Künftig werden Rollen und Haltungen gelehrt
Die ärztliche Weiterbildung bekommt eine neue Struktur
Vom Kompetenz-Lernen hin zu Haltungen: Die Muster-Weiterbildungsordnung wird sich künftig an CanMEDS-Rollen orientieren. Der Ärztetag gab am Donnerstag grünes Licht für die gebietsübergreifende Neustrukturierung.
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Stellten die neuen Rollen für angehende Fachärztinnen und Fachärzte in Hannover vor: die beiden Vorsitzenden der Ständigen Konferenz „Ärztliche Weiterbildung“ der Bundesärztekammer, Dr. Johannes Albert Gehle (links) und Professor Henrik Herrmann.
© Rebekka Höhl
Hannover. Die Versorgungswelt verändert sich rasant. Dabei klaffen Anspruch und Wirklichkeit in der Weiterbildung zu oft auseinander – so beschrieb Dr. Wolf Andreas Fach aus Hessen auf dem 130. Deutschen Ärztetag in Hannover die Situation. Die Weiterbildungsordnung müsse flexibler werden, damit Weiterbildung auch noch in fünf oder zehn Jahren gesichert sei.
Einen wichtigen Schritt in diese Richtung hat der Ärztetag am Donnerstag gemacht: Künftig sollen gebietsübergreifend „grundlegende Rollen und Haltungen“ für den ärztlichen Beruf vermittelt und gelernt werden, beschloss das Plenum. Die bisherigen Methoden- und Handlungskompetenzen der Allgemeinen Inhalte der Weiterbildung für Abschnitt B weichen damit acht Rollen, die auf Basis der CanMEDS-Rollen – ursprünglich in Kanada entwickelt – ausgearbeitet wurden (s. Kasten). Darüber berichteten in Hannover die beiden Vorsitzenden der Ständigen Konferenz „Ärztliche Weiterbildung“ (StäKo) der Bundesärztekammer, Dr. Johannes Albert Gehle und Professor Henrik Herrmann.
Anerkennung bei Weiterbildungswechsel wird leichter
Die neuen Rollen könnten in Gänze oder jeweils einzeln von den Weiterbildungsbefugten bestätigt werden. „Damit können sie bei einem Wechsel der Weiterbildungsstätte oder Weiterbildung auch mitgenommen werden“, erläuterte Herrmann.
Der Vorteil der neuen Struktur: Bislang sind die Allgemeinen Inhalte der Muster-Weiterbildungsordnung (MWBO) in kognitive und Handlungskompetenzen unterteilt, die allerdings unter Berücksichtigung gebietsspezifischer Ausprägungen vermittelt werden sollen. Das heißt, bei einem Wechsel der Facharzt-Weiterbildung oder auch dem Erwerb eines weiteren Facharztes müssen die Kammern jeweils eine mögliche Anrechenbarkeit bereits erlernter Kompetenzen prüfen. Das kann im neuen Modell künftig entfallen.
Bereits bestätigte Rollen sollen im eLogbuch dokumentiert werden und bei einem Wechsel von Ärzten und Ärztinnen in Weiterbildung (ÄiW) selbst übertragen werden können.
Gefahr für Daten- und Patientenschutz
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Ärztliche Haltung lernen und lehren
Der für die beiden StäKo-Vorsitzenden und viele Delegierten wichtigere Vorteil ist aber, dass jungen Kolleginnen und Kollegen wie auch Weiterbildern klar abgefordert wird, ärztlich-ethische Haltung zu zeigen. „Das schärft unser Bewusstsein, dass wir Rollen erfüllen müssen und diese auch als Weiterbilder selbst einnehmen müssen“, sagte Mira Faßbach, Delegierte aus Nordrhein.
Professor Rüdiger Smektala aus Westfalen-Lippe argumentierte ähnlich: Es schaffe den Kammern bessere Möglichkeiten, die Qualität der Weiterbildung zu beobachten und zu kontrollieren. Und es unterstützte die Weiterbildungsbefugten darin, sich von ökonomischen Zwängen abzugrenzen und zu prüfen, wie man selbst die Macht, die man als Weiterbilder habe, nutze.
Auf die Sorge aus dem Plenum, dass die neuen Rollen vielleicht auch zu viel von den jungen Kollegen abverlangen könnten, sagte Herrmann: „Es ist ein Paradigmenwechsel und ja, es wird nicht ganz einfach in der Umsetzung sein. Aber es ist ein wichtiges Zeichen, dass ärztliche Haltung eine besondere Bedeutung hat.“ Und wo, wenn nicht in der Weiterbildung, solle diese vermittelt werden.
Zwei Rollen, die für einige Diskussion in Hannover sorgten, waren die des Teamplayers und die der Führungskraft. Es gebe junge Kolleginnen und Kollegen, die diese Rollen kaum erfüllen könnten und vielleicht auch in ihrem späteren Fachgebiet nicht unbedingt brauchten. Schließe man diese aus? Hier seien Weiterbilder und Kammern gefragt, sie zu unterstützen und zu trainieren, lautete schließlich die überwiegende Meinung. Auch dies sei Aufgabe derer, die weiterbilden. (reh)
Acht Rollen für Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung
Medizinische Experten: Ärztinnen und Ärzte sollen medizinisches Wissen, klinische Fähigkeiten und berufliche Werte anwenden, um eine hochwertige und sichere patientenorientierte Versorgung zu gewährleisten. Die Expertenrolle ist die zentrale ärztliche Rolle und definiert den klinischen Tätigkeitsbereich von Ärztinnen und Ärzten. Dazu gehören als konkrete Fähigkeiten etwa, dass sie medizinische Notfallsituationen erkennen und lebensrettende Sofortmaßnahmen durchführen. Dass sie sich in der Pharmakotherapie auskennen, aber etwa auch wissen, mit der ärztlichen Leichenschau umzugehen.
Kommunikatoren: Ärztinnen und Ärzte bauen eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung auf. Sie kommunizieren empathisch mit Patienten, Angehörigen, anderen Ärzten, Gesundheitsfachkräften und anderen Dritten im Interesse der Patienten unter Wahrung des Arzt-Patienten-Geheimnisses. Und sie tauschen wichtige Informationen für eine effektive Gesundheitsversorgung aus.
Teamplayer: Als Kooperationspartner arbeiten Ärztinnen und Ärzte effektiv untereinander zusammen, aber auch mit anderen Gesundheitsfachkräften und Akteuren im Gesundheitswesen, um eine sichere, hochwertige und patientenorientierte Versorgung zu gewährleisten.
Führungskräfte: Als Führungskräfte leiten Ärztinnen und Ärzte Teams an und arbeiten mit anderen, um zu einer Vision eines patientenorientierten Gesundheitssystems beizutragen. Sie übernehmen durch ihre Tätigkeit in Klinik, Verwaltung, Wissenschaft oder Lehre Verantwortung für die Bereitstellung einer hochwertigen Patientenversorgung.
Vertretung des Patienten: Durch Gesundheitsfürsprache bringen Ärztinnen und Ärzte ihr Fachwissen und ihren Einfluss ein, um die Gesundheit der Einzelnen und der Allgemeinheit zu verbessern.
Lehrende und Lernende: Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen Ärztinnen und Ärzte ein lebenslanges Engagement, um immer auf Höhe des aktuellen Wissens zu sein. Sie bilden sich kontinuierlich weiter, unterrichten andere, werten Erkenntnisse aus und tragen zur Wissenschaft und Forschung bei.
In ihrer Professionalität: Als Fachleute setzen sich Ärztinnen und Ärzte für die Gesundheit und das Wohlergehen einzelner Patienten und der Allgemeinheit ein. Sie handeln ethisch, halten hohe persönliche Verhaltensstandards ein, übernehmen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und achten dabei auf ihre eigene Gesundheit.
Im Kontext digitaler Medizin: Als Fachkräfte kennen Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeiten der digitalen Medizin und der Künstlichen Intelligenz mit ihren Chancen und Risiken. Sie setzen diese gezielt zur Information und Patientenversorgung ein und beteiligen sich an deren Weiterentwicklung.





