Gesundheitsvorsorge
Public-Health-Experte Zeeb: Mehr Geld im System bedeutet noch nicht mehr Gesundheit
Deutschland gibt viel Geld für Gesundheit aus – erzielt im internationalen Vergleich aber nur durchschnittliche Ergebnisse. Woraus das resultiert und welche Rolle Prävention spielen sollte, erläutert der Epidemiologe und Public-Health-Experte Professor Hajo Zeeb.
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In Deutschland fließe ein großer Teil der Mittel in die Behandlung von Krankheiten, so Public-Health-Experte Prof. Hajo Zeeb.
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Herr Professor Zeeb, Deutschland gehört bei den Gesundheitsausgaben weltweit zur Spitze. Gleichzeitig liegt die Lebenserwartung nur im Mittelfeld. Wie passt das zusammen?
Zunächst zeigt es, dass Ausgaben und Gesundheit nicht linear miteinander verbunden sind. Mehr Geld im System bedeutet nicht automatisch, dass am Ende mehr Gesundheit herauskommt. Entscheidend ist, wofür das Geld eingesetzt wird.
In Deutschland fließt ein großer Teil der Mittel in die Behandlung von Krankheiten – insbesondere in die Versorgung chronischer Erkrankungen und in die letzten Lebensjahre, in denen die Kosten besonders hoch sind. Wenn man stärker auf Krankheitsvermeidung und Prävention setzen würde, könnte man an anderer Stelle Kosten vermeiden und gleichzeitig die Gesundheit verbessern.
Heißt das, wir investieren zu wenig in Prävention?
Ganz so einfach ist es nicht. Im europäischen Vergleich geben wir relativ viel für Prävention aus. Aber man muss genau hinschauen, was in diesen Zahlen enthalten ist. Manche Ausgaben werden statistisch als Prävention verbucht, gehören aber eher in den rehabilitativen Bereich. Außerdem ist der Anteil insgesamt immer noch sehr klein.
Wo müsste das Geld stattdessen eingesetzt werden?
Zum einen könnte man ineffiziente Strukturen reduzieren. Ein Beispiel sind Informationsverluste im Gesundheitssystem. Wegen mangelnder Digitalisierung werden Daten oft mehrfach erhoben – Untersuchungen doppelt gemacht, Befunde mehrfach dokumentiert. Das kostet Zeit und Geld.
Gleichzeitig sollte stärker in präventive Strukturen investiert werden, etwa in Fachkräfte, die sich gezielt um Gesundheitsförderung kümmern. Ärztinnen und Ärzte können diese Aufgaben nicht vollständig übernehmen, weil sie bereits stark belastet sind.

Prof. Hajo Zeeb ist Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS und Professor für Epidemiologie an der Universität Bremen.
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Welche Rolle könnten finanzielle Anreize oder Steuern spielen, etwa eine Zuckersteuer?
Für solche Maßnahmen gibt es durchaus gute Evidenz. In Ländern wie Großbritannien hat eine Zuckerabgabe dazu geführt, dass Hersteller den Zuckergehalt in Getränken reduziert haben, um höhere Preise zu vermeiden. Das spüren Verbraucher oft gar nicht, aber der gesundheitliche Effekt ist real.
Ein klassisches Beispiel ist der Rückgang von Karies bei Kindern. Steuern sind also weniger Verbote als vielmehr Instrumente, die das Verhalten von Herstellern und Konsumenten beeinflussen.
1. Deutscher Präventionsgipfel
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Bei solchen Maßnahmen wird oft eingewandt, dass sie sozial ungerecht seien, weil sie Menschen mit geringem Einkommen stärker treffen. Wie sehen Sie das?
Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt. Man muss immer darauf achten, dass gesundheitspolitische Maßnahmen soziale Ungleichheiten nicht noch verstärken.
Gerade beim Tabak sehen wir, dass Rauchen sozial ungleich verteilt ist und in bestimmten Bevölkerungsgruppen häufiger vorkommt. Deshalb kann eine höhere Tabaksteuer zunächst Gruppen stärker treffen, die ohnehin belastet sind. Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass die Tabakindustrie diese Gruppen auch gezielt anspricht und. Präventionspolitik muss daher immer mit Blick auf Gerechtigkeit gestaltet werden und überlegen, wie man gerade diejenigen erreicht, die gesundheitlich besonders gefährdet sind.
Andere Länder scheinen erfolgreicher zu sein. Was machen sie anders?
Ein Beispiel ist Israel. Dort ist das Gesundheitssystem sehr stark digitalisiert. Daten werden schnell zusammengeführt, sodass Patientinnen und Patienten nicht mehr mit Befunden von Arzt zu Arzt gehen müssen. Dadurch lassen sich Doppeluntersuchungen vermeiden. Außerdem sind die Informationsflüsse deutlich besser organisiert.
In Deutschland ist die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung noch sehr ausgeprägt, und beim Übergang zwischen beiden Systemen gehen häufig Informationen verloren.
Viele Menschen äußern Bedenken, wenn Gesundheitsdaten stärker vernetzt werden. Wie berechtigt sind diese Sorgen?
Datenschutz ist selbstverständlich ein zentrales Thema. Gesundheitsdaten sind besonders sensibel, deshalb müssen sie entsprechend geschützt werden. Gleichzeitig brauchen wir Strukturen, die es ermöglichen, Daten sinnvoll zu nutzen – etwa für bessere Versorgung oder Forschung.
In Europa entstehen derzeit gemeinsame Gesundheitsdatenräume, bei denen hohe Datenschutzstandards und starke Pseudonymisierung eine wichtige Rolle spielen. Es geht also darum, Nutzen und Schutz in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen.
Hausärzte gelten als zentrale Akteure der Prävention. Welche Rolle könnten sie künftig spielen?
Sie spielen bereits eine wichtige Rolle, etwa bei Impfungen oder bei Beratung zu Lebensstilfragen. Allerdings stoßen sie aufgrund ihrer Arbeitsbelastung schnell an Grenzen.
Deshalb sollten sie nicht alles selbst übernehmen, sondern eher als „Change Agents“ im System wirken: also Impulse geben, Patientinnen und Patienten an geeignete Angebote weiterleiten und Präventionsnetzwerke nutzen.
Dafür braucht es aber entsprechende Strukturen – etwa Programme zur Rauchentwöhnung oder Bewegungsförderung, auf die Ärzte gezielt verweisen können.
Müsste sich dafür auch die medizinische Ausbildung verändern?
Ja, Prävention spielt im Medizinstudium traditionell keine besonders große Rolle. Das hat sich zwar etwas verbessert, aber hier gibt es noch erheblichen Nachholbedarf.
Und das betrifft nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch andere Gesundheitsberufe. Gerade im Pflegebereich arbeitet eine enorme Zahl von Fachkräften. Wenn Prävention dort stärker integriert würde, könnte das eine große Wirkung entfalten.
Sie haben kritisiert, dass Deutschland keine umfassende Public-Health-Strategie hat. Wie könnte eine solche Strategie aussehen?
Eine Public-Health-Strategie müsste deutlich über das Gesundheitssystem hinausgehen. Gesundheit wird nicht nur in Arztpraxen oder Krankenhäusern entschieden, sondern auch durch Verkehrspolitik, Ernährungssysteme, Stadtplanung oder Bildung. Man spricht hier von „Health in All Policies“.
Eine Strategie müsste also verschiedene Politikbereiche zusammenbringen und klare Ziele formulieren, an denen sich Maßnahmen messen lassen.
Wichtig wäre auch eine starke politische Verankerung, damit sie tatsächlich umgesetzt wird. Das Zukunftsforum Public Health hat übrigens schon Eckpunkte einer solchen Strategie vorgelegt, auf die aufgebaut werden kann.
Public Health Index 2025
Deutschland weist große Lücken im Gesundheitsschutz auf
Kritiker argumentieren oft, solche Maßnahmen schränkten die individuelle Freiheit ein. Wie sehen Sie das?
Dieses Argument taucht häufig auf, aber es greift zu kurz. Wir leben ohnehin nicht in einem neutralen Umfeld. Industrie, Werbung und Marktmechanismen beeinflussen unser Verhalten ständig. Präventionspolitik würde nur eine Gegenbalance schaffen, um gesundheitliche Interessen stärker zu berücksichtigen.
Wenn Sie eine gesundheitspolitische Maßnahme sofort umsetzen könnten – welche wäre das?
Ich würde als Erstes die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle vollständig umsetzen. Tabak ist einer der größten vermeidbaren Risikofaktoren für Krankheit und Tod.
Die Maßnahmen sind seit Jahren bekannt – von höheren Preisen über Werbeverbote bis hin zu strengeren Verkaufsregeln. Viele Länder setzen diese Instrumente konsequenter um als Deutschland. Hier fehlt bislang vor allem der politische Wille.
Vielen Dank für das Gespräch.




