Direkt zum Inhaltsbereich

Leitartikel

Sepsis - verkappte Todesursache Nummer eins

Die Gefahr durch Sepsis ist vielen nicht bewusst - sonst würden daran nicht jährlich über 50.000 Menschen in Deutschland sterben. Zum Welt-Sepsis-Tag am 13. September wird daher erneut nach einem Nationalen Aktionsplan gerufen.

Peter LeinerVon Peter Leiner Veröffentlicht:
Pneumokokken sind die häufigsten Erreger für Pneumonien in Deutschland. Viele Pneumonien-Patienten sterben letztendlich an einer Sepsis.

Pneumokokken sind die häufigsten Erreger für Pneumonien in Deutschland. Viele Pneumonien-Patienten sterben letztendlich an einer Sepsis.

© Novartis

Sie sind nur einige von vielen Botschaftern des Welt-Sepsis-Tages am 13. September: Reinhold Messner, Klaus von Dohnanyi, Daniel Bahr, Professor Jörg Hacker und die Professorin Johanna Wanka.

Das inzwischen glücklicherweise größere Interesse am Kampf gegen Sepsis weltweit spiegelt sich auch darin wider, dass sich Dr. Tom Frieden, der einflussreichste Gesundheitspolitiker der USA, zum Fürsprecher der Kampagne erklärt hat.

"Wir müssen nicht nur verstärkt auf dieses Krankheitsbild hinweisen, darüber aufklären und die Früherkennung verbessern, damit mehr Patienten geschützt werden und überleben. Wir müssen darüber hinaus die Ursachen von Sepsis verstehen, damit wir sie vermeiden können, wann immer möglich", wird der Direktor der Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta, von der Global Sepsis Alliance (GSA) zitiert.

Folgende Zahlen verdeutlichen die Dimension des Problems: Jedes Jahr erkranken bis zu 30 Millionen Menschen weltweit an Sepsis. In Deutschland haben Krankenhäuser 2011 mehr als 175.000 Sepsiserkrankungen gemeldet, von denen über 50.000 tödlich verlaufen sind, so die GSA und die Deutsche Sepsis-Gesellschaft (DSG).

Sepsis werde dabei nicht nur in der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts unterschätzt, sondern auch im Global Burden of Disease Report der WHO.

Denn dort werde Sepsis nur als "Sepsis bei Neugeborenen" aufgeführt. Sepsis bei Erwachsenen bleibe weitgehend unberücksichtigt und nur die Infektionen, die die tödliche Sepsis ausgelöst haben, würden genannt.

"Versteckte Gesundheitskatastrophe"

Insgesamt rangiert das Krankheitsbild in dem Report nur auf Platz 16, weshalb manche auch bei Sepsis von einer "versteckten Gesundheitskatastrophe" sprechen.

Bei korrekter Berücksichtigung der Sepsis als eigentlicher Todesursache würde sie in dem Bericht wahrscheinlich an erster Stelle stehen, heißt es in einer Mitteilung der GSA und DSG.

In Deutschland habe sich die Kodierung von Sepsisfällen anhand der ICD-9 oder -10-Klassifikation in den letzten Jahren verbessert. Dies sei unter anderem auch durch die mit der Diagnose Sepsis verbundene finanzielle Vergütung für die Kliniken geschehen, so die GSA.

Bereits im vergangenen Jahr wurde die von vielen Organisationen unterstützte Welt-Sepsis-Deklaration veröffentlicht, die die Bedeutung von Aufklärung und Prävention durch Hygiene und Impfungen hervorhebt.

Durch weniger Krankenhausinfektionen und strukturierte Impfprogramme soll demnach die Zahl der Sepsiserkrankungen bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent gesenkt werden.

Ein weiteres Ziel ist zudem, innerhalb der kommenden fünf Jahre durch eine verbesserte Früherkennung von Infektionen und Sepsis die Sterberate um zehn Prozent zu senken.

Wie wichtig Impfungen von Risikogruppen wie Kindern, älteren Menschen oder auch Patienten ohne Milz sind, betont auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) am Beispiel der splenektomierten Patienten. Die Zahl der Splenektomien pro Jahr liege in Deutschland bei etwa 8000. Insgesamt 80.000 Menschen lebten hier ohne Milz.

"Insbesondere Pneumokokken können bei splenektomierten Patienten schwerste Verläufe von Lungen- und Hirnhautentzündungen hervorrufen, die überproportional häufig zu einer schweren Sepsis und Kreislauf- und Organversagen führen", wird Professor Ulrich R. Fölsch aus Kiel, Generalsekretär der DGIM, in einer Mitteilung der Gesellschaft zitiert.

Mehrere Impfungen beugen vor

Die DGIM rät Menschen ohne Milz zu Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Hib. Diese erfolgen in der Regel 14 Tage nach der Splenektomie, bei einem geplanten Eingriff besser bereits 14 Tage vor der Operation. Auch an die Booster ist zu denken.

Zudem rät die DGIM zur jährlichen Grippe-Impfung, da eine Virusgrippe oft den Boden für eine bakterielle Lungenentzündung bereitet.

Sepsis-Stiftung, DSG und Deutsche Sepsis-Hilfe haben bereits 2013 einen Nationalen Aktionsplan gegen Sepsis vorgelegt. Das Ziel: Senkung der Sepsishäufigkeit und -sterberate sowie eine Verbesserung der Lebensqualität nach einer Sepsis.

Kernpunkte sind unter anderem Entwicklung und Implementierung von Qualitätssicherungsprogrammen zur Verbesserung der Prävention, Diagnose und Therapie in allen Sektoren des Gesundheitswesens.

Zudem müsse die Bevölkerung über Präventionsmöglichkeiten und Frühsymptome aufgeklärt werden, etwa in Kampagnen in Anlehnung an "Gib Aids keine Chance".

Erfreulicherweise ist die GSA auch im Internet sehr aktiv und bekommt Aufmerksamkeit, auch ohne spektakuläre Aktionen wie die "Ice Bucket Challenge" der ALS-Association.

Dem Aktionsplan zufolge muss die unsachgemäße Anwendung von Antibiotika in Medizin, Landwirtschaft und Tierzucht gestoppt werden. Nicht zuletzt müsse lokalen, länder- und kontinentübergreifenden Erregerausbrüchen vorgebeugt oder diese eingedämmt werden.

Gefordert wird auch der Aufbau eines nationalen Sepsisregisters, in dem bundesweit zur Qualitätssicherung die Entwicklung der Sepsishäufigkeit und der Sepsissterblichkeit dokumentiert wird. Der Nationale Aktionsplan wird inzwischen von vielen Parlamentariern, Fachgesellschaften und Ärztekammern unterstützt.

Mehr zum Thema

Update der S3-Leitlinie

Neue Empfehlung in der Sepsis-Therapie

Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Pityriasis versicolor

© iStock / C5C

Kleienpilzflechte im Sommer

Pityriasis versicolor sicher erkennen und gezielt behandeln

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Dr. Wolfgang P. Bayerl 12.09.201408:57 Uhr

man behaupte eine neu (heimliche) Katastrophe, beschimpfe Andere, gründe eine neue Gesellschaft

und interessiere Politiker, wohlfeilen Populismus zu verbreiten.
Dieser Satz:
"Sepsis werde dabei nicht nur in der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts unterschätzt .... "
ist sicher falsch und eher eine Beleidigung für die Ärzte, die daran beteiligt sind.
Zudem wird durch eine so einengende Betrachtung auf das "Symptom" Sepsis der viel wichtigere Blick auf die eigentliche Krankheitsursache eher verschleiert.
Die "Impfung" benötigt nun wirklich keine Rechtfertigung durch "Sepsis".
Muss nun auch Diabetes nur wegen "Sepsisrisiko" bekämpft werden?
Oder die Bestrahlung oder die Chemotherapie wegen "Sepsisrisiko" verboten werden?

Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Akute Belastung versus chronische Schäden

Marathonläufer sollten ihren Nierenstatus kennen

Lesetipps
Koloskopie, Blick auf den Monitor

© Issara - stock.adobe.com

Anstoß zur Diskussion

Darmkrebs: Ist die koloskopische Überwachung falsch aufgestellt?

Ein Arzt zählt mit den Fingern bis Drei.

© Arnéll Koegelenberg/peopleimages.com/stock.adobe.com

Regionaler Multimorbiditäts-Vergleich

Wo es relativ viele Ü-50-Jährige mit drei oder mehr chronischen Erkrankungen gibt