Kasse setzt auf E-Health

Wie Telemedizin hilft, Versorgungslücken zu schließen

Schneller an den Spezialisten ran: Die AOK Nordost will mit Telekonsilen die kinderfachärztliche Versorgung in Brandenburg verbessern. Doch auch in der Hauptstadt sieht sie Nachholbedarf in Sachen innovative Versorgungsformen.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:
Gelebter Alltag: Am Berliner Institut für psychogene Erkrankungen bietet die AOK Nordost bereits seit 2016 Videosprechstunden an. Das Angebot soll nun auf alle 18 Praxen des Centrums für Gesundheit ausgeweitet werden.

Gelebter Alltag: Am Berliner Institut für psychogene Erkrankungen bietet die AOK Nordost bereits seit 2016 Videosprechstunden an. Das Angebot soll nun auf alle 18 Praxen des Centrums für Gesundheit ausgeweitet werden.

© Angela Misslbeck

BERLIN / TELTOW. Die AOK Nordost baut ihre telemedizinischen Versorgungsangebote aus. So gibt es für Kinder mit fachärztlichem Behandlungsbedarf in Brandenburg ein Telekonsil. Nach dem Beschluss des Ärztetages zur Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes (wir berichteten) kündigte die Kasse zudem an, dass das AOK-eigene Centrum für Gesundheit in Berlin-Wedding künftig mehr Online-Videosprechstunden anbieten will.

"Wir sehen uns als Vorreiter innovativer Versorgungslösungen, haben auf unserem bisherigen Weg aber auch die rechtlichen und organisatorischen Hürden in der Praxis erlebt. Diese gilt es abzubauen, damit wir digitale Innovationen vorantreiben können", so Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost. Das Fernbehandlungsverbot sei nur eine dieser Hürden.

Einheitlicher Rechtsrahmen gefordert

Stoff-Ahnis sieht darüber hinaus Anpassungsbedarf bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen. "So bietet das Sozialgesetzbuch nur begrenzte Kooperationsmöglichkeiten mit Anbietern von Telekommunikation im Gesundheitswesen." Nötig sei auch eine einheitliche Rechtsgrundlage, um berufs- und haftungsrechtliche Fragen zu klären. "Und last but not least: Die infrastrukturellen Gegebenheiten bei den Leistungserbringern – angefangen bei der allgemeinen Netzabdeckung – sind noch längst nicht optimal", so Stoff-Ahnis.

Die AOK Nordost bietet am Institut für psychogene Erkrankungen in ihrem kasseneigenen Centrum für Gesundheit (CfG) in Berlin-Wedding bereits seit 2016 Online-Videosprechstunden an. Sie kündigte nun an, dass alle 18 Arztpraxen des CfG mit Online-Videosprechstunden arbeiten werden, wenn die Berliner Ärztekammer den Beschluss des Deutschen Ärztetages zur Lockerung des Fernbehandlungsverbotes umsetzt.

In Brandenburg will die Kasse gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, der BVKJ-Service GmbH und der Firma Monks mit dem telemedizinischen Kinder-Facharztkonsil PädExpert die spezialisierte kinderärztliche Versorgung verbessern. Laut AOK konzentrieren sich die spezialisierten Kinder- und Jugendärzte, wie Kinderrheumatologen und Kinderpneumologen in Brandenburg auf den Speckgürtel von Berlin. Den Angaben zufolge listet die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) nur 18 solcher Ärzte.

Facharzt-Odysee abkürzen

Kinder und Jugendliche aus berlinfernen Teilen Brandenburgs müssen daher oft weit fahren, um einen Spezialisten zu erreichen. Das soll den kleinen Patienten mit dem Telekonsil erspart werden. Zu diesem Zweck hat der BVKJ das Programm gemeinsam mit der BVKJ-Service GmbH und der Firma Monks entwickelt. Außerdem hat das neue telemedizinische Angebot den Anspruch, für Kinder mit Seltenen Erkrankungen die Facharzt-Odysee abzukürzen.

Um das Telekonsil zu nutzen, müssen die Kinder und Jugendlichen am Vorsorgeprogramm AOK Junior der AOK Nordost teilnehmen. Das Integrierte Versorgungsprogramm besteht bereits seit 2007. Inzwischen nehmen 62.000 Versicherte und 560 Kinderärzte in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern daran teil.

Neben erweiterten allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen umfasst das Programm verschiedene Module wie etwa eine Zielvereinbarung bei Adipositas, Lungen-Check, Haut-Check, Heuschnupfen-Behandlung, Amblyopie-Screening oder Module zur Zahngesundheit und zur Früherkennung von Essstörungen. Sie werden zum Teil nur in einzelnen Bundesländern angeboten.

PädExpert hilft Ärzten

Das neue Modul PädExpert deckt zahlreiche Krankheitsbilder ab, wie etwa Depression, unklare Gerinnungsstörungen, Anämie, Gelenkschmerzen, Zöliakie, Dermatologie oder chronisch rezidivierende Kopfschmerzen. Ermöglicht wird die Teilnahme am Telekonsil durch die allgemeinen Kinderärzte. Wenn dort ein kleiner Patient mit entsprechenden Beschwerden ohne klaren Befund hinkommt, kann der Arzt über PädExpert den passenden Experten kontaktieren und ihm einen ausgefüllten Anamnesebogen übermitteln.

Der Spezialist meldet sich innerhalb von 24 Stunden mit einer Diagnose-Einschätzung oder Therapie-Empfehlung zurück. "Bei schwierigen Fällen wird er eine Überweisung in seine Praxis empfehlen", sagt die Kinderrheumatologin Dr. Antje Nimtz-Talaska aus Frankfurt (Oder), die an PädExpert teilnimmt.

Die Vorteile liegen für sie auf der Hand: "PädExpert führt zu einem stärkeren kollegialen Austausch. Natürlich gab es diesen Austausch auch vorher schon, aber jetzt geht es unkomplizierter und schneller." Außerdem seien die teilnehmenden Kinderärzte stärker sensibilisiert, bei bestimmten Indikationen auch die sogenannten Seltenen Erkrankungen zu berücksichtigen.

Mehr zum Thema

Gesundheitliche Folgen des Klimawandels

Studie: Mehr Hitzekranke, mehr Infektionen

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

Klimawandel

Mit maschinellem Lernen Gesundheitsrisiken erkennen

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband
Das könnte Sie auch interessieren
Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

„EvidenzUpdate“-Podcast

Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

Digitalisierung und Datenschutz pandemiekonform: SVR-Vorsitzender Professor Ferdinand Gerlach (li.) am 24. März in Berlin bei der Vorstellung des Ratsgutachtens und der Bundesdatenschutzbeauftragte Professor Ulrich Kelber (re.) einen Tag später bei der Vorlage seines Tätigkeitsberichts.

„ÄrzteTag“-Podcast

„Wir verlangen Digitalisierung mit Gehirnschmalz!“ (Streitgespräch Teil 1)

Thorsten Kaatze, kaufmännischer Direktor am Uniklinikum Essen

„ÄrzteTag“-Podcast

Ein „Kochrezept“ für die Digitalisierung einer Uniklinik

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Nachmittags: das schnelle Telegramm. Am Morgen: Ihr individuell zusammengestellter Themenmix.

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Und dann die Hände zum Himmel: Vertreterversammlung der KV Rheinland-Pfalz am 19. Juni.

Rheinland-Pfalz

Die Pandemie als „Brandbeschleuniger“ der Substitution?