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Zappelphilippe brauchen eine frühe Therapie

Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) fallen häufig schon im Kindergarten auf. Viele Eltern suchen aber erst ärztliche Hilfe, wenn die Kinder später in der Schule Probleme bekommen. So bleiben die Chancen einer frühen Therapie häufig ungenutzt, wie Pädiater bei der 101. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Bremen betont haben.

Von Uwe Groenewold Veröffentlicht:

Oft gehen Eltern bei ADHS erst zum Arzt, wenn ihre Kinder Schwierigkeiten in der Schule haben. Betroffene Kinder können sich nämlich schlecht konzentrieren und lassen sich leicht ablenken; im Unterricht fallen sie besonders durch motorische Unruhe und mangelhaftes Sozialverhalten auf.

Familien sind durch Kinder mit ADHS extrem belastet. Die Symptome ziehen sich wie ein roter Faden durch den ganzen Tag: Erste Auseinandersetzungen beginnen schon morgens beim Anziehen, Frühstücken oder Zähneputzen. Am Nachmittag setzen sich die Konflikte bei den Hausaufgaben und beim Spielen fort. Und abends haben die Kinder Probleme beim Einschlafen, sie quengeln und finden nicht zur Ruhe.

60 Prozent der Kinder werden vom Unterricht ausgeschlossen

Erschwerend kommt hinzu, daß viele Betroffene an weiteren Erkrankungen und Störungen wie Teilleistungsschwächen, Depressionen, Tics und Angststörungen leiden. "Die Auswirkungen für die Kinder, die ständig anecken, sind erheblich. 40 Prozent von ihnen bleiben mindestens einmal sitzen, 60 Prozent werden vorübergehend vom Unterricht ausgeschlossen", sagt Dr. Andrea Caby aus Papenburg.

Nach Angaben der Pädiaterin haben die Kinder mehr und schwerere Unfälle als ihre Altersgenossen, sie finden keine Freunde, verstehen sich oft kaum mit ihren Geschwistern. "So reiht sich ein negatives Erlebnis an das nächste. Die Kinder müssen viele Zurückweisungen ertragen - das prägt fürs weitere Leben."

Oft halten die Familien diesem Druck nicht stand, die Scheidungsraten bei Eltern von Kindern mit ADHS sind nach Angaben von Caby sicherlich höher als in der Normalbevölkerung. 47 Prozent der Eltern geben an, daß ihre Ehe dadurch negativ beeinflußt wird, wie eine Untersuchung der World Federation of Mental Health (WFMH) ergeben hat.

Vor allem Mütter würden durch den Alltag mit einem Kind mit ADHS häufig depressiv, sagte Caby. Langfristig ist ADHS ohne Therapie folgenschwer: Die Schullaufbahn der Kinder verlaufe in der Regel weniger erfolgreich, als es ihrer Intelligenz entspricht; entsprechend schwierig gestalte sich die Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz.

Jugendliche mit ADHS hätten ein erhöhtes Unfallrisiko, sie neigten vermehrt zu Delinquenz, Alkohol- und Drogenmißbrauch. Bei 60 bis 80 Prozent der Betroffenen persistierten einzelne Symptome bis ins Erwachsenenalter. In verschiedenen Studien wurden viele Risiken für funktionale und psychische Beeinträchtigungen belegt: niedriger sozialer Status, Probleme am Arbeitsplatz, häufige Jobwechsel, Depressionen, antisoziales Verhalten.

Viele dieser schweren Folgen könnten vermieden werden, wenn ADHS rechtzeitig diagnostiziert und die Kinder angemessen behandelt würden, sagt Dr. Ulrich Kohns aus Essen.

Die ADHS-Diagnostik ist dabei sehr aufwendig, umfaßt außer einer ausführlichen Anamnese weitere körperlich-neurologische Untersuchungen, Verhaltensbeobachtungs-Fragebögen und psychologische Tests. Die Differentialdiagnose erfolgt in aller Regel durch einen Kinder- und Jugendpsychiater.

Weil die schulischen Anforderungen in der zweiten oder dritten Klasse deutlich höher werden, werden Kinder von ihren Eltern häufig erst in diesem Alter vorgestellt.

"Dann hören wir meist Sätze wie "Mein Kind war schon immer so schwierig" oder "Auch im Kindergarten wollte keiner etwas mit ihm zu tun haben", sagte Kohns bei einer Veranstaltung des Unternehmens Lilly. Bei diesen Kindern wäre eine Diagnose durch spezialisierte Pädiater oder Kinder- und Jugendpsychologen schon im Kindergarten wünschenswert gewesen.

Der Verlauf von ADHS kann im Vorschulalter günstig beeinflußt werden, etwa durch Aufklärung und Beratung der ganzen Familie, ambulantes Elterntraining und kindzentrierte Verhaltenstherapie. Eine medikamentöse Behandlung könne so häufig vermieden werden.

Bei Schulkindern ist meist eine medikamentöse Therapie nötig

Bei vielen Schulkindern jedoch, so Kohns, sei die Symptomatik bereits so stark ausgeprägt, daß eine medikamentöse Behandlung nötig ist, um weitere Therapien überhaupt erst zu ermöglichen. Als neue medikamentöse Option hat sich Atomoxetin (Strattera®) herausgestellt.

Der selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer lindert die Symptome bei nur einmal täglicher Gabe ähnlich gut wie das Psychostimulans Methylphenidat. Das Medikament unterliegt jedoch nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Das Mittel sei zudem kontinuierlich über den ganzen Tag bis zum nächsten Morgen wirksam.



STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Stichwort ADHS

Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine psychoorganische Störung bei Kindern, bei denen eine Aufmerksamkeitsschwäche im Vordergrund steht; die betroffenen Kinder (2/3 Jungen, 1/3 Mädchen) fallen durch Konzentrations-, Disziplin- und Lernschwierigkeiten in Kindergarten und Schule auf; auf Grund der Konzentrationsschwäche wird ihre Intelligenz meist zu niedrig eingeschätzt; fast immer besteht auch ein Bewegungsdrang, der Ruhigsitzen unmöglich macht; fehlt diese hyperkinetische Komponente, spricht man von Aufmerksamkeitsdefizit ohne Hyperaktivität.

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