150 Jahre Einsatz im Dienst der Hilflosen

Hilfsgüter, Decken und Zelte in Katastrophengebieten verteilen - das ist nur eine der vielen Aufgaben des Roten Kreuzes. Immer stärker rückt die vor 150 Jahren gegründete Hilfsorganisation den Kampf um Menschenrechte in den Fokus ihrer Arbeit.

Von Heinz-Peter Dietrich Veröffentlicht:
Schlacht von Solferino, 1859: Die Grausamkeit und die verwundeten Soldaten veranlassten Henry Dunant (r.) zur Gründung des Roten Kreuzes.

Schlacht von Solferino, 1859: Die Grausamkeit und die verwundeten Soldaten veranlassten Henry Dunant (r.) zur Gründung des Roten Kreuzes.

© Fotos: DRK/dpa (2)

GENF. Das Hauptquartier des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf liegt direkt gegenüber der Europazentrale der Vereinten Nationen. Beide Institutionen sind eng miteinander verwoben. Beide Organisationen sehen sich von den Schutzbedürftigen und Hilflosen auf dieser Welt in die Pflicht genommen, ihnen zu helfen.

Alles begann mit der Schlacht von Solferino

Die Aufgaben des IKRK sind seit der denkwürdigen Schlacht von Solferino vor 150 Jahren, die als Geburtsstunde der Rotkreuz-Bewegung, gilt, gewaltig gestiegen. Und dabei rücken auch immer mehr die Menschenrechte in den Mittelpunkt. "Was die Menschenrechte in nicht internationalen bewaffneten Konflikten betrifft, sind die Regelungen eher mangelhaft", erklärte IKRK-Chef Jakob Kellenberger jüngst dem Schweizer Nachrichtendienst swissinfo. "Eine der großen Herausforderungen ist es, den Zugang zu den Menschen in Gewaltkonflikten zu verbessern."

Längst ist das IKRK über das Verteilen von Hilfsgütern, Zelten und Decken hinausgewachsen - zu einer mahnenden Stimme überall auf der Welt, Zivilisten in Konflikten zu schützen. Kellenberger, der der Organisation mit fast 100 000 Mitarbeitern überall auf der Welt seit 2000 vorsteht, sieht in der Einhaltung und Überwachung der Menschenrechte eine der Hauptaufgaben seiner Organisation. Immer häufiger sucht das bislang sehr verschwiegene Gremium auch die Öffentlichkeit.

"Es bestehen sehr klare Vorgaben, wann Menschenrechtsverletzungen öffentlich verurteilt werden dürfen", sagt Kellenberger. Es müsse sich um systematische und gravierende Verletzungen der Internationalen Menschenrechte handeln. Dann müsse klar sein, dass wiederholte bilaterale Vermittlungsversuche mit den Verantwortlichen eines Konflikts praktisch ergebnislos verlaufen seien. "Und wir müssen selbst Zeugen der Menschenrechtsverletzungen sein oder über Informationen von vertrauenswürdigen Quellen verfügen."

IKRK-Mitarbeiter verweisen auf zahlreiche Initiativen, wie etwa zu den Haftbedingungen im US-Gefangenenlager Guantánamo. So hat die Organisation jüngst auch Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien dokumentiert. Im dortigen bewaffneten Konflikt würden allzu viele Zivilisten zur Zielscheibe für die verschiedenen Kriegsparteien.

Allein für 2008 wurden mehr als 1600 Verletzungen des humanitären Völkerrechts aufgezeichnet. "Wir müssen überzeugt davon sein, dass die öffentliche Anprangerung der Menschenrechtsverletzung das Beste ist, was wir für die betroffenen Menschen tun können", sagt Kellenberger. Er hält aber daran fest, dass Vertraulichkeit ein extrem wichtiges Instrument für das IKRK ist, um Zugang zu Kriegsopfern zu erhalten. "Aber sie ist nicht bedingungslos." Wie etwa in Sri Lanka, wo das Militär scharf angegriffen wurde, weil es Zivilisten in den Kampfzonen festhielt.

Die Bewegung wird häufig Opfer von Erpressung

Dabei wird die Bewegung immer mehr selbst Opfer von Aggression und Erpressung. Allein das Auftreten in stark unterentwickelten Regionen ruft diejenigen auf den Plan, die gar nichts besitzen oder zu verlieren haben. Rebellengruppen benutzen IKRK-Mitarbeiter immer wieder auch als Geiseln.

Mittlerweile steigen auch die finanziellen Bedürfnisse der Organisation auf vorher ungeahnte Höhen. So kletterte das Budget für das laufende Jahr um sieben Prozent auf fast 1,2 Milliarden Franken (fast 800 Millionen Euro). Es seien die Schwächsten, die ganz besonders von den Auswirkungen der Konflikte, der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie von Naturkatastrophen betroffen seien, sagt Kellenberger. Um das Überleben von Millionen von Vertriebenen aufgrund von bewaffneten Konflikten zu sichern, seien hohe kostspielige Versorgungsleistungen unentbehrlich. Die Not dieser Menschen nehme stetig zu, sagt das IKRK.

"Beharrliches Engagement in der ganzen Welt"

Ehrungen hat die Organisationen reichlich, darunter drei Friedensnobelpreise. Gerade ist ihr der Generationenpreis (Prix des Générations) 2009 von der Demographischen Weltorganisation (World Demographic Association/WDA) verliehen worden. Die Ernennung ehrt das IKRK "für sein beharrliches Engagement und seine unantastbare Ausdauer in einer Welt, die sich stetig verändert, durch jede neue Generation geprägt und neu definiert wird". Das IKRK habe sich auf diesen Wandel einzustellen gewusst. Das gilt auch für die fast 1000 Mitarbeiter etwa in Genf, die sich ständig bemühen, zusammen mit ihren Kollegen von der Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung in keiner Routine zu ersticken. (dpa)

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