Klinikkeime

15.000 Tote in Deutschland pro Jahr?

Eine Studie für Europa hat die Zahlen zu Krankenhauskeimen hochgerechnet. Nicht nur Hygienemängel wirken sich hier aus.

Veröffentlicht: 20.10.2016, 08:14 Uhr

BERLIN. In den Kliniken Europas sterben nach einer neuen Studie hochgerechnet 91.000 Patienten pro Jahr an Krankenhausinfektionen. Die Forscher gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einer Klinik zuzogen.

Zu den häufigsten Infektionen dieser Art gehören Pneumonien, Sepsis, Harnwegs- und Wundinfektionen, wie die Forscher in "Plos Medicine" (2016; online 18. Oktober) berichten.

Eine halbe Million Krankenhausinfektionen pro Jahr?

"Die Studie ist in meinen Augen die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe, nicht nur in Europa", sagte Professor Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité. "Das deckt sich auch mit unseren Annahmen."

Für Deutschland schätzt Gastmeier die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf rund 500.000. Dadurch kommt es geschätzt zu bis zu 15.000 Todesfällen. Ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar – zum Beispiel durch bessere Hygiene.

Für die Studie haben Forscher um Alessandro Cassini vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) vor allem auf Daten des Zentrums zurückgegriffen. Sie wurden 2011/12 in 30 europäischen Ländern mit insgesamt 510 Millionen Einwohnern erhoben.

Auch Deutschland lieferte Zahlen. Als Basis für die Auswertung dienten am Ende die Daten von rund 274.000 Patienten in rund 1150 Akutkrankenhäusern.

Multiresistente Keime eingeschlossen in Daten

Bei den Hochrechnungen wurden Krankenhausinfektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden, bewusst nicht separat ausgewiesen. Sie sind in die Gesamtzahl eingeflossen. In der Studie seien 85 bis 90 Prozent der in den 30 Ländern vorkommenden Krankenhausinfektionen erfasst worden, sagt Gastmeier.

In Deutschland bekommen rund 3,5 Prozent der Patienten auf Allgemeinstationen eine Krankenhausinfektion, 15 Prozent auf Intensivstationen. In diesem Sommer hat Deutschland neue Zahlen abgefragt. "Wir sind noch in der Auswertungsphase. Aber ich glaube nicht, dass es einen Anstieg gibt", so Gastmeier.

Doch mit einem Rückgang ist wohl auch nicht zu rechnen. Zwar haben viele Kliniken die Händehygiene verbessert und es gibt mehr geschultes Personal. "Doch die Patienten werden immer älter und kränker und damit noch anfälliger für Infektionen", berichtet Gastmeier.

Zwischen 1000 und 4000 Todesfälle gehen in Deutschland pro Jahr auf das Konto multiresistenter Erreger. Viele Patienten bringen sie bereits mit – und es obliegt dem Management der Kliniken dafür zu sorgen, dass sich andere Patienten nicht infizieren.

Bei der Umsetzung habe sich in den vergangenen Jahren im Vergleich zu früher ebenfalls viel getan, sagt Gastmeier – bis hin zu gezielten Präventionsprogrammen bei Risikogruppen. Doch es kommt weiterhin immer auf das Augenmerk der einzelnen Klinik an. (dpa)

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