Chronisch Kranke

Viele Daten, keine Taten

Unzählige Daten werden im Gesundheitswesen gesammelt. Sie werden jedoch nicht genutzt, um Versorgung tatsächlich zu steuern und dadurch zu verbessern, bemängeln Experten auf dem 51. Diabetes-Kongress.

Veröffentlicht: 10.05.2016, 06:45 Uhr
Nicht nur für Diabetes-Erkrankungen gilt: Es werden bereits eine Menge an Daten - etwa durch DMP - erhoben. Doch diese liegen meist unstrukturiert und an getrennten Stellen vor.

Nicht nur für Diabetes-Erkrankungen gilt: Es werden bereits eine Menge an Daten - etwa durch DMP - erhoben. Doch diese liegen meist unstrukturiert und an getrennten Stellen vor.

© putilov_denis / fotolia.com

BERLIN. "Der Widerstand gegen die elektronische Gesundheitskarte ist nicht mehr tolerierbar", sagt Hedwig Françoise-Kettner. Oft müssten sich Patienten mehrfachen Anamnesen unterziehen, weil einzelne Ärzte "eben nur das für sich herausholen, was für sie interessant ist".

"Das ist eine Gefahr für die Patienten", ärgerte sich die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) auf einer Podiumsdiskussion bei der 51. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin.

Rund sechs Millionen Menschen leiden an einem Diabetes. Jedes Jahr kommen weitere 300.000 hinzu. Und weitere rund zwei Millionen Menschen, so schätzen die Experten, sind längst erkrankt, nur noch nicht diagnostiziert. Die Betroffenen künftig gut zu versorgen, ist eine enorme Herausforderung.

Auch ein Problem von EBM und DRG

Wie viele Hürden noch auf dem Weg liegen, machten die Experten in der Diskussion deutlich. Diabetes wird demnach nach wie vor als "ein bissel Zucker" abgetan und von vielen Seiten unterschätzt. Anders als bei Rheuma oder HIV organisieren sich die Patienten nicht.

Nur 25.000 von ihnen gehören entsprechenden Organisationen an. Ärzte wiederum definieren die Hochleistungsmedizin häufig über die Technik und erkennen nicht, wie komplex ein Diabetes ist.

Die Arbeit an den Schnittstellen zwischen ambulant und stationär wird zwar vielfach gefordert, in der Praxis aber ist sie kaum abrechenbar. Und angesichts der demografischen Entwicklung fehlen zunehmend die Haus- und Fachärzte für eine strukturierte Behandlung.

Das Gesundheitswesen strotzt vor Daten. Sie werden jedoch zu wenig genutzt, um Entwicklungen strukturell voranzubringen. Taten aber sind, so die Experten, dringend notwendig, um auch in Zukunft gut behandeln zu können.

Françoise-Kettner plädierte für mehr Transparenz, beispielsweise in der Form eines Diagnose-übergreifenden Registers, für eine "Sicherheitskultur" und für eine multiprofessionelle Vernetzung aller Gesundheitsberufe. "Dazu brauchen wir einen Moderator", sagte sie.

Versorgungskette notwendig

Baptist Gallwitz, Professor am Uniklinikum Tübingen und DDG-Präsident, verwies auf die Idee einer sektorenübergreifenden Versorgungskette, die vom Hausarzt ausgeht und Fachärzte, Kliniken und die Versorgung zuhause umfasst. "Kein Mensch macht sich Gedanken, wie das praktisch umzusetzen ist", klagte Gallwitz.

Es fehlt also einer, der durch die Datenflut führt und strukturelle Verbesserungen umsetzt. Professor Jürgen Pauletzki vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz (IQTiG) sieht die Fachgesellschaften in der Pflicht: "Sie müssen die Prozesse definieren. Wir werden das nicht von außen aufoktroyieren".

Die größte Gefahr sei, so Pauletzki, dass aus all den Daten nichts gelernt werde.

Beispielsweise laufen seit 2004 die Disease Management Programme (DMP). Da deren Daten nicht transparent seien, habe dies bislang nicht zu grundlegenden Veränderungen geführt.

Mit Blick auf den Innovationsfonds kündigte Pauletzki an, sektorenübergreifende Versorgungsformen, die sich bewährt haben, künftig in der Regelversorgung verankern zu wollen. (wer)

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