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Porträt

Traumberuf Arzt: Für die Weiterbildung von Aleppo nach Osnabrück

Wenn sie den weißen Arztkittel tragen, sind die Zwillinge Yachar und Yaman Shehabi kaum auseinanderzuhalten. Deshalb versorgen sie Patienten immer nur im Doppelpack. Doch das war und ist längst nicht ihre einzige Herausforderung in der Weiterbildung.

Christian BenekerVon Christian Beneker Veröffentlicht:
Zwillingsbrüder Yaman und  Yachar Shehabi zusammen mit Chefarzt Dr. Ayhan Berber.

Die Zwillingsbrüder Yaman (links) und Yachar Shehabi (rechts) zusammen mit Chefarzt Dr. Ayhan Berber (Mitte).

© privat

Yachar und Yaman Shehabi, beide 39 Jahre alt, beide gebürtig aus Aleppo in Syrien, beide Ärzte waren bis vor Kurzem Ärzte in Weiterbildung am Klinikum Osnabrück – und sie gleichen einander, wie ein Ei dem anderen. Erst recht, wenn sie den weißen Arztkittel tragen. Wie das Klischee es will, machen die beiden angehenden Ärzte tatsächlich das meiste gemeinsam. „Denn wir waren ja immer zusammen, Leidenschaft und Talent für die Medizin verbinden uns seit jeher“, sagt Yachar.

Sogar die Entscheidung, die Medizin zunächst einer Familiengründung vorzuziehen, trafen sie gleichzeitig. Sie leben heute in einer gemeinsamen WG unweit des Klinikums. „Wir waren in Deutschland allein, wir hatten ja nur uns“, sagen sie.

Bis hierhin, von Aleppo nach Osnabrück, war ein weiter Weg, lehrreich und manchmal steinig. Nicht nur was die Sprache und Kultur in Deutschland angeht, sondern auch was das Verständnis dessen angeht, was ein Arzt sei.

Vor Osnabrück kamen einige Zwischenstationen

Die beiden haben ihr Studium in Jordanien und Syrien absolviert, insgesamt 10 Jahre lang, inklusive PJ, wie sie berichten. Danach wollten sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten ihre Weiterbildungszeit verbringen. „Das hat sich aber als problematisch herausgestellt“, sagt Yaman, „denn dort suchten sie erfahrene Mediziner, die auf jede Krise reagieren können, aber keine Ärzte in Weiterbildung.“

Also entschieden sie sich für Deutschland, auch wegen der weltweit als sehr gut bekannten Medizin, wie sie sagen. Bis heute waren sie Reisende in Sachen Weiterbildung. Sie verbrachten lange Jahre an der Uniklinik des Saarlandes, in Erfurt, in Herdecke und Lünen, am Schluss im St. Willibrord-Spital in Emmerich, bevor sie schließlich in Osnabrück landeten.

„Wir hatten viel zu lernen: Was sind die Regeln, was sind die Anforderungen?“ Offenbar haben die beiden jungen Assistenten in der Pneumologie die Chance ihres Lebens gesehen und ergriffen – und sie verfolgten sie nun beharrlich.

Yachar und Yaman Shehabi blicken dabei durchaus selbstkritisch auf ihre ersten Jahre in Deutschland zurück. Allein die Sprache. Sie gut genug zu erlernen, um die Patienten ganz genau zu verstehen, habe sehr lange gedauert, sagt Yaman. „Wir haben allein zwei Jahre in den Sprachunterricht investiert.“

Der größte Unterschied: Das Verständnis über die Arztrolle

Und immer wieder fehlte ihnen auch medizinisches Wissen und wie man es in einem Ärzteteam anwendet, wie sie berichten. Denn dies dürfte einer der größten Unterschiede sein zwischen der syrischen und der deutschen Art, Medizin zu machen und ein Arzt zu sein: „Die Arztrolle, die wir kannten, war eine andere als hier in Deutschland“, erinnert sich Yachar.

„Wir haben uns manchmal so verhalten, als dürften wir über das Leben der Patienten entscheiden.“ Das sei an den Krankenhäusern, an denen sie gearbeitet haben, „gar nicht gut angekommen und hat zu Missverständnissen geführt. Aber das waren Fehler, aus denen wir gelernt haben. Und wir haben unser Verhalten korrigiert.“

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Die Begegnung mit Professor Michael Böhm von der Uniklinik des Saarlandes sei ein Wendepunkt gewesen. Denn dem Internisten sei es nicht nur um das Lernen und Studieren gegangen, sondern auch um das Kennenlernen der Arbeit und der Kollegen. So erlebten die beiden Weiterbildungsassistenten auch, was gute Teamarbeit ist, was ein kollegiales Verhältnis zur Pflege und ihrer Kompetenz bedeutet und wie wichtig es ist, auch die Pflege wertzuschätzen. Yaman: „Wir sind mit den Jahren reifer geworden. Die Fehler waren für uns eine Motivation.“

Allerdings hat auch die Medizin in Deutschland so ihre Probleme, haben die beiden festgestellt. „Wo man in Deutschland jahrelang ein Problem studiert, probiert man in Syrien einfach eine Lösung aus“, sagt Yachar.

„In Syrien erwarten die Patienten oft Unrealistisches, sie erwarten von ihren Ärzten fast alles.“

Yachar Shehabi

Deutsche Patienten sind besser informiert

Eine Umstellung bedeuteten auch die anderen Patientenansprüche in Deutschland. Im Vergleich zu syrischen Patienten, seien die deutschen weitaus realistischer und besser informiert. Auch erwarten sie weniger von ihren Ärzten. „In Syrien erwarten die Patienten oft Unrealistisches, sie erwarten von ihren Ärzten fast alles.“

Und die Patienten? Wie halten sie die beiden angehenden Pneumologen auseinander? „Oft gar nicht“, sagt Yachar. Dass die beiden – wie sollte es anders sein – in Osnabrück auf der gleichen Station arbeiten, könne bei den Patienten zu Missverständnissen führen. Sie können die Brüder nicht auseinanderhalten.

Praxisgründung nicht ausgeschlossen

Yachar und Yaman versorgen ihre Patienten immer zu zweit, damit ihre Patienten nicht in die Verlegenheit kommen, ihre behandelnden Ärzte zu verwechseln. Egal wer von beiden dann das Krankenzimmer betritt, es ist immer Herr Shehabi.

Bald ist die Facharztprüfung dran, was dann folgt, ist noch unklar. Vielleicht eine Praxisgründung? Vielleicht wieder zurück nach Syrien, trotz oder gerade wegen der Folgen des Bürgerkriegs?

„Anfangs wollten wir eventuell zurück“, sagt Yachar. „Andererseits haben wir jetzt in Deutschland ein funktionierendes Medizinsystem kennengelernt. Und es gibt viele deutsche Mediziner, die in uns und unsere Arbeit investiert haben. Da ist es schwer, einfach wieder weg zu gehen.

Yaman: „Aber, wer weiß, vielleicht kommt ja auch aus dem Ausland ein interessantes Angebot. Sag niemals nie.“

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