Alfred Hitchcock, der Meister der Angst, steckte selbst voller Ängste

LONDON (dpa). Alfred Hitchcock war ein sanftmütiger Mensch. Deshalb entschied er sich 1960 dafür, seinen nächsten Film altmodisch in Schwarzweiß zu drehen. Das viele Blut beim Duschmord im "Psycho"-Motel sollte in dezenten Grautönen abfließen. Dennoch schworen hinterher viele Zuschauer, der Film würde während dieser Szene in Farbe übergehen. Sie hatten sich den Effekt, auf den Hitchcock bewußt verzichtet hatte, in ihrer Fantasie selbst ausgemalt. Eben darum gilt "Hitch" 25 Jahre nach seinem Tod am 29. April 1980 immer noch als unerreichter Meister seines Fachs.

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Die nur 45 Sekunden lange Mordszene aus "Psycho" wurde sieben Tage lang in 70 Kamerapositionen mit einem nackten Model und zwölf Duschvorhängen im hinteren Teil eines überhitzten Studios gedreht; während die Schöne schrie und stöhnte, schwebte hoch über ihr auf einer Plattform der korpulente Mann im dunklen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte und gab seine höflichen Anweisungen.

Nie ist dieser Bilderbuch-Engländer laut geworden. Ein Seitenblick, ein Hochziehen der Augenbraue reichte aus, um seine Crew in Alarmbereitschaft zu versetzen. Nur ein einziges Mal verlor er die Beherrschung: Als seine Entdeckung Tippi Hedren ("Die Vögel") ihm sagte, er sei dick.

Wer Hitchcock nur als Privatmann gekannt hätte, wäre nie darauf gekommen, daß sich seinetwegen Millionen nicht mehr in den Keller, unter die Dusche oder in die Vogelvoliere trauten. Hitchcock war 54 Jahre lang überaus glücklich mit der Regieassistentin Alma verheiratet, er war stolzer Vater einer Tochter, er war extrem reinlich und ordentlich und besuchte jeden Sonntag die Messe. Auffälliges gab es über ihn nicht zu berichten, außer vielleicht, daß er manchmal von einem Augenblick auf den anderen einschlief, einmal sogar im Gespräch mit Thomas Mann.

Wie also konnte ausgerechnet dieser Mann solche Filme machen? Es war wohl so, daß ihm gerade die Stabilität seiner persönlichen Verhältnisse Kraft gab, sein Leben ganz dem Kino zu widmen. Hitchcock, Jahrgang 1899, war im Filmgeschäft von Anfang an dabei, schon als Zwanzigjähriger schrieb er Zwischentitel für Stummfilme, später lernte er das Regieführen in den Ufa-Studios von Babelsberg.

Außer seinem hoch entwickelten Sinn für Dramaturgie war es vor allem sein psychologisches Gespür, das ihn zum Genie reifen ließ. Das Thema fast all seiner Filme ist Angst. Hitchcock selbst hatte panische Angst vor der Polizei: Als kleiner Junge war er einmal von einem Bobby zum Spaß in eine Zelle gesperrt worden. Vor allem aber führte er seine Ängste auf seine streng katholische Erziehung zurück. So sah er "Die Vögel" als Vision des Jüngsten Gerichts über die Menschheit, was ihn bei den Dreharbeiten ungewöhnlich nervös machte.

Viel ist über sein Verhältnis zu Frauen geschrieben worden. Immer besetzte er die weiblichen Hauptrollen mit Blondinen, die anfangs unnahbar und überlegen scheinen, aber dann tief gedemütigt werden. Den Duschmord in "Psycho" verstand er als Vergewaltigungsszene. Möglich ist, daß er im Film geheime Wünsche ausgelebt hat. So steht es jedenfalls in seiner autorisierten Biografie. Der Filmkritiker John Russell Taylor schreibt dort: "Ein weniger korrekter und moralischer Mensch hätte wahrscheinlich viel größere Hemmungen, seine privaten Komplexe so deutlich in seinen Filmen sichtbar werden zulassen."

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