort unabhängigen Zugang zu einer hochspezialisierten onkologischen Versorgung. Umgekehrt liefern die beteiligten Patienten Daten, die in die Forschung einfließen und diese voranbringen.

Das Hauptstadt-Urologie-Netzwerk basiert auf einer Initiative des urologischen Tumorzentrums der Berliner Charité. Über eine gemeinsame Plattform verbinden sich Fachärzte aus Berlin-Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit dem Tumorzentrum. Die Patienten wiederum erhalten von ihrem Urologen einen Zugangscode, mit dem sie sich anonym und datenschutzkonform auf der digitalen Plattform des Netzwerks einloggen und dort ihre krankheitsbezogenen Daten eingeben können.

Weg vom Gießkannenprinzip

Die konventionelle Krebsbehandlung funktioniert nach Worten von Thorsten Schlomm, Urologie-Klinikdirektor an der Charité, nach dem Gießkannenprinzip. „Jeder bekommt die gleiche Therapie, aber nur bei einigen wirkt sie.“ Wer dazu gehöre, wisse man nicht. Mittlerweile wisse man, dass bestimmte Gen-Mutationen bei einigen Krebsarten eine Rolle spielen können. Deshalb setze das Netzwerk da, wo es Sinn macht, unter anderem auch auf Gensequenzierung und Datenabgleich, um die für den jeweiligen Tumor verantwortlichen Mutationen zu finden und gezielt medikamentös bekämpfen zu können.

Catrin Steiniger praktiziert als Urologin im Spreewald-Städtchen Lübbenau und hat bereits erste positive Erfahrungen mit dem Projekt gesammelt. „Wir schauen immer, was wir für eigentlich austherapierte Patienten noch tun können. Und im besten Fall schenkt man diesen Menschen noch ein paar Jahre“, sagt die kommisarische erste Vizepräsidentin des Berufsverbands der Deutschen Urologen e.V. (BvDU). Deshalb arbeite ihre Praxis schon „eine ganze Weile“ mit der Hauptstadt-Urologie zusammen.

Zwar gebe es keine Chance auf Heilung für die eingeschriebenen Patienten, doch bestünden „Möglichkeiten, mit neuen Medikamenten und Therapien das Gesamtüberleben bei einer entsprechend guten Lebensqualität zu verlängern.“ Dazu trägt nach Steinigers Worten neben dem Nachweis der für das Tumorwachstum verantwortlichen Genmutation auch die Chance bei, ihre Patienten schneller in Studien für noch nicht zugelassene Medikamente einzubeziehen. Und dann „sprechen wir manchmal über Jahre, meist aber über Monate.“

Neues Terrain auch für die Kassen

Die AOK Nordost begibt sich mit der Zusammenarbeit mit dem Netzwerk nach Worten ihrer Vorstandsvorsitzenden Daniela Teichert „auf ein für Krankenkassen noch relativ neues Terrain.“ Zwei Gründe seien dafür ausschlaggebend: „Die moderne Krebsmedizin macht es in einigen Fällen möglich, mit neuen Medikamenten das Leben von Patienten mit unheilbarem Prostatakrebs zu verlängern. Und wenn sie helfen, dann sollen unsere Versicherten diese Medikamente auch bekommen können – unabhängig davon, wo sie wohnen oder wie mobil sie sind.“

Gleichzeitig müsse auch hochkomplexe Medizin bezahlbar bleiben. „Darum ist es wichtig, dass sie nicht einfach auf Verdacht und nach dem Gießkannenprinzip angewendet wird. Die neuen Methoden und Medikamente müssen gezielt dort eingesetzt werden, wo sie auch etwas Positives bewirken. Und dazu braucht es spezielles Expertenwissen.“

Aufwand für Ärzte überschaubar

Für die niedergelassenen Ärzte in der Fläche ist der Aufwand nach Steinigers Erfahrung „überschaubar“. „Ich kläre über die Möglichkeit auf und gebe den Patienten einen Zugangscode.“ Mit diesem Code können sich Patienten auf der Plattform des Netzwerks einloggen und dort ihre krankheitsbezogenen Daten quasi in ein elektronisches Tagebuch eingeben.

„Für die Erstaufnahme braucht er bestimmte Angaben, etwa den Zeitpunkt der Prostatapunktion, das histologische Ergebnis, zu radiologischen Untersuchungen und darüber, wo die Metastasen aufgetreten sind und welche medikamentöse Therapie bisher angewandt wurde. Diese Informationen erhält der Patient von mir.“ Die Daten des Patienten sind sicher, das Netzwerk kennt den Namen nicht. „Sie wissen nur, von welchem Arzt der Patient kommt.“

Im nächsten Schritt werten nach Netzwerkangaben ärztliche Experten der Berliner Charité die Daten aus und überprüfen, ob für den Patienten eine Gensequenzierung oder ein Platz im Rahmen einer laufenden Studie infrage kommt.

Der behandelnde Urologe erhält dann vom Tumorzentrum der Charité entsprechende Empfehlungen für seinen Patienten. Sollte zu diesem Zeitpunkt weder eine Studie noch eine Gensequenzierung infrage kommen, erhält der Patient einen Platz im sogenannten Basecamp, steht somit auf der Liste für eventuelle neue Medikamente oder Studien. Gleichzeitig sollte der Patient nach jeder neuen Untersuchung seine Daten aktualisieren, die dann wieder neu geprüft werden. Er erhält auch regelmäßig eine Erinnerung, falls er seine Daten nicht von sich aus aktualisiert hat.

Urologe bleibt Ansprechpartner

Als Netzwerkärztin sieht Steiniger, die rund 2500 Patienten in ihrer Praxis betreut, klare Vorteile: „Ich kann meinen Patienten Hoffnung geben. Und ich profitiere für meine Arbeit von Erkenntnissen aus den neuesten Studien, muss nicht selbst den zeitaufwendigen Prozess der Gensequenzierung und der Interpretation der Ergebnisse verantworten. Ich bekomme Informationen darüber, welche Mutation gefunden wurde und welche Handlungsoption sich daraus ableitet. Gleichzeitig behalte ich immer die Autorität über die Behandlung. Das alles zusammen ist eine große Erleichterung.“

Hauptstadt Urologie

  • Die teilnehmenden Praxen: Mittlerweile nehmen schon viele der Urologen in Berlin und Brandenburg und auch einige Urologen in Mecklenburg-Vorpommern am Netzwerk teil.
  • Aktueller Datensatz: Daten, die von den Patienten freiwillig und anonymisiert eingegeben werden, können als Real World Data für die Gewinnung neuer Erkenntnisse genutzt werden. Anders als bei Studien, deren Ergebnisse zum Zeitpunkt der Veröffentlichung meistens schon mehrere Jahre alt sind und auch nicht aktualisiert werden, findet beim Hauptstadt Urologie Netzwerk eine kontinuierliche Aktualisierung und Prüfung statt. Auf diese Weise können auch später hinzugekommene Erkenntnisse, wie bestimmte Nebenwirkungen, besser erfasst werden.
  • Rücklauf in die Praxen: Das Netzwerk sorgt durch die Vernetzung der niedergelassenen Urologen mit den Experten der Charité für einen schnellen Transfer neuer Erkenntnisse in die Praxen. Dort können diese dann direkt bei der Versorgung der Patienten berücksichtigt werden. So haben zum Beispiel Auswertungen von 400 Patienten (200 Sequenzierungen) im Netzwerk ergeben, dass eine Patientengruppe mit einer bestimmten Genmutation anders auf die Standardtherapie reagiert.

Urologen, die an einer Netzwerk-Teilnahme interessiert sind, können sich an info@hauptstadturologie.de wenden oder über den Siilo Space („Hauptstadt Urologie“) Kontakt aufnehmen und ein telefonisches Beratungsgespräch vereinbaren.

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