Sonderausstellung

Sauerbruch – ein Arzt mit vielen Facetten

Er war bereits zu Lebzeiten ein berühmter Arzt. Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité versucht, die vielen Facetten im Leben und Wirken von Ferdinand Sauerbruch zu fassen.

Von Angela Mißlbeck Veröffentlicht: 23.08.2019, 16:50 Uhr
Der legendäre Chirurg Professor Ferdinand Sauerbruch bei einer Operation. Ullstein Bild / dpa

Der legendäre Chirurg Professor Ferdinand Sauerbruch bei einer Operation. © Ullstein Bild / dpa

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Berlin. Selten ist das Wirken eines Arztes so eng mit der allgemeinen Zeitgeschichte verknüpft wie im Fall von Ferdinand Sauerbruch. Er schickte Hitler einen Assistenten, als der sich beim gescheiterten Putschversuch 1923 den Arm verletzt hatte und operierte den schwer verletzten Attentäter des SPD-Ministerpräsidenten Kurt Eisners, Anton Graf von Arco auf Valley. Er versorgte aber auch den sozialdemokratischen Innenminister Erhard Auer und nahm als einer von wenigen 1935 am Trauerzug für den jüdischen Künstler Max Liebermann teil, der ihn porträtiert hatte.

Auch dem von den Nazis verfolgten Kollegen Rudolf Nissen blieb er zeitlebens freundschaftlich verbunden. Und dennoch wusste er als Generalarzt und Forschungsgutachter von verbrecherischen Menschenversuchen während des Nationalsozialismus und sprach sich nicht dagegen aus.

Uneindeutige Haltung

Er rief 1933 dazu auf, Hitler und den Nationalsozialismus zu unterstützen, wurde aber nicht Parteimitglied der NSDAP. Die Entnazifizierungskommission bescheinigte ihm 1949 eine zurückhaltende Einstellung zum Nationalsozialismus. Er sei ein „schwankender, differenzierender Bejaher“, meint der Historiker Udo Benzenhöfer.

Unter dem treffenden Titel „Auf Messers Schneide“ hinterfragt die Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum (BMM) die Zeichnung der Figur Sauerbruch in der ARD-Serie „Charité“. Über die Jahre 1943 bis 1945 hinaus nimmt sie Sauerbruch in seinem politischen, beruflichen und privaten Leben in den Blick und folgt seiner Biografie. Sie zeigt steil nach oben.

Die Chirurgie ist die älteste Form des Arzttums.

Professor Ferdinand Sauerbruch

Sauerbruchs Vater starb früh, die Mutter lebt mit den Kindern bei ihren Eltern in ärmlichen Verhältnissen. Dort hilft Sauerbruch in der Schusterwerkstatt des Großvaters mit, wo ihm beinahe eine Erfindung gelingt, wie die Ausstellung schildert.

Der Wunsch, Arzt zu werden, keimt früh in ihm. Doch er scheitert zunächst am Examen für Griechisch und Latein. Erst auf den zweiten Anlauf kommt er durch, wie er selbst in einem Filmdokument von 1943 berichtet. Dort sagt er auch: „Die Chirurgie ist die älteste Form des Arzttums.“ Zu ihren Fortschritten hat Sauerbruch wesentlich beigetragen, unter anderem mit der Konstruktion von aktiv beweglichen Armprothesen, aber auch auf dem Gebiet der Thoraxchirurgie.

Die Ausstellung zeigt eine Fülle von Armprothesen, Rippenscheren und anderen Entwicklungen Sauerbruchs. Auch eine von ihm in Breslau entworfene Unterdruckkammer hat das Museum in voller Größe nachgebaut. Der anhand von Originaldokumenten aus dem Jahr 1904 dargestellte Chirurgenstreit zwischen den Verfechtern des Unterdruckprinzips und denen der Überdrucktheorie verführt zum Schmunzeln.

Die Ausstellung ist bis zum 2. Februar 2020 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen.

Die erste Professur trat Sauerbruch 1908 in Marburg an. 1918 wurde er nach München berufen und ließ dort zunächst die chirurgische Klinik komplett modernisieren. Genauso verfuhr er zehn Jahre später nach dem Ruf an die Berliner Charité. Das brachte ihm den Spitznamen „Mauerbruch“ ein, wie BMM-Direktor und Ausstellungskurator Professor Thomas Schnalke berichtet. „Der OP-Saal war für ihn der zentrale Ort des Wirkens. Dort war er sehr autoritär und legte Führermentalität an den Tag“, sagt Schnalke. Auch vom Acht-Stunden-Tag hielt er laut Schnalke nicht viel.

Auch historische Prothesen sind in der Ausstellung zu sehen.

Auch historische Prothesen sind in der Ausstellung zu sehen.

© Monika Skolimowska / dpa / picture alliance

Halbgott in Weiß

Sauerbruchs Karriere war 1945 noch nicht vorbei. Selbst die Emeritierung 1949 hielt ihn nicht davon ab, weiterhin Patienten zu behandeln, obwohl ihm aufgrund einer Zerebral-Sklerose immer mehr Operationsfehler unterliefen, wie Schnalke berichtet. „Die Ausstellung ist auch ein Angebot zum Dialog über die Gegenwart. Denn die weitgefächerten Facetten der Sauerbruchschen Persönlichkeit bieten in ihrer spannungsreichen Ambivalenz die ideale Grundlage für eine Diskussion darüber, was ein Leben für Medizin und Wissenschaft in Verantwortung bis heute ausmacht“, so Schnalke weiter. Das Bild des ärztlichen Halbgottes in Weiß jedenfalls ist bis heute maßgeblich von Sauerbruchs Persönlichkeit geprägt.

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