Ärzte Zeitung online, 11.10.2019

Gesundheitskiosk

Gesundheitskurse zwischen Handyladen und türkischem Gemüsegeschäft

Prävention direkt am Point-of-Care: Die Macher des Gesundheitskiosks machen, Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen Hamburgs Prävention und Gesundheitsberatung niedrigschwellig zugänglich.

Von Taina Ebert-Rall

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Beratungsgespräch im Gesundheitskiosk „Billstedt/Horn“: Oft geht es auch darum, mit Patienten Arztberichte noch einmal durchzusprechen.

© Klaus Balzer

HAMBURG. Von Sportgruppen für Menschen mit Diabetes oder Herzerkrankungen über Kurse für eine gesunde Ernährung bis hin zu Beratungen für Krebspatienten oder für die seelische Gesundheit: Der Gesundheitskiosk „Billstedt/Horn“ hält ein breites Angebot für die Menschen in diesen sozial schwächeren Stadtteilen Hamburgs parat.

Zwischen Handyladen und türkischem Gemüsegeschäft am Billstedter Markt gelegen machen es die Betreiber des Gesundheitskiosks den Menschen leicht, eben mal hineinzugehen und sich kostenfreien medizinischen Rat zu holen. „Bei uns dreht sich alles darum, die Menschen zu erreichen und ihnen Prävention so einfach wie nur möglich zugänglich zu machen“, sagt Gesundheitsökonom Alexander Fischer, der die Geschäfte der „Gesundheit für Billstedt/Horn“ führt. „So erreichen wir Gruppen, die sonst für Präventionsangebote nicht ansprechbar sind.“

Diabetes tritt zehn Jahre früher auf

Das 2017 begonnene Projekt im Hamburger Stadtteil Billstedt wird noch bis Ende 2019 vom Innovationsfonds gefördert und ist Teil eines Gesundheitsnetzwerks, das die „Gesundheit für Billstedt/Horn UG“ mit ihrem Hauptgesellschafter, dem Ärztenetz Billstedt-Horn, die AOK Rheinland/ Hamburg, die DAK sowie die Barmer in den Stadtteilen Billstedt und Horn gemeinsam mit Partnern aus der Region auf - beziehungsweise ausbauen.

Wie wichtig die Arbeit des Gesundheitskiosks für die Gegend ist, zeigt ein Blick auf das Krankheitsgeschehen. So treten chronische Erkrankungen wie Diabetes in Billstedt/Horn nach Angaben der AOK Rheinland/Hamburg fast zehn Jahre früher auf als im Hamburger Durchschnitt. Um das zu ändern, unterstützt auch die AOK Rheinland/Hamburg das Projekt, indem sie die Management- und Netzstruktur fördert, sich um die Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsmessung sowie um die Koordination kümmert und standardisierte Versorgungsmodule weiterentwickelt.

Patienten können leicht Mitglied werden: Sie besuchen den Gesundheitskiosk oder einen der teilnehmenden Ärzte, besprechen gemeinsam die Teilnahmeerklärung, kleben einen Aufkleber zur Bestätigung der Teilnahme auf die Gesundheitskarte und schon können sie alle Vorteile des Netzwerks kostenlos nutzen. Dazu gehören – neben der Unterstützung bei der Therapie – die Vermittlung von Ansprechpartnern im Gesundheitssystem, die verständliche Erläuterung von Arztberichten, Hilfe in schwierigen Familiensituationen und vieles mehr.

Für ein möglichst breites Beratungsangebot kooperiert der Gesundheitskiosk eng mit anderen sozialen Einrichtungen. Kursangebote externer Anbieter in den Räumlichkeiten des Gesundheitskiosks umfassen unter anderem die „Sprechstunde Seelische Gesundheit“, die „Sprechstunde Hamburger Wegbereiter“, die „Sprechstunde Pflegestützpunkt Hamburg-Mitte“, die Krebsberatung sowie die „Suchtberatung für Jugendliche und junge Erwachsene“.

„Durch unsere niedrigschwelligen Angebote und durch die zentrale Lage wird der Gesundheitskiosk sehr gut von den Menschen angenommen“, sagt Fischer und verweist auf die inzwischen mehr als 3500 eingeschriebenen Mitglieder sowie über 5700 Beratungen, die im Kiosk schon gegeben wurden. Die „Hitliste“ der Beratungen führen nach Fischers Angaben die Themen „Gewicht“, Ernährung“ und „Anträge“ an, gefolgt von Fragen rund um „Diabetes“, „Psyche“ und „Pflege“.

Ärzte überweisen an den Kiosk

Fischer: „Knapp die Hälfte der hier betreuten Patienten wird von Ärzten zu uns überwiesen. Meist sind das Chroniker, die hier quasi zu Managern ihrer Erkrankung ausgebildet werden. Für uns ist das ein großer Vertrauensbeweis. Die Ärzte wissen inzwischen, dass hier gut ausgebildete Leute arbeiten, und geben Patienten zum Beispiel für längere Beratungsgespräche an uns ab.“ Das betreffe etwa die Aufnahme der eingenommenen Medikamente zur Weiterleitung an den Arzt oder das Stellen von Anträgen für eine Reha. Andere Patienten kämen aus Eigenantrieb, „etwa weil sie gehört haben, dass wir Hilfe zur Selbsthilfe leisten und uns viel Zeit für die Beratung nehmen“, berichtet er. Wieder andere würden von sozialen Einrichtungen wie Elternschulen oder Pflegestützpunkten auf den Gesundheitskiosk aufmerksam gemacht. „Auch Schulen verweisen auf uns, zum Beispiel wenn ein Kind dauernd müde ist, weil es sich um kranke Angehörige kümmern muss.“

27 Arztpraxen, drei Kliniken und zehn Pflegeanbieter sind mittlerweile Leistungspartner des Projekts, 60 Ärzte gehören dem Ärztenetz an. Die Zahl der Kooperationspartner ist inzwischen auf 100 gewachsen. Das Modell des Gesundheitskiosks basiert auf Vorbildern aus den USA und in Finnland; dort werden in Retail Clinics und in Terveyskioski Gesundheitsleistungen und Beratungen in Einkaufszentren, Supermärkten oder Drogerien erbracht.

Beratung in acht Sprachen

Im Gesundheitskiosk in Billstedt arbeiten sechs fest angestellte Gesundheitsfachkräfte im Sinne des Berufsbildes der „Community Health Nurse“ – darunter Pflegewissenschaftler, Pflegefachkräfte, Gesundheitswissenschaftler und Medizinische Fachangestellte. Zur Vorbereitung haben sie ein umfassendes Schulungsprogramm am Institut für Allgemeinmedizin und Poliklinik (IPA) des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf durchlaufen und bei den in Billstedt und Horn niedergelassenen Ärzten, Stadtteileinrichtungen und Verbänden hospitiert.

Schließlich werden die Mitarbeiterinnen in den Beratungen häufig mit schwierigen Gesprächssituationen konfrontiert, etwa wenn ein Patient keine Krankheitseinsicht zeigt oder Hilfe nicht annehmen will. Deshalb werden die Beratungskräfte auch regelmäßig durch Fortbildungen und Supervision unterstützt. Schwerpunkt der regelmäßigen Fortbildungen sind eine patientenorientierte Gesprächsführung und der persönliche Umgang mit Patienten, die einen komplexen Versorgungsbedarf haben.

Die Berater stammen aus verschiedenen Kulturen und können entsprechend kultursensibel auf Patienten eingehen. Mit den im Team gesprochenen acht Sprachen (Polnisch, Türkisch, Russisch, Farsi/Dari, Portugiesisch, Spanisch und Englisch), die im Stadtteil besonders häufig sind, können viele der Ratsuchenden auch in ihrer Muttersprache betreut werden. Immerhin liegt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund im Stadtteil bei über 50 Prozent.

„Mit dem IV-Vertrag signalisieren wir, dass das neue sektorenübergreifende Versorgungsmodell aus unserer Sicht das Potenzial hat, dauerhaft in die Versorgung aufgenommen zu werden“, so Matthias Mohrmann, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg.

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