"Freuds Lektüren" - der Dichter als Genosse und Konkurrent

Von Klaus Brath Veröffentlicht:

Sigmund Freud (1856-1939) begründete die Psychoanalyse nicht nur als psychotherapeutisches Verfahren, sondern auch als Erkenntnis- und Kulturtheorie. Zu den reizvollsten Anwendungen der Psychoanalyse zählte Freud die Probleme künstlerischen Schaffens, besonders die Analyse von Werken der Literatur. Welchen Themen und Personen dabei sein Interesse galt und wie er sich dabei selbst inszenierte, zeigt das Buch "Freuds Lektüren" des Literaturwissenschaftlers Michael Rohrwasser.

Freud war ein leidenschaftlicher Leser, er bewunderte die Dichter als "wertvolle Bundesgenossen." Ob in Sophokles' "König Ödipus", E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann" oder in Conrad Ferdinand Meyers "Die Richterin" - in Büchern fand Freud vieles wieder, was er als Arzt bei seinen Patienten beobachtet hatte.

    In vielen Büchern fand Freud eigene Beobachtungen bestätigt.
   

Angesichts der "unheimlichen Vertrautheit", die er gegenüber dem Dramatiker (und früheren Arzt) Arthur Schnitzler empfand, bekannte Freud dem Wiener Kollegen sogar: "Ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu."

Bei aller Wertschätzung für die Dichtkunst bestand Freud auf einer scharfen Grenzlinie zwischen Psychoanalyse und Literatur. In seinen Kommentaren und Interpretationen zur Literatur distanzierte er sich wiederholt von der Harmlosigkeit und Weltfremdheit der Dichter, hinter deren intuitiver Kreativität sich nicht selten Pathologisches verberge: Bei Meyer vermutete er eine inzestuöse Beziehung mit der Schwester, bei Hoffmann ein gestörtes Verhältnis zum Vater.

Wenn Freud zudem die wissenschaftliche Arbeit als einzigen Weg ansah, "der zur Kenntnis der Realität außer uns führen kann," so offenbarte er nach Michael Rohrwasser auch eine gehörige Portion Rivalität: "Der Dichter, dem das Korrektiv des Wissenschaftlers fehlt, ist der gewissenlosere Konkurrent, dem alles in den Schoß fällt: die Liebe der Frauen und die Gunst der Masse."

Der Bundesgenosse Dichter leiste eben nicht das gleiche wie der Arzt, dem Freud stattdessen andere Potentiale zuschrieb, wie Rohrwasser in seiner sorgfältigen Studie überzeugend zusammenfaßt: Freud inszenierte sich - und damit auch den Berufsstand des Psychoanalytikers - in den Rollen des Entzifferers, des Übersetzers und des Archäologen - und nicht zuletzt in der Rolle des Detektivs.

Rohrwasser outet Freud als heimlichen Anhänger des Krimiautors und Arztes Sir Arthur Conan Doyle, dessen Sherlock-Holmes-Storys demselben Muster folgen wie die Psychoanalyse: "In ihnen wird das Gespenstische, Bedrohliche, Unheimliche beschworen und am Ende durch die Ratio ausgetrieben."

Michael Rohrwasser: Freuds Lektüren. Von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Psychosozial-Verlag. Gießen 2005. 405 Seiten. 38 Euro. ISBN 3898060942.

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