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Neues Denken in Onkologie gefordert

„Jeder Krebstote ist einer zu viel!“

Professor Christof von Kalle und Daniel Bahr fordern ein neues Denken in der Onkologie, das Krebs nicht länger als unabwendbares Schicksal hinnimmt. Ihr Ziel ist es, die Zahl vermeidbarer krebsbedingter Todesfälle gegen null zu bringen – die Vision-Zero.

Von Christoph von Kalle und Daniel Bahr Veröffentlicht:
Klares Signal: Das Logo des interdisziplinären Symposiums „Innovations in Oncology. Vision Zero“.

Klares Signal: Das Logo des interdisziplinären Symposiums „Innovations in Oncology. Vision Zero“.

© Netzwerk gegen Darmkrebs

Ärzte Zeitung: Herr Professor von Kalle, die Onkologie hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Können wir uns zufrieden zurücklehnen?

Professor Christof von Kalle: Es stimmt, dass wir Krebserkrankungen heute viel besser verstehen als noch vor wenigen Jahren, dass wir sie früher und exakter diagnostizieren und effektiver behandeln können. Trotzdem bleibt Krebs eine gewaltige gesellschaftliche und medizinische Herausforderung. Es könnte sogar passieren, dass Tumore hierzulande bald Herz-Kreislauferkrankungen den Rang als Todesursache Nummer Eins ablaufen werden.

Die Krebssterblichkeit sinkt.

von Kalle: Absolut gesehen nimmt die Zahl an krebsbedingten Todesfällen aber zu – wenn auch nicht im gleichen Maß, wie die Zahl der Neuerkrankungen. Auch dies ist eine Folge der medizinischen Fortschritte. Aber wir schöpfen deren Potenzial bei Weitem nicht aus.

Daniel Bahr: Fakt ist: 220 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an Krebs. Würden wir an einer deutschen Autobahn für jeden ein Kreuz aufstellen, stünde alle 57 Meter eines. Eine unangenehme Vorstellung, aber dann würde jedem auffallen, was Krebs in unserer Gesellschaft anrichtet.

Was schlagen Sie vor?

Bahr: Zunächst einmal ein neues Denken, das Todesfälle nicht mehr so einfach akzeptiert. Dafür gibt es Beispiele aus anderen Bereichen, beispielsweise dem Straßenverkehr. In Schweden einigte man sich in den 1970er Jahren darauf, dass jeder Verkehrstote einer zu viel, die akzeptable Opferzahl im Straßenverkehr gleich null ist.

„220000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an Krebs. Würden wir an einer deutschen Autobahn für jeden ein Kreuz aufstellen, stünde alle 57 Meter eines“, sagt Daniel Bahr.

„220 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an Krebs. Würden wir an einer deutschen Autobahn für jeden ein Kreuz aufstellen, stünde alle 57 Meter eines“, sagt Daniel Bahr.

© Bahr

Aus dieser Haltung heraus entwickelte man die Vision-Zero – ein Konzept, das mit der Prämisse arbeitet, dass Menschen Fehler machen, denen man zum Beispiel durch strukturelle oder technische Anpassungen vorbeugt oder deren Folgen man dadurch vermindert.

Nehmen Sie als Beispiel Straßenkreuzungen. Sie sind per se unfallträchtig. Ersetzt man sie durch Kreisverkehre, sinkt die Zahl der Unfälle, beziehungsweise deren Folgen sind weniger schwerwiegend. Schweden ist im Hinblick auf den Verkehr heute eines der sichersten Länder der Welt. Diese Vision-Zero im Straßenverkehr wurde übrigens von anderen europäischen Ländern übernommen. In Deutschland sank dadurch die Zahl der Verkehrstoten von 22 000 in den 1970er Jahren auf zuletzt rund 3000 – bei deutlich mehr Autos sowie mehr und schneller gefahrenen Kilometern.

Die Erfahrungen aus dem Straßenverkehr, aus der Arbeitssicherheit und der Luftfahrt lehren uns, dass sich jede noch so hohe Investition in sinnvolle Vorbeugung und Verbesserung am Ende massiv auszahlt. Warum sollte dieses neue Denken, diese Vision-Zero nicht auch in der Onkologie Einzug halten?

Was konkret bedeutet eine Vision-Zero in der Onkologie?

von Kalle: Ziel von Vision-Zero ist es, die Zahl der vermeidbaren krebsbedingten Todesfälle gegen null zu bringen. Um diesem Ziel möglichst nahe zu kommen, müssen wir an allen möglichen Stellschrauben drehen; an Präventionsangeboten, an der Früherkennung, an der Therapie, an der Ursachenforschung, nicht zuletzt an der Qualität des Studienstandorts Deutschland. Und für praktisch alle Bereiche gilt: Wir müssen die Digitalisierung vorantreiben.

„Unser Gesundheitssystem ist zu sehr Reparaturbetrieb. Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf Vermeidung und Verhinderung von Krankheiten“, sagt Professor Christof von Kalle.

„Unser Gesundheitssystem ist zu sehr Reparaturbetrieb. Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf Vermeidung und Verhinderung von Krankheiten“, sagt Professor Christof von Kalle.

© BIH Charité, Berlin

Wir analysieren und differenzieren Krebserkrankungen längst auf molekularer Ebene. Dabei fallen enorme Mengen an Informationen an, weitere im gesamten Krankheitsverlauf, von der Therapie bis zur Nachsorge. Wir müssen diese Informationen digital erfassen und vernetzen, so dass jeder Arzt erfahren und verstehen kann, wie die letzten zehn Fälle gleicher Art behandelt worden sind – und mit welchem Ergebnis.

Krebserkrankungen sind molekular hochkomplex. Deshalb brauchen wir die Daten aus der Routinebehandlung für die Fortentwicklung und Qualitätsverbesserung von Therapien.

Bahr: Auch in der Krebsbehandlung sind Daten das Gold des 21. Jahrhunderts. Sie sind es, die uns in die Lage versetzen, jedem Patienten einen medizinischen Maßanzug für seine Erkrankung anzupassen anstelle eines Anzugs von der Stange.

Hier findet gerade ein Paradigmenwechsel statt: Die Wissenschaft zeigt uns den Weg von einer organspezifischen Betrachtung – also z.B. einem Brust- oder Lungenkrebs – hin zu den genetischen und immunologischen Grundlagen und ihren Treibern, die einen Tumor wachsen lassen. Deshalb sprechen wir heute von Präzisionsonkologie. Ganz neue Therapiemöglichkeiten sind die Konsequenz. Es ist eine kleine Revolution; sie setzt voraus, dass Medizin und Informationstechnologie zusammenwachsen. Damit aus Big Data Smart Data wird.

Wie weit wird man sich der Null annähern können?

Bahr: Wer über eine Vision-Zero nachdenkt, kommt schnell zum Thema Prävention. Wir wissen heute, dass Rauchen, ungesunde Ernährung, Übergewicht, Alkohol und Bewegungsmangel das Krebsrisiko erhöhen. Durch entsprechende Lebensstilmodifikationen ließe sich mindestens ein Drittel aller Erkrankungen vermeiden. Weiteres Potenzial steckt in Impfungen – etwa gegen das humane Papillomvirus HPV, das unter anderem Gebärmutterhalskrebs auslösen kann – sowie in der Früherkennung von Risikopatienten, denen eine risikoadaptierte Vorsorge angeboten werden könnte.

Ob Menschen einen gesundheitsförderlichen Lebensstil pflegen und Früherkennungs- und Vorsorgeangebote annehmen, ist stets auch eine Frage ihrer Gesundheitskompetenz. Deshalb benötigen wir Kampagnen, die über den Nutzen von Prävention und Früherkennung informieren.

von Kalle: Unser Gesundheitssystem, das seine Leistungsfähigkeit in der Pandemie unter Beweis stellt, ist zu sehr Reparaturbetrieb. Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf Vermeidung und Verhinderung von Krankheiten. Das kostet erst einmal Geld: Mehr Präventionsmaßnahmen, Impfprogramme, bessere Diagnostik und neue Medikamente sind nicht zum Nulltarif zu haben. Aber es wird sich rechnen.

Es kann ja nicht sein, dass wir die gewaltige gesellschaftliche und medizinische Herausforderung Krebs, die die Hälfte von uns betrifft und ein Viertel von uns frühzeitig sterben lässt, mit einem Fünfzehntel unserer Gesundheitsaufwendungen bekämpfen. Von diesen ca. 6,5 Prozent der Ausgaben stecken wir bisher viel zu wenig in Prävention, relativ wenig in die Frühdiagnostik und den Löwenanteil in die Behandlung von Krebspatienten.

Mit der Vision-Zero können wir die Zukunft der Krebsbehandlung gestalten. Fortschritte in Wissenschaft und Technik bieten uns ungeahnte Möglichkeiten. Basis dafür sind unter anderem Smart Data; intelligente Daten, mit denen sich der Kampf gegen Krebs immer präziser gestalten lässt. Das erfordert von uns allen ein neues, ein vernetztes Denken: Die Krebsbekämpfung der neuesten Generation ist eine Teamleistung – oder sie findet nicht statt. Und sie braucht unser aller Einsatz. Denn jeder Krebstote ist einer zu viel.

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