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Porträt

Von London nach Regensburg: Wie Patricia Schartau den ärztlichen Nachwuchs fördern möchte

Seit Herbst 2025 leitet Patricia Schartau das neu geschaffene Zentrum für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Regensburg. Im Gepäck: Zwei Jahrzehnte Erfahrungen aus England.

Von Von Michaela Schneider Veröffentlicht:
Patricia Schartau

Sprudelt vor Ideen: Professorin Patricia Schartau.

© UR/Julia Dragan

Sie will einen zentralen Anlaufpunkt in Ostbayern für die Nachwuchsförderung im hausärztlichen Bereich schaffen. Sie will ein international sichtbares Zentrum für innovative Präventions- und Versorgungsforschung etablieren. Und das ist längst nicht alles.

Professorin Patricia Schartau, die seit Herbst 2025 das neu geschaffene Zentrum für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Regensburg leitet, sprudelt vor Ideen rund um einen der faszinierendsten Berufe, wie sie selbst sagt: Medizinisch komplex und gleichzeitig sehr nah am Patienten sowie seinem sozialen Umfeld.

Dafür bringt die gebürtige Leverkusenerin außergewöhnliche Erfahrung mit: Ihre akademischen Stationen umfassen das University College London, das King‘s College London sowie die Universities of Oxford und Cambridge, sie arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte in Großbritannien.

Deutschland immer eng verbunden

Trotz der Distanz blieb Schartau Deutschland eng verbunden, besuchte Kongresse und verfolgte von der Insel aus die „beeindruckenden und spannenden Entwicklungen der akademischen Allgemeinmedizin in der Heimat“. Ausschlaggebend für die Entscheidung zugunsten Regensburgs sei neben privaten Gründen auch das starke medizinische Umfeld der Stadt gewesen, das den Nachwuchs und die Forschung aktiv fördere.

Und: Sie sei ein Naturmensch, erzählt die Nordrhein-Westfälin. Der Umzug aus der Metropole London in die Oberpfalz gehe für sie mit einer hohen Lebensqualität einher, auch wenn sie gelegentlich ihr früheres soziales und berufliches Netzwerk vermisse. „Man geht von einem in ein ganz neues Leben“, sagt sie.

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Später will sie wieder in einer Hausarztpraxis arbeiten

Patricia Schartau will sich erst einmal auf den Lehrstuhl konzentrieren, später aber wieder in einer Hausarztpraxis arbeiten. Zu tun gibt es derzeit viel. Im Fokus stehen der Aufbau der strukturellen Grundlagen für das neu gegründete Zentrum für Allgemeinmedizin und die Entwicklung eines starken, zukunftsfähigen Teams. Zudem soll die allgemeinmedizinische Lehre im Curriculum innovativ weiterentwickelt und stärker verankert werden.

Angeschlossen ist der Medizincampus Niederbayern, an dem im Wintersemester 2025/26 rund 50 weitere Studierende im Fach Allgemeinmedizin zur bestehenden Regensburger Doppelkohorte aus dem neunten und fünften Semester hinzukommen. Parallel werden das Lehrpraxennetzwerk ausgebaut, Promotionen und Habilitationen betreut, der Standort Regensburg in überregionale Forschungsstrukturen integriert und ein erstes Forschungsprojekt steht unmittelbar bevor.

Der Blick über den Kanal

Neben ihrer Professur in Primary Care and Population Health am University College London hatte Schartau zuletzt nationale Rollen in der Nachwuchsförderung in England inne und war Direktorin des Kompetenzzentrums für allgemeinmedizinische Weiterbildung und Wissenschaft in London. Als prägend benennt sie zudem ihre Tätigkeit in einer hausärztlichen Praxis im Zentrum der britischen Hauptstadt.

Denn was in Deutschland unter dem Schlagwort „Teampraxis“ erst seit Kurzem Fahrt aufnimmt, ist in Großbritannien längst etabliert. Schartau arbeitete in einer großen, interprofessionellen Gemeinschaftspraxis mit 18 Hausärztinnen und Hausärzten, die rund 24.000 Patienten versorgten, eng zusammen mit Physician Assistants, Apothekern, einer Sozialarbeiterin, einer Psychologin, einem Physiotherapeuten und weiteren Gesundheitsberufen.

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Schwerpunkt digitale Transformation

Sie habe erlebt, sagt sie, wie sich die Rolle der Hausärzte zunehmend von der alleinigen Versorgung hin zur koordinierenden und supervisierenden Rolle innerhalb des Teams entwickelte. Auch am Zentrum in Regensburg will Schartau die Primärversorgung neu denken und innovative, evidenzbasierte Ansätze entwickeln sowie die Effizienz und Behandlungsergebnisse verbessern, Patientenerfahrungen einbeziehen und Ungleichheiten verringern.

Neben der Prävention und Versorgung chronischer Erkrankungen hat sich die Professorin das Thema digitale Transformationen auf die Fahnen geschrieben und bringt Erfahrungen aus der weit fortgeschrittenen, verpflichtenden Digitalisierung in der britischen National Health Service (NHS) mit: „Unsere Hausarztpraxis war vollständig digitalisiert. Wir haben jedoch sichergestellt, dass analoge Versorgungspfade weiterhin zur Verfügung standen, um gesundheitliche Ungleichheiten nicht zu verstärken.“

Das hatte Vorteile, gleichzeitig weiß Schartau zu schätzen, dass in Deutschland Modellprojekte wie HÄPPI wissenschaftlich fundiert evaluiert und ethische Diskussionen in Ruhe geführt werden und zudem mit realistischen Vorbereitungszeiten gearbeitet werde.

Expertise im Bereich Forschungsinfrastruktur

Auch ihre Expertise in der Entwicklung von Forschungsinfrastrukturen dürfte Schartau weiterhelfen: Neben der noch intensiveren Einbindung des Standorts Regensburg in Forschungsnetzwerke wie das Bayerische Forschungsnetz in der Allgemeinmedizin (BayFoNet) und die Initiative Deutscher Forschungspraxennetze (DEGAM-ForNet) hat sie den Ausbau des Forschungspraxennetzwerks Ostbayern in der Oberpfalz und in Niederbayern im Fokus.

Gemeinsam mit den Praxen sowie dem Bayerischen Hausärzteverband plant sie Ideenworkshops, will Förderanträge realisieren und sicherstellen, dass gewonnenen Forschungsergebnisse zeitnah in den Praxen ankommen.

Sie selbst, erzählt Professorin Schartau, habe die Chance bekommen, schon während ihrer Ausbildung wissenschaftlich mitzuarbeiten und zu sehen, was sich mit praxisnaher Forschung erreichen lasse. Nicht zuletzt daher rühre ihre Begeisterung für die Allgemeinmedizin – und so ist es der Zentrumsleiterin auch in Regensburg wichtig, das Motto „Aus der Praxis in die Praxis“ zu etablieren.

Dass bereits ein umfangreiches Netzwerk an allgemeinmedizinischen Lehrpraxen besteht mit höchstmotivierten Fachärzten, die etwas zurückgeben und den hausärztlichen Nachwuchs qualifizieren wollten in einer teilweise unterversorgten Region, ist für Schartau ein Plus am Standort Regensburg.

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Sie will zum Mitdenken anregen

Und was kennzeichnet für die Professorin eine gute Universitätslehre in der Medizin darüber hinaus? „Sie verbindet neueste Forschungserkenntnisse und evidenzbasiertes, kritisches Denken mit früher und kontinuierlicher klinischer Erfahrung, interdisziplinärem Lernen sowie einer Didaktik, die Studierende aktiv einbindet und zum Mitdenken anregt. Im Zentrum steht dabei nicht die reine Wissensvermittlung, sondern der Erwerb zentraler Kompetenzen – vom klinischen Entscheidungsfinden über Kommunikation und Teamarbeit bis hin zu digitaler und ethischer Urteilskraft.“

Interaktive Lehrformate, Simulationen und digitale Werkzeuge könnten den Lernprozess unterstützen, ersetzten jedoch nicht die persönliche Begegnung mit Patienten und engagierten Lehrenden. Angehende Wissenschaftlerinnen will Schartau durch flexible Gestaltungsmöglichkeiten unterstützen und Rahmenbedingungen schaffen, die unterschiedliche Lebensphasen und Karrierewege berücksichtigen.

Patricia Schartau ist überzeugt: „Nur wenn Forschung, klinische Realität und exzellente Lehre konsequent zusammengedacht werden, entsteht eine Ausbildung, die auf eine zunehmend komplexe, wissenschaftlich fundierte und zugleich menschliche Medizin vorbereitet.“

Seit 1. September 2025 Professorin und Leiterin des Zentrums für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Regensburg

2019 bis Juli 2025 unter anderem University College, London, zuletzt Professorin in der Abteilung für Primärversorgung und Bevölkerungsgesundheit; parallel tätig in einer Hausarzt-Praxis; für NHS England Direktorin des Kompetenzzentrums allgemeinmedizinische Weiterbildung in London

2007 bis 2019 Medizinstudium, Facharztausbildung Allgemeinmedizin und akademische Stationen am King’s College London und dem Royal Free Hospital

2000 bis 2007 Studium der Psychologie und Neurowissenschaften an der University of Oxford und Promotion an der University of Cambridge

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