E-Health

Digitalisierung beschleunigen – das geht nur miteinander

Im Gesundheitswesen wird viel über Digitalisierung geredet, die Umsetzung ist zäh und die bei der Entwicklung hinkt Deutschland hinterher. Auf dem MSD-Gesundheitsforum diskutierten Experten, wo es hakt und was zu tun ist.

Von Anke ThomasAnke Thomas Veröffentlicht:

HAAR. Mit Digitalisierung kann die medizinische Versorgung verbessert werden. Darin waren sich Experten auf dem 8. MSD-Gesundheitsforum in Haar einig. Warum alles so zögerlich verläuft, dazu hatten Vertreter der Ärzteschaft, Krankenkassen, Unternehmen sowie Wissenschaft unterschiedliche Erklärungen.

Eulen nach Athen tragen muss man bei Matthias Leu, Geschäftsführer der CompuGroup naturgemäß nicht. Er wies auf dem Forum auf eine Studie hin, nach der dank des Einsatzes von E-Health 39 Milliarden Euro im Gesundheitswesen eingespart werden könnten.

Wenn die Telematikinfrastruktur bundesweit aufgebaut sei, sei ein wichtiges Fundament für eine positive weitere Entwicklung gelegt. Für den schleppenden Gang machte Leu auch die Gematik verantwortlich, in der viel Zeit mit (Macht-)Diskussionen verschwendet worden sei.

Gesunde verstopfen Praxen

Für Christian Baudis, My Digital, ist es nicht nachvollziehbar, dass die Digitalisierung nicht funktioniert. Eigentlich sei alles doch ganz einfach. Ärzte sollten sich auf die wirklich Kranken konzentrieren können. 80 Prozent der Patienten seien nicht wirklich krank und würden die Praxen verstopfen.

Die sei ineffizient. Niemand müsse sich auch beklagen, wenn Riesen wie Apple, Google oder Amazon das Heft in Hand nehmen und Patienten Angebote unterbreiten, die diese in diesem System nicht finden.

Und eigentlich wundert sich Baudis sowieso: Wo bleibt in Deutschland eigentlich der Patient? In Dänemark habe man, nachdem Patienten Terminbuchungen und den Online-Austausch von Befundungen gefordert hätten, sich dort innerhalb von sechs Jahren vernetzt.

Ganz so einfach sieht es Dr. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer, nicht. Ein Patient geht zum Arzt, weil er gesundheitliches Problem, hat, so Kaplan, auch wenn es möglicherweise kein schwerwiegendes sei.

Aber auch die Psyche im Menschen spiele eben eine große Rolle. Um zu entscheiden, wann ein Patient in die Praxis oder aber in eine Klinik muss, wies Kaplan auf mögliche, digitale Unterstützung bei einer Triage hin.

Der Erstkontakt eines Patienten könne dabei über neue Medien laufen, alles andere müsse aber der Arzt entscheiden. Die Ärzte hätten im Übrigen bereits einen Lösungsansatz bei der Notfallversorgung geschaffen.

Wenn sich ein Patient akut krank fühle, würde per Triage zum Beispiel in einem vorgeschalteten Zentrum entschieden: Kann noch abgewartet werden? Ist ein Hausbesuch erforderlich? Ist die Bereitschaftspraxis für den Patienten richtig? Oder muss er doch gleich in die Notfallaufnahme? In Bayern seien bereits entsprechende Strukturen geschaffen worden, die zeigten: So funktioniert es.

Arzt-Patienten-Beziehung hat hohe Wertigkeit

Bezüglich der Digitalisierung könnte sich die Ärzteschaft durchaus noch etwas bewegen, räumte der BÄK-Vizepräsident ein. Dass Ärzte aber zu Vorsicht mahnten, sei nicht aus einem Selbstzweck entstanden.

Für Ärzte habe die persönliche, oft über Jahrzehnte gewachsene Arzt-Patienten-Beziehung eine besondere Wertigkeit. Algorithmen oder digitale Standards dürften nicht in eine verwaltungstechnische Entwicklung führen, mahnte Kaplan an: "Unsere Patienten sind Patienten und keine Kunden. Wir sehen uns als Anwälte unserer Patienten und sprechen auch kritische Punkte an."

Hier wies Kaplan auch auf den Datenschutz hin. Patienten machten locker mal irgendwo ein Kreuzchen, ohne zu reflektieren, was das eigentlich heißt. An sich könne die Versorgung aber – vor allen Dingen durch die Vernetzung – verbessert werden. Herr der Daten müsse aber der Patient bleiben, so Kaplan.

Dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen ein zähes Stück Arbeit ist, bestätigte auch Joachim Henkel, Leiter Integratives Leistungsmanagement bei der AOK Hessen. Vieles laufe noch über Papier.

Allein, dass Kunden zum Beispiel Fragen zur Familienversicherung online über ein Portal selbst eingeben könnten, werfe viele Fragen auf: Ist das wirklich der Kunde, der die Daten eingibt und wie authentifiziert er sich?

Verstanden hätten die Kassen, dass Versorgung kein wirkliches Wettbewerbsthema sei. Wenn man etwas auf die Beine stellen wolle bzw. sich auch gegen Amazon, Google & Co erfolgreich wehren wolle, dann nur gemeinsam. Die Akteure, so Henkel, denken immer noch stark in Problemen und nicht in Lösungen.

Unmengen an ungenutzten Daten

"Wir haben eine Unmenge an Daten" so Dr. Jutta Wendel-Schrief, Direktor Market Access bei MSD. Die Daten seien aber oft nicht verwendbar oder würden nicht weitergeben. Außerhalb klinischer Studien sei es sehr schwierig, an Daten zu kommen.

Schon alleine die Frage: "Was ist eigentlich eine Standardtherapie?" könne oft nicht beantwortet werden. Selbst der Gemeinsame Bundesausschuss tue sich mitunter schwer, Datenquellen zu finden. Um gewisse Fragestellungen beantworten zu können, forderte Wendel-Schrief den Aufbau eines gemeinsamen Datenpools.

Regionale Projekte, so die Erfahrung von MSD, das seit einigen Jahren innovative Versorgungsmodelle mit dem MSD-Gesundheitspreis auszeichnet, funktionierten oft sehr gut.

Das, so Wendel-Schrief, liege daran, dass sich die Beteiligten (Kasse, KV, Schwestern, Pfleger etc.) oft persönlich kennen würden. Sobald dann solch ein erfolgreiches Projekt bundesweit ausgerollt werden sollte, mache das föderale System der guten Idee einen Strich durch die Rechnung.

Jeder habe andere Hürden, die zu überwinden seien. Ganz wichtig sei in jedem Fall, dass dem Patienten künftig eine wichtigere Rolle zukomme. "Wir müssen das Ganze mehr um Patienten herum organisieren!", so Wendel-Schrief.

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