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"Wie kam ich hierher?" - so fragen Fugue-Patienten

MÜNCHEN (mf). Zunächst wenig glaubwürdig klang das, was ein unruhig und ratlos wirkender junger Mann den von ihm aufgesuchten Polizisten und später den Psychiatern in München erzählte: Er wohne 600 Kilometer entfernt und wisse nicht, wie er in den letzten 24 Stunden in die bayerische Landeshauptstadt gekommen sei. Nach sorgfältiger Untersuchung diagnostizierten die Nervenärzte bei ihm ein seltenes, umstrittenes Syndrom: die dissoziative Fugue.

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Der Begriff der Fugue in der Psychiatrie ist abgeleitet von dem französischen Wort la fugue - die Flucht. Die dissoziative Fugue kennzeichnet dementsprechend eine plötzliche, gerichtete Ortsveränderung über den täglichen Aktionsradius hinaus, wobei für den Zeitraum der Fugue eine Amnesie besteht, berichten Dr. Stefan Leucht und seine Kollegen von der Technischen Universität München (Der Nervenarzt 7, 2003, 587).

Derartige Fugue-ähnliche Verhaltensweisen mit einem "Strippenriß" können bekanntlich bei vielen neuropsychiatrischen Erkrankungen, etwa bei Manien oder Schizophrenie, besonders unter Alkohol- und Drogenkonsum, auftreten, aber auch etwa nach Kopfverletzungen.

Die dissoziative Fugue, bei der sich keine weitere psychiatrische Erkrankung findet, ist hingegen so selten, daß ihre Existenz unter Psychiatern umstritten ist. Die deutsche Sektion der "International Society for the Study of Dissociation" nennt eine Prävalenzrate von 0,2 Prozent in der Allgemeinbevölkerung.

Zugrunde liegt der dissoziativen Fugue zumeist ein psychischer Konflikt oder eine extreme Belastungssituation, etwa bei Soldaten im Krieg. Anfällig für ein solches als Fluchtreaktion oder primitiver Abwehrmechanismus angesehenes Verhalten sind offenbar labile, willenschwache Menschen.

Auch bei dem jungen Mann in München - einem Halbitaliener - konstatierten Leucht und seine Kollegen eine "geringe Frustrationstoleranz bei der Berufsfindung." Auch beobachteten sie bei ihm eine tiefe innere Unsicherheit, Unreife und ein brüchiges Selbstwertgefühl.

Er war in einer für ihn aussichtlos erscheinenden Situation: Er sollte das elterliche Geschäft - eine Pizzeria - übernehmen, hatte aber keinen Spaß an der Arbeit und fühlte sich der bevorstehenden Aufgabe nicht gewachsen. Bereits etwa zwei Jahre zuvor hatte die geplante Übernahme des Geschäftes eine schwere suizidale Krise heraufbeschworen.

Die Nachsorge gestaltete sich schwierig; da der Patient wiederholt Nachuntersuchungen unbegründet nicht wahrnahm. Er gab die Gaststätte auf und begann eine Ausbildung als Versicherungskaufmann, geriet aber finanziell massiv unter Druck und fühlte sich - da die sozialen Kontakte in der Pizzeria nun wegfielen - einsam. Er berichtete über Suizidgedanken und akzeptierte schließlich eine Psychotherapie. Dennoch setzte er seine Selbstmordgedanken einige Wochen später in die Tat um.

Dieser tragische Ausgang belege, wie ernst diese Patienten genommen werden müssten, betont Leucht. Komme es zu einer solchen bizarren Reaktionsweise, sei davon auszugehen, daß eine Belastung die Coping-Strategien eines Menschen überfordere. Er müsse dann nachhaltig bei der Bewältigung seiner Konflikte unterstützt werden.



STICHWORT

Was für dissoziative Fugue typisch ist

Hauptmerkmal der dissoziativen Fugue ist ein plötzliches, unerwartetes Weggehen von zu Hause, vom Arbeitsplatz oder der gewohnten Umgebung. Die Betroffenen sind nicht in der Lage, sich an die gesamte oder an Teile der Vergangenheit zu erinnern. Sie sind über die eigene Identität verwirrt oder sie nehmen eine neue Identität an. Die Störung steht in keinem Zusammenhang mit einem körperlichen Trauma oder etwa einer Krankheit. Sie führt zu einem klinisch bedeutsamen Leiden oder sie beeinträchtigt die berufliche Tätigkeit und das soziale Leben. (mf)

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