Choreografin bringt behinderte Tänzer auf die Bühne

Von Sebastian Bräuer Veröffentlicht:

Hilflos krümmt sich der behinderte Afrikaner auf dem Boden. Mehrere Menschen schieben jenen Kaninchenkäfig hin und her, in den er eingesperrt ist. Henry Odongo hat die Augen weit aufgerissen und schreit "Stop!". Immer wieder, immer lauter. Doch die Gruppe quält ihn gnadenlos weiter.

Mit derartigen Szenen wolle sie Tabus brechen, sagt die Kölner Choreografin Gerda König. Bei ihren Tanzproduktionen mit behinderten Künstlern gehe es darum, sich über normale Vorstellungen von Ästhetik hinwegzusetzen.

"Kunst soll nicht schön sein", sagt die Choreografin. Die 39jährige hat vor zehn Jahren die Kölner Tanzgruppe "DIN A 13" gegründet und läßt behinderte und nichtbehinderte Künstler in gemeinsamen Inszenierungen auftreten. Im Frühjahr hat sie sich in Brasilien mit Tabus in der südamerikanischen Gesellschaft befaßt.

Demnächst möchte Gerda König, die selbst im Rollstuhl sitzt, in Malaysia Grenzen des asiatischen Wohlempfindens austesten. Derzeit ist sie in Kenia und hat sich afrikanische Tabus vorgenommen. Das Verbot von Homosexualität, die Kluft zwischen Armen und Reichen sowie die Unterdrückung von Frauen seien hier die wichtigsten Aspekte, erzählt die Künstlerin.

Anfang dieses Monats soll das einstündige Tanztheater "Dance meets differences" (Tanz trifft Unterschiede) im Nationaltheater und im Goethe-Institut in Nairobi zu sehen sein. Eine zusammenhängende Geschichte soll nicht erzählt werden, geplant ist eine Aneinanderreihung von einzelnen Szenen.

Die Choreografin hat für das Stück vier nichtbehinderte Tänzer aus Deutschland und Kenia und drei kenianische Behinderte ohne künstlerische Erfahrung ausgewählt. Einer von ihnen ist Odongo, der als wehrloses Opfer im Kaninchenkäfig auftritt.

Seit seiner Erkrankung an Poliomyelitis kann der 32jährige Kenianer nicht mehr laufen. Vor seiner Kür zum Hauptdarsteller eines Kunstexperiments hat er in einer Kleinstadt im Westen Kenias an der Hauptstraße gesessen und Maiskolben geröstet. Jetzt versucht er, unter Anleitung einer Deutschen die Tabus der kenianischen Gesellschaft sitzend oder liegend mit Tanzbewegungen darzustellen.

Behinderte haben es in Afrika noch viel schwerer als Behinderte in Deutschland oder anderswo in Europa. Sie werden nicht vom Staat unterstützt, häufig von ihren Familien eingesperrt und öffentlich beschimpft. Menschen mit einer Verstümmelung auf einer Bühne zu sehen, dürfte für die meisten Kenianer eine schockierende Vorstellung sein. "Viele haben mich ausgelacht, als ich erzählt habe, daß ich Tänzer werde", erzählt Odongo.

Auch die typisch europäische Kunstform des Tanztheaters ist in Kenia weitgehend unbekannt. Gerda König gibt sich überzeugt, daß ihr Stück trotz dieser Umstände gut ankommen wird: "Tänze sind besser geeignet als alles andere, Grenzen zwischen Kulturen und zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu überwinden." (dpa)

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

10 Fragen, 10 Antworten

Ausgeschlafen trotz Schichtdienst: Wie das klappen kann

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Detailansicht eines Windrades: Bringt eine ökologisch nachhaltige Geldanlage auch gute Rendite? Anleger sollten auf jeden Fall genau hinschauen.

© Himmelssturm / stock.adobe.com

Verantwortungsbewusstes Investment

„Nachhaltig – das heißt nicht, weniger Rendite bei der Geldanlage!“

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank)
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

© HL

Herbstsymposium der Paul-Martini-Stiftung

Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Zum Jahresstart

Das ändert sich 2026 für Praxen

Lesetipps
Eine ältere Frau ist gestürzt und liegt auf dem Boden.

© Rawpixel.com / stock.adobe.com

Gebrechliche Patienten

Hüft-Operation bei Herzpatienten: Wie sich Risiken minimieren lassen

Ein Arbeiter formt ein Metallschild mit der Aufschrift 2026

© flashmovie / stock.adobe.com

Neuerungen

Das gilt 2026 bei Abrechnung und Honorar