"Jede Stadt hat ihr Treppengesicht"

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KONSTEIN (dpa). Eine Treppe ist die Verbindung von zwei Ebenen mittels Stufen. Wenn Friedrich Mielke darüber spricht, schwingt Enthusiasmus und Faszination mit. "Treppenmessen und französischer Wein - es gibt nichts Besseres", schwärmt der 86-Jährige von den siebziger Jahren. Damals, als er mit seiner Frau im Wohnwagen durch Europa reiste - und Treppen vermass.

Von Frederik Obermaier

Scalalogie am Beispiel vorgeführt: Friedrich Mielke vor seinen Treppenmodellen.

Scalalogie am Beispiel vorgeführt: Friedrich Mielke vor seinen Treppenmodellen.

© Foto: dpa

Zwar fällt Friedrich Mielke das Treppensteigen seit einer Beinamputation im Zweiten Weltkrieg während des Russlandfeldzugs schwer, seiner Begeisterung hat dies jedoch keinen Abbruch getan. Er gründete 1951 sogar eine eigene Wissenschaft der Treppen: die Scalalogie.

Hergeleitet aus "scala", dem lateinischen Wort für Treppe, hat Mielke die Scalalogie als die "Wissenschaft von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Treppe, von Fuß und Stein" definiert. Denn die reine Architektur interessiert ihn weniger. Mielke erschließt sich über Treppen die ganze Welt: "Schließlich kann niemand eine Treppe steigen, ohne die Stufen zu berühren."

Mielke sammelt im oberbayerischen Konstein, einem verschlafenen Ort im Altmühltal, Baupläne, Fotografien und Modelle von Treppen aus der ganzen Welt. Über 10 000 sind es. Seine "Arbeitsstelle für Treppenforschung" beherberge die "weltweit größte Literatursammlung zur Treppenkunde", verkündet der emeritierte Professor für Denkmalpflege stolz. Aus den Daten und Aufrissen liest Mielke wie aus einem offenen Buch. Oft reiche ihm ein Foto und er könne sagen, in welcher Stadt die Treppe steht, sagt er. "Schließlich hat jede Stadt ihr eigenes Treppengesicht." Die Treppen im barocken Eichstätt erkenne man etwa am "steigenden Besteck", einer Spezialität des ehemaligen Hofbaudirektors Gabriel de Gabrieli. In seinen Bauten wird der Abstand zwischen Stufen und Handlauf größer, je höher man die Treppen nach oben steigt. "Das habe ich nirgendwo sonst in der Welt jemals gesehen", sagt Mielke.

Aus den Maßen und Materialien einer Treppe schließt der 86-Jährige auch auf ihre früheren Eigentümer. So habe ein Fürstbischof nur steinerne Treppen und flache Stufen. "Er kann es sich leisten", erklärt Mielke. "Wenn ein Bürger begütert ist, nimmt er Eiche. Wenn er weniger begütert ist, musste er Fichte nehmen." Denn Eiche ist teuer und schwer zu bearbeiten. Eine Treppe ist für Mielke wie eine Ouvertüre, "sie ist der Indikator für das Wesen des Hauses".

Fünf Ziffern allerdings machen es Mielke schwer, auch aus neueren Treppen so viel herauszulesen. Eins-Acht-Null-Sechs-Fünf - die DIN-Norm für Treppen und die entsprechende internationale ISO-Norm - haben die Vielfalt der Treppen zum Einheitsbrei gemacht.

Seither sind die Treppen von Sydney bis Singapur, von Moskau bis Maui fast baugleich. "Mittlerweile gibt es keine ortsbezogenen Treppen mehr", bedauert Mielke. Und moderne Architekten behandelten die Treppen oft stiefmütterlich. "Sie verkommen zu einem Transportobjekt", sagt Mielke. "Wirklich begeisterungsfähige Treppen" gebe es nur wenige.

Mielke beklagt einen regelrechten Kulturverfall. "Die Treppen sind in Vergessenheit geraten und es ist mir nicht gelungen, sie wieder an erste Stelle zu rücken", sagt er selbstkritisch. Im selben melancholischen Tonfall spricht der weißhaarige Mann von der Zukunft seiner Wissenschaft. Einen Nachfolger für sein Lebenswerk hat er nicht. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg hat angekündigt, seinen Nachlass zu übernehmen.

Weitere Infos zum Thema im Internet unter www.scalalogie.de/

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