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Aktueller WIdOMonitor

Wer zu Hause pflegt, tritt oft beruflich kürzer

Die häusliche Pflege von Angehörigen geht häufig mit Einschränkungen in der eigenen Berufstätigkeit einher. Nur etwa ein Drittel der Frauen arbeitet weiterhin in Vollzeit. Unter den Männern sind es rund 65 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Monitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Von Susanne Werner Veröffentlicht:
Durchschnittlich 49 Stunden pro Woche beansprucht die Pflege von Angehörigen.

Durchschnittlich 49 Stunden pro Woche beansprucht die Pflege von Angehörigen.

© pikselstock / stock.adobe.com

Etwa fünf Millionen Menschen sind deutschlandweit auf Unterstützung und Pflege angewiesen. Vier von fünf Betroffenen, so die aktuelle Pflegestatistik, werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt und gepflegt. Das WIdO hat über ein Online-Panel des Forsa Instituts 2023 eine nach Pflegegraden repräsentative Umfrage erstellt. 1008 Personen, die zu Hause einen Angehörigen pflegen, waren zu den Belastungen, zur Kombination mit der Erwerbsarbeit und den beanspruchten Leistungen befragt worden. Die im aktuellen WIdOMonitor veröffentlichen Ergebnisse machen deutlich: Die Pflege von hilfsbedürftigen Partnern, Eltern oder Kindern kann sehr belasten und wird von vielen dennoch geleistet – trotz mancher Nachteile für die eigene Gesundheit oder den Beruf.

Pflegearbeit gleicht zeitlich einem Vollzeit-Job

Mit durchschnittlich 49 Stunden pro Woche nehmen die pflegenden Tätigkeiten mindestens so viel Zeit ein wie ein regulärer Vollzeit-Job. Damit ist der zeitliche Aufwand im Vergleich zur Vorgängerbefragung von 2019 nochmals gestiegen. Damals hatten die Befragten angegeben, 43 Wochenstunden mit Körperpflege, Ernährung, Betreuung, Bereitstellen von Medikamenten sowie Hilfen in der Nacht beschäftigt zu sein.

Der Einsatz für den zu Pflegenden hat jedoch Folgen für die eigene Berufstätigkeit. Weniger als die Hälfte (45,4 Prozent) der befragten Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter arbeiten in Vollzeit, weitere 36,6 Prozent in Teilzeit und 17,8 Prozent sind nicht mehr erwerbstätig. Die Übernahme von Pflegetätigkeiten ist bei gut 52 Prozent der Teilzeitarbeitenden und bei 28 Prozent der Erwerbstätigen der zentrale Grund für die reduzierte oder ganz aufgegebene Erwerbsarbeit. „Es liegt auf der Hand, dass sich die zeitlichen Belastungen auf die Erwerbsarbeit auswirken, eine Work-Life-Care-Balance ist für viele schwer zu erreichen“, sagt Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO.

Die AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann warnt indessen vor den mittelfristigen gesellschaftlichen Folgen, die mit der reduzierten Erwerbstätigkeit von pflegenden Angehörigen einhergeht. Schließlich treffe das Vereinbarkeitsproblem überwiegend Frauen, da sie mit 67 Prozent am häufigsten die Hauptpflegepersonen im erwerbstätigen Alter sind. „Wir befeuern so gleichzeitig weitere Schwierigkeiten der Pflege in der Zukunft“, sagt die AOK-Chefin. Wenn die pflegenden Angehörigen – überwiegend Frauen – die Arbeitszeit reduzieren oder ganz aufhören zu arbeiten, bereite dies „Tür und Tor für Altersarmut in der nächsten Generation der zu Pflegenden.“ Zudem fehlten diese Arbeitskräfte bereits jetzt in dem „ohnehin schon engen Arbeitsmarkt“ und eben auch in der bezahlten, beruflichen Pflege.

Pflegende von Demenzkranken sind hoch belastet

Jeder vierte Befragte fühlt sich durch die Pflegesituation hoch belastet und gibt an, diese „eigentlich gar nicht mehr“ oder „nur unter Schwierigkeiten“ bewältigen zu können. Das Maß der Belastung war in der Studie über die sogenannte „Häusliche-Pflege-Skala“ (HPS) abgefragt worden. Darüber lassen sich mithilfe von wenigen Fragen der Grad der körperlichen Erschöpfung, die Lebenszufriedenheit sowie psychische Herausforderungen bewerten.

2023 wie auch bereits 2019 fühlten sich knapp 26 Prozent der befragten Pflegepersonen hoch belastet. Am stärksten betroffen sind Haushalte, in denen Menschen mit Demenzerkrankung oder ab einem Pflegegrad 3 betreut werden.

Leistungen der Pflegeversicherung nicht genutzt

Die Befragung zeigt auch, dass viele pflegende Angehörige die Angebote der Pflegeversicherung zwar kennen, diese aber dennoch nicht nutzen. So haben fast zwei Drittel der Hauptpflegepersonen (61,7 Prozent) keinen Pflegedienst beauftragt. „Der Hauptgrund für die Nicht-Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen ist laut Umfrage, dass die zu pflegende Person nicht von Fremden versorgt werden möchte“, sagt Dr. Antje Schwinger. Auch kurzfristige Vertretungen, wie sie die Verhinderungspflege beispielsweise während einer Auszeit oder eines Urlaubs bietet, nimmt nur etwa ein Drittel der Befragten (33,8 Prozent) wahr.

Immerhin profitiert nahezu jeder zweite Befragte (48,5 Prozent) vom sogenannten Entlastungsbetrag, mit dem für alltagsnahe Hilfen bis zu 125 Euro pro Monat ausgezahlt werden können. Jedoch werden selbst Angebote, die nicht mit einem Außenkontakt verbunden sind und vor allem die eigene häusliche Pflege erleichtern könnten, der Umfrage zufolge selten wahrgenommen. So haben etwa nur 13 Prozent der Befragten die Möglichkeit genutzt, in einer akuten Pflegesituation der Arbeit fernzubleiben und bis zu zehn Tage lang Lohnersatzleistungen zu beziehen. Allerdings kennt nur etwa die Hälfte (55 Prozent) der befragten erwerbstätigen Hauptpflegepersonen diesen Leistungsanspruch.

Ambulante Pflege gehört auf die Reformagenda

Schwinger betont, dass nur eine Minderheit der Befragten darauf verweise, dass Angebote vor Ort fehlten und daher nicht genutzt werden könnten. Auch Kostengründe spielten lediglich für rund jeden Fünften eine Rolle. Auffallend sei, dass die Angebote der Pflegeversicherung dann stark nachgefragt werden, wenn es um die Pflege von Menschen mit einer demenziellen Erkrankung oder mit einem höheren Pflegegrad gehe oder die psychische Belastung hoch sei. „Die Situation in der ambulanten Pflege ist weiterhin nicht zufriedenstellend – allerdings nicht insgesamt, sondern in Bezug auf Haushalte mit spezifischen Bedarfskonstellationen. Fragen nach Bedarfsgerechtigkeit, Zielgenauigkeit und Entlastungswirkungen von ambulanten Pflegeleistungen müssen auf der Reformagenda priorisiert werden“, betont Schwinger.

AOK-Vorständin Reimann fordert „für die Zukunft neue Angebote für eine wirklich funktionierende Work-Life-Care-Balance“. Denkbar sei, insbesondere Hauspflegegemeinschaften sowie Netze der Nachbarschaftshilfe zu stärken. Jene Haushalte, die sich Entlastung wünschen, so Reimann, sollten diese auch schnell, zielgerichtet und ohne bürokratische Hürden bekommen.

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