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"Wie heißen Sie? Auguste. Wie heißt Ihr Mann? Ich glaube Auguste..."

Von Klaus Brath Veröffentlicht:

Die Erforschung von Krankheiten ist oft langwierig, mühsam und verläuft in Sprüngen. An kaum einer anderen Krankheit zeigt sich dies so deutlich wie an der Alzheimer-Krankheit. Heute jährt sich ihre wissenschaftliche Erstbeschreibung zum 100. Mal.

Als Alois Alzheimer am 3. November 1906 auf der 37. Versammlung der südwestdeutschen Irrenärzte in Tübingen "über einen eigenartigen, schweren Erkrankungsprozeß der Hirnrinde" der 56jährig gestorbenen Auguste Deter berichtete, erahnten die anwesenden Fachspezialisten die historische Dimension seines Vortrags nicht einmal ansatzweise: Daß nämlich ein Jahrhundert später allein in Deutschland bis zu einer Million Menschen an dieser Krankheit leiden würden. Und daß Alzheimers organischem Befund einmal der Rang einer Jahrhundert-Entdeckung zukommen würde.

Nicht einer der Anwesenden stellte eine Frage, es gab keine Diskussion. Und obwohl bereits 1910 Alzheimers Chef Emil Kraepelin in seinem international einflußreichen Lehrbuch der diffusen präsenilen Hirnatrophie den Namen "Alzheimersche Erkrankung" gab, blieb die Krankheit zunächst weitgehend unbeachtet. Auch in den meisten Nachrufen nach Alzheimers Tod 1915 blieb sie unerwähnt.

Erst seit den 1980er Jahren wurde Morbus Alzheimer in seiner epidemiologischen Dimension international voll erkannt; die Forschungsbemühungen stiegen explosionsartig an. Heute zählt Alzheimers Veröffentlichung seines Tübinger Vortrags zu den meistzitierten medizinischen Publikationen. Und der Name Alzheimer ist weltweit bekannter als Goethe, Beethoven oder Beckenbauer - die Suchmaschine Google bezeugt es.

Auch Alois Alzheimer selbst konnte von dieser Entwicklung natürlich keinen blassen Schimmer haben. Der 1864 in Marktbreit in Bayern geborene Psychiater und Neuropathologe arbeitete seit 1888 in der "Anstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt/Main, wo er 1901 die damals 51jährige Auguste Deter untersuchte. Die von ihm erstellte Krankenakte wurde 1995 von Professor Konrad Maurer in Frankfurt wiedergefunden. Alzheimers Dokumentation des fortgeschrittenen Gedächtnis- und Persönlichkeitsverlusts berührt einen noch heute:

"Sitzt im Bett mit rathlosem Gesichtsausdruck.

Wie heißen Sie? Auguste.

Familiennamen? Auguste.

Wie heißt ihr Mann? Ich glaube Auguste..."

1903 übersiedelte Alzheimer mit Kraepelin nach München, wo er das anatomische Laboratorium der Psychiatrischen Universitätsklinik leitete. Als er im April 1906 vom Tod seiner Frankfurter Patientin erfuhr, ließ er sich sowohl die Krankenakte als auch das Gehirn nach München kommen.

Beim Mikroskopieren des atrophischen Gehirns erkannte Alzheimer erstmals seltsame Neurofibrillen in den Nervenzellen und Proteinklumpen in der gesamten Hirnrinde, heute als senile Plaques bezeichnet.

Die von Alzheimer in seinem denkwürdigen Vortrag und späteren Zeitschriftenveröffentlichungen beschriebenen organischen Veränderungen sind inzwischen auf molekularer Ebene intensiv erforscht. Doch trotz verbesserter Diagnostik und Medikamenten, die den Krankheitsprozeß verlangsamen können - eine kausale Therapie der für Betroffene, Angehörige und Gesellschaft so gravierenden Krankheit ist noch nicht in Sicht.

Im Gegenteil, die demographische Entwicklung verheißt ein düsteres Bild, die Alzheimer-Demenz steht stellvertretend für Fluch und Segen des medizinischen Fortschritts: Da immer mehr Menschen immer älter werden und hohes Alter ein Hauptrisikofaktor der Krankheit ist, rechnet etwa die Hirnliga e. V., die Vereinigung der deutschen Alzheimer-Forscher, damit, daß sich die Zahl der Alzheimer-Kranken alle 20 Jahre verdoppeln wird.

100 Jahre nach der Erstbeschreibung zählt die Krankheit, die in den letzten Jahren zunehmend in Belletristik und Erfahrungsliteratur gewürdigt wird, demnach zu den großen medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft.

Denn die Auswirkungen der von vielen Betroffenen, Angehörigen und Politikern allzu oft tabuierten Krankheit sind verheerend. Wie charakterisierte doch die erste Alzheimer-Patientin in einem lichten Moment ihr Leiden: "Ich habe mich sozusagen selbst verloren."



Veranstaltungen und Bücher zum Jubiläum

Wissenschaftliches Symposium "Altern und Alzheimer - die vielseitige Herausforderung". Noch bis zum 5. November tagen Alzheimer-Forscher aus der ganzen Welt am historischen Ort in Tübingen.

Weitere Infos: Universitätsklinikum Tübingen, Professor Mathias Jucker, Telefon: 070 71 / 29-819 47 Internet: www.alz100.de

Ausstellungen "Wie aus Wolken Spiegeleier werden - Alzheimer und Kunst". Bilder des Alzheimer-Kranken Carolus Horn. Bis zum 8. November in der Eingangshalle des Kreishauses in Northeim.

Die Fotografin Claudia Thoelen präsentiert die Ausstellungen "Alzheimer - Eine andere Welt?" sowie "Blaue Tage und graue Tage - Porträts von Demenzkranken und ihren Angehörigen" in Potsdam, Mülheim/Ruhr, Münster und Berlin.

Weitere Veranstaltungen unter www.deutsche-alzheimer.de/

Neue Bücher Klara Obermüller (Hrsg.): "Es schneit in meinem Kopf. Erzählungen über Alzheimer und Demenz." Nagel & Kimche, Zürich. 172 Seiten. 17,90 Euro. ISBN: 3-312-00381-4

Uta van Deun: "Alzheimer - Der lange Weg des Abschiednehmens. Tagebuch einer großen Liebe." Herder, Freiburg. 123 Seiten. 22,80 Euro. ISBN: 3-451-05726-3

Kalender, Bildband "Demenz Art. Kunst von Menschen mit Demenz. 2007." Ein Kalender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. sowie der werkstatt demenz e.V. 12 Euro.

"Blaue Tage und graue Tage." Fotografien von Claudia Thoelen. Deutsche Alzheimer Gesellschaft (Hrsg.) 71 Seiten. 15 Euro.

Beides kann bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Berlin bestellt werden. Telefon: 030 / 59 37 95 0, E-Mail: info@deutsche-alzheimer.de (kbr)

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