Schule

Taliban-Terror treibt Mädchen aus den Schulen

KABUL (dpa). Als die Afghanen Anfang 2004 feierlich ihre neue Verfassung verabschiedeten, bedeutete das auch im Bildungsbereich einen enormen Fortschritt für das kriegszerstörte Land: weg vom Regime der Taliban, wo Mädchen jeglicher Schulbesuch untersagt war, hin zu einer menschlichen Gesellschaftsordnung. Doch immer mehr Mädchenschulen schließen wieder.

Veröffentlicht: 12.07.2006, 08:00 Uhr

Viereinhalb Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes zieht die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch eine alarmierende Bilanz. Die meisten Mädchen in Afghanistan gingen nicht zur Schule, heißt es in der Studie "Terrorlektionen: Angriffe auf Bildung in Afghanistan". In knapp einem Drittel der Distrikte gebe es keine Mädchenschule mehr.

94 Angriffe oder Angriffsversuche auf Lehrer, Schüler und Schulen registrierte Human Rights Watch im vergangenen Jahr. Allein in der ersten Hälfte diesen Jahres waren es bereits 110. Dabei werden viele Vorfälle nicht einmal bekannt.

Ernüchtert stellte der afghanische Präsident Hamid Karsai zum Internationalen Frauentag am 8. März diesen Jahres fest: "Aus Angst vor Terrorismus, aus Angst vor den Feinden Afghanistans gehen heute 100 000 afghanische Kinder, die im letzten und vorletzten Jahr Schulen besucht haben, nicht mehr zur Schule."

Er appellierte an seine Landsleute, den Rebellen die Stirn zu bieten. "Wenn sie eine Million Mal bedroht werden, dann schickt Eure Kinder eine Million Mal zurück zur Schule", forderte Karsai. "Wenn Schulen eine Million Mal angezündet werden, dann baut sie eine Million Mal wieder auf, damit diese Nation frei von Angst und Horror sein kann."

Den Rebellen scheinen Karsais Worte vom März eher Ansporn denn Abschreckung gewesen zu sein. Im April verzeichnete Human Rights Watch so viele Angriffe auf Schulen wie in keinem anderen der untersuchten Monate. Die Gewalt hat seit dem Frühjahr dramatisch zugenommen, die Sicherheitslage ist so schlecht wie nie seit dem Sturz der Taliban.

Human Rights Watch spricht von einer "Menschenrechtskrise" in dem Land, das immer noch zu den ärmsten der Welt zählt - und in dem 86 Prozent der Frauen weder lesen noch schreiben können.

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