Anlagen-Kolumne

Springt die private Realwirtschaft nachhaltig an?

Die Aktienmärkte haben sich zuletzt deutlich erholt. Der Optimismus der Anleger ist gestiegen. Damit könnte die Zeit für eine Neuorientierung gekommen sein.

Von Jens Ehrhardt Veröffentlicht:

Unverändert gut ist die monetäre Situation. In Deutschland beispielsweise wächst derzeit die Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen) mit einer Jahresrate von rund 19 Prozent. Geld wird in einer Volkswirtschaft einerseits benötigt, um den Handel von Waren und Dienstleistungen zu gewährleisten, andererseits für die Finanzmärkte. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass die deutsche Wirtschaftsleistung um rund fünf Prozent unter der des Vorjahres liegt (bei null Prozent Inflation), steht für die Finanzmärkte eine "Überschussliquidität" von rund 24 Prozent zur Verfügung. Selten in der Wirtschaftsgeschichte gab es eine ähnlich hohe Überschussliquidität, die potenziell für Aktien- und Anleihenkäufe zur Verfügung steht.

Gespalten ist die Lage im Bereich der Markttechnik. Erste Anzeichen kurzfristiger Überhitzungserscheinungen sind durchaus zu erkennen.Der Optimismus unter Anlegern ist zuletzt wieder gestiegen, was auf eine Gegenreaktion der Aktienmärkte hindeuten könnte. Vergleicht man die Stimmung jedoch mit Situationen, in denen die Aktienmärkte ähnlich gestiegen sind, erscheint die Euphorie noch angemessen.

In diesem teils widersprüchlichen Umfeld dürfte die entscheidende Frage lauten, ob die private Realwirtschaft nachhaltig anspringt. Die Industriestaaten setzten vor allem darauf, die Kreditwirtschaft anzuheizen. Doch selbst wenn es gelänge, Banken zu mehr Kreditvergaben und Konsumenten und Firmen zu verstärkten Kreditaufnahmen zu motivieren, wäre dadurch keinesfalls ein nachhaltiges Wiederanspringen der Konjunktur gesichert.

Hintergrund ist, dass aufgrund der immensen Altschulden der Industrienationen zusätzliche Kreditaufnahmen immer schwächer wirken. Eine langfristige Studie für die USA beispielsweise zeigt, dass in den 50er Jahren aus einem Dollar zusätzlicher Schulden 73 Cent Wachstum generiert wurden. Diese Relation hat sich in der Folge kontinuierlich verschlechtert. In der Phase 2000 bis 2008 resultierten aus einem Dollar zusätzlicher Schulden gerade einmal noch 17 Cent Wirtschaftswachstum. Zusätzliche Schulden scheinen also zunehmend zum "Tropfen auf den heißen Stein" zu verkümmern.

Bei dem derzeitigen Mix aus widersprüchlichen Entscheidungsfaktoren erscheint eine selektive Anlagepolitik weiterhin ratsam. Schwerpunkte sollten in dividendenstarken Titeln und Werten aus fundamental gesünderen asiatischen Schwellenländern gesetzt werden.

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