Ärzte Zeitung online, 26.01.2018

Mehr als Placebo-Effekt!

Fremdstuhl kann Reizdarm beruhigen

Typische Beschwerden eines Reizdarms lassen sich durch die Übertragung von Stuhl eines gesunden Spenders deutlich reduzieren.

Von Beate Schumacher

HARSTAD. Wissenschaftlich bewiesen und praktisch etabliert ist der Stuhltransfer bislang nur bei rezidivierenden Clostridium-difficile-Infektionen. Dysbalancen der Darmflora werden aber auch beim Reizdarm als mögliche Ursache angesehen. Schon länger wird daher vermutet, dass Patienten mit der funktionellen Störung ebenfalls von einer fäkalen Mikrobiotatransplantation (FMT) profitieren könnten. Die erste randomisierte placebokontrollierte Studie in dieser Indikation bestätigt diese Hoffnung (Lancet Gastroenterol Hepatol 2018; 3: 17–24).

Teilnehmer waren 90 Patienten mit einem nach den ROME-III-Kriterien diagnostizierten Reizdarmsyndrom (Irritable Bowel Syndrome, IBS), bei dem Diarrhö oder Diarrhö plus Obstipation die dominierenden Beschwerden waren und das als mindestens mittelschwer (IBS-Severity Scoring System (IBS-SSS) ≥ 175 Punkte) beurteilt wurde. 60 Patienten wurden einer aktiven, 30 einer Placebo-FMT zugeteilt. Für die aktive Therapie wurde Stuhl von zwei gesunden Spendern verwendet, für die Scheintherapie patienteneigener Stuhl. Für den Transfer wurden jeweils 50–80 g Fäzes – frisch oder gefroren – mit 200 ml isotoner NaCl-Lösung und 50 ml 85-prozentigem Glycerin gemischt und per Endoskop in das Caecum der Patienten eingebracht; diese hatten, um die Retention des "Transplantats" zu verlängern, zwei Stunden vorher 8 mg Loperamid geschluckt.

Weil drei Patienten nicht zum FMT-Termin erschienen und vier Patienten wegen einer mikroskopischen Kolitis nachträglich ausgeschlossen wurden, gelangten letztlich nur 55 mit aktiver und 28 mit Schein-FMT zur Auswertung.

Primärer Studienendpunkt war eine Reduktion des IBS-SSS um mehr als 75 Punkte nach drei Monaten. Dieses Ziel erreichten 36 (65 Prozent) der Patienten mit aktiver und 12 (43 Prozent) mit Placebobehandlung, ein gerade signifikanter Unterschied (p = 0,049). Zwölf Monate nach der Therapie hatte dieser Effekt noch bei 31 (56 Prozent) bzw. 10 (36 Prozent) Patienten Bestand, die Differenz war allerdings statistisch nicht mehr bedeutsam (p = 0,075). Die Veränderungen im IBS-SSS ließen sich nicht auf psychiatrische Begleiterkrankungen, den Gebrauch von Antibiotika oder Loperamid oder den Konsum von FODMAP (fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole) zurückführen. Der Effekt war außerdem unabhängig davon, ob frische oder gefrorene Stuhlproben verwendet worden waren.

Bei einem Patienten mit aktiver FMT kam es zu einer schweren Nebenwirkung: Er musste wegen Schwindel und Übelkeit einige Stunden stationär beobachtet werden. Drei Patienten – einer aus der aktiven und zwei aus der Placebogruppe – klagten über zeitweilige Bauchschmerzen. Fieber oder anhaltende Nebenwirkungen wurden nicht festgestellt.

Die Ergebnisse passen zu dem Konzept, wonach die Pathophysiologie beim Reizdarm "eng mit einer Störung der Darmmikrobiota zusammenhängt", wie die Studienautoren um Peter Holger Johnsen von der Universität in Harstad schreiben. "Die Daten sprechen außerdem dafür, dass die FMT ein Weg sein könnte, um diese Ursache des Reizdarmsyndroms zu korrigieren." Dies müsse aber noch in größeren Studien bestätigt werden.

Nach Einschätzung der norwegischen Ärzte ließe sich der potenzielle Nutzen des Stuhltransfers weiter verbessern, indem etwa die Behandlung mit Fäzes verschiedener Spender wiederholt und die Retentionszeit des Stuhlpräparats (durch Reduktion des Glyzeringehalts) erhöht werde.

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